Friedland

Friedland fragt

09.06.2009 | 23:25

Die Neue Digitale Bewegung


In Schweden ist Christian Engström, der Spitzenkandidat der Piratenpartei, ins Europa-Parlament gewählt worden. Die Partei bekam über 7 Prozent aller schwedischen Stimmen, sogar 19 Prozent in der Gruppe der Jungwähler.

In Deutschland gelingt es einer Online-Petition trotz des heiklen Themas Kinderpornografie, gegen die Zensur-Ansätze der Bundesregierung aufzubegehren. Mittlerweile haben über 114.000 Personen mit ihrem vollen Namen für die Petition und somit gegen unkontrollierbare Internetsperren gestimmt.

Außerdem glühen die Köpfe und Tasten auch hier auf den Freitag-Seiten im Verlauf der Diskussionen um ein Zusammengehen bzw. Zusammenleben von klassischen Journalisten und netzaktiven und netzaffinen Bloggern.

Kurz gesagt: Die „Generation C64“ meldet sich immer hörbarer zu Wort. (Wobei es diese Generation in einer derartigen Einheitlichkeit wohl gar nicht gibt.) Ihr gegenüber stehen die sogenannten „Internetausdrucker“ in der Politik, die weder die Technik noch die Idee des Internets verinnerlichen wollen bzw. können. Die Fronten sind also mehr oder weniger klar.

Die moderne Gesellschaft kann einfach nicht mehr ohne Internet auskommen. Viele Arbeitsplätze hängen direkt vom Netz ab, konnten überhaupt erst durch dieses entstehen. Ein Leben ohne ständige Vernetzung, rasante Kommunikation oder allzeit verfügbares Wissen ist für die meisten Netzaktiven gar nicht mehr denkbar.

Diese vielen Online-Arbeiter ballen nun aber nicht länger die Faust in der Tasche, sondern hauen in die Tastatur – ganz offen und ganz öffentlich. Denn nichts ist schlimmer, als Regulierungen von PolitikerInnen ertragen zu müssen, die anscheinend rein gar nichts von den Funktionsmechanismen des Internets verstehen (und offenbar auch keine Beratung in diesem Bereich zulassen).

Am letzten Sonntag ist nun die Neue Digitale Bewegung folgerichtig im Europa-Parlament zu Sitz und somit Stimme gekommen – und wird prompt von zahlreichen, sogar etablierten Medien in einen Topf mit illegalen Filesharern geworfen. Das Wort „Piraten“ macht wohl viele nicht bloß auf einem Auge blind.

Die Fortführung des Internets mit politischen Mitteln war nur eine Frage der Zeit. In der Politik kommt nun ganz langsam an, was vor Jahrzehnten in Jugend- und Studentenbuden seinen Anfang nahm. Wird in zehn oder zwanzig Jahren aus dieser digitalen Ein-Punkt-Bewegung dann eine etablierte und ernst zu nehmende liberale und/oder grüne Fortschrittspartei geworden sein?

...fragt Friedland...

P.S.: Den Ausdruck „Neue Digitale Bewegung“ reklamiere ich jetzt mal für mich, denn selbst Tante Google kannte diesen Begriff noch nicht...

 
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Kommentare
Bildungswirt schrieb am 09.06.2009 um 23:46
"Wird in zehn oder zwanzig Jahren aus dieser digitalen Ein-Punkt-Bewegung eine etablierte und ernst zu nehmende liberale und/oder grüne Fortschrittspartei geworden sein?" Na, was denn sonst? Piraten, Partisanen, Rebellen aller digitalen Länder vereinigt euch. Auf zur Bewegung der Matrix in der Matrix. Entscheide dich: willst du die rote oder blaue Pille?
Gruß BW
Bildungswirt schrieb am 09.06.2009 um 23:52
Hatte ich doch glatt vergessen: Wer die Matrix-Trilogie nicht kennen sollte, hier eine kurze Einführung, gastronomisch gefiltert:
www.freitag.de/community/blogs/bildungswirt/kneipe--schule-4
I.D.A. Liszt schrieb am 09.06.2009 um 23:58
>Das Wort „Piraten“ macht wohl viele nicht bloß auf einem Auge blind,
Ich frage mich schon länger, ob der reale Kampf gegen reale Piraten vor der somalischen Küste nicht u.a. eine Art von Propaganda-Aktion ist, die gegen die Piraten der digitalen Bewegung mobil machen soll.
Friedland schrieb am 10.06.2009 um 00:05
Ich hab's schon mal an anderer Stelle erwähnt: Als echte Online-Piraten sollten wir öfter mal die Enter-Taste drücken...
Friedland schrieb am 10.06.2009 um 00:09
...und mit folgender Piraten-Strophe verabschiede ich mich für heute...

Wir sind die Piraten,
die Piraten, das sind wir.
Wir sollen das Pi raten,
doch wir tippen falsch auf vier.
Titta schrieb am 10.06.2009 um 00:18
Interessant. Auf der Taste 4 ist auch das $-Zeichen, das ich hiermit zum ersten Mal getippt habe.
merdeister schrieb am 10.06.2009 um 07:48
Warum können Seeräuber keinen Kreis berechnen?
Weil sie Pi raten.
merdeister schrieb am 10.06.2009 um 07:55
Solange Streifzug sich nicht darum kümmert werde ich mal fleißig linken:

Ein (aktueller) Berich über die Piratenpartei.

www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30482/1.html
Wettach schrieb am 10.06.2009 um 13:20
Während es vor der somalischen Küste um Piraten geht - aber nicht darum, die Ursachen der Piraterie, dass nämlich den Menschen von illegalen europäischen Tiefseefischerflotten die Lebensgrundlagen entzogen wurden, zu bekämpfen - geht es bei den KiPo-Sperren wie wir wissen nicht um die Kinder. Natürlich nicht. Nichtmal nur um die #btw09 sondern zum einen um die Regierungsbildung nach der Wahl, zum anderen um Netzsperren von allem möglichen.

Ein Problem von vielen dabei für uns aufgeklärte und grüne Menschen: Von VIVAs Gorny bis Wiefelspütz Zipfelmütz gibt es auch in der naiven Öffentlichkeit zuviele die nicht nur WoW für eines der berüchtigten "Killerspiele" halten sondern die auch froh wären wenn es im Internet nicht so viele "Schlimme Dinge" gäbe (wie derlei bei Munchkin so schön zusammengefasst wird).

Kurz gesagt: Eine Volksabstimmung über Netzsperren für "Schlimme Dinge" würde ich derzeit gerne vermeiden wollen - eine Susanne Gaschke sieht in der ZEIT ja schon den veritablen Untergang des Abendlandes kommen wenn nicht endlich den Filesharern per Netzsperren das Handwerk gelegt wird.

Ganz ehrlich: Gäbe es eine Volksabstimmung über Netzsperren Ja/Nein, dann dürfte sie derzeit nur als eVoting stattfinden, um das Ausmaß wuchernder Ignoranz auch diesseits von BILD und "brisant" mangels einfachster Netzkenntnisse auszuschliessen.

Was die "Neue Digitale Bewegung" angeht, der ich wünschen würde dass viele von ihnen bei den JuLis der FDP unter- und bei uns Grünen ein-wandern (unterwandern braucht man uns nicht - von Kulturflatrate bis zum Freien Internet sind die wesentlichen Themen mit den richtigen Antworten seit der BDK in Berlin Beschlusslage der GRÜNEN).

Relevant sind 1% der tatsächlich Wählenden schon heute - ob sie REP statt CDU/CSU oder LINKS in bröckelnden SPD-Hochburgen oder Piraten in GRÜNE-Hochburgen wählen. Schon deshalb weil niemand auf das eine Prozent verzichten möchte, um das möglicherweise die große Konkurrenz dann die Nase vorne hat. Ob die Piraten dann dem Weg der Grünen in die Parlamente folgen können oder lieber auf Grün-Alternativen Listen mit den Grünen in die Parlamente gehen sollten lasse ich hier offen.

Möglich ist ja auch ein Schicksal wie das des AMIGA, an den sich zumindest die Generation C64 noch erinnern wird: Besser für die User, intelligenter im Umgang mit den Ressourcen, seiner Zeit voraus, die schlaueren Köpfe dahinter - aber mehr Geld bei den anderen und deshalb heute: von einigen unvergessen, den meisten gar nicht bekannt und im Osten Deutschlands nur für eine Schallplattenmarke gehalten.

Mit grünen amigoiden Grüßen aus dem grünen Tübingen,
Wolfgang G. Wettach
Friedland schrieb am 10.06.2009 um 20:08
Wow, danke für diesen Kommentar. Der wäre an sich einen eigenen Blog-Eintrag wert gewesen...

Noch ist die deutsche Piratenpartei für mich politisch nicht einzuordnen, die schwedische allerdings wohl eher dem konservativen lager zugeneigt, was man so liest.

Die Grünen haben in der Tat von allen größeren Parteien in Deutschland die "netzafinsten" (ich hoffe, Sie sind kein Germanist...) Mitglieder in ihren Reihen.

Ach übrigens: Glückwunsch zu den 21% in Tübingen!
Philip Grassmann schrieb am 10.06.2009 um 21:43
Ich glaube auch, dass sich da etwas grundlegendes ändert. (Und wir beim Freitag wollen ein bisschen dabei mithelfen.) Ich glaube, dass es nicht einmal zehn Jahre dauern wird, bis die Politik im Netz angekommen sein wird. Im Augenblick herrscht bei den Parteien weitgehend noch Ignoranz und Unverständnis. Aber das wird sich ändern. Und damit auch unser Verständnis von Kommunikation und Öffentlichkeit.
"Neue Digitale Bewegung" gefällt mir sehr gut als Bezeichnung für das, was sich gegenwärtig entwickelt. Vielen Dank, Friedland.
merdeister schrieb am 11.06.2009 um 14:35
"Neue Digitale Bewegung" passt ja auch, weil man zum tippen die Finger braucht.
Nils Bremer schrieb am 11.06.2009 um 19:17
Es stimmt: das ist alles bloß eine Generationenfrage. Zugespitzt gesagt: irgendwann werden auch die CDU-wählenden Rentner mit dem Internet aufgewachsen sein und die Sache ein wenig entspannter sehen.
Dazu kommt: sobald sich eine Alternative findet, hinter denen viele Leute stehen, dann werden sich die größeren Parteien schlicht anpassen (siehe Umweltpolitik).
Bildungswirt schrieb am 12.06.2009 um 10:41
Die "Neue-Digitale-Piraten-Bewegung" muss sich auf hoher See noch bewähren. Im Moment sind viele noch als Badewannen-Kapitäne unterwegs, vielleicht für den Baggersee geeignet. Vom Bodenssee bis zum Mittelmeer ist dann nur noch ein kleiner Sprung über die Alpen.
Digitales Glück-auf.
Übrigens: Die Tipperei hat hoffentlich bald ein Ende, wenn die Spracherkenungsprogramme endlich Hochseereife erreichen.
Gruß BW
Streifzug schrieb am 11.06.2009 um 19:32
"Neue Digitale Bewegung"
Hast du den Begriff schon schützen lassen? Domain gesichert?

Nicht dass er noch geentert wird.
Friedland schrieb am 11.06.2009 um 20:26
Ganz im Sinne der NDB: der Begriff kann ruhig von allen verwendet werden, Open Source eben...
Streifzug schrieb am 11.06.2009 um 21:15
Schön.
Ich sammele gerade übergangsweise Begriffe der Community.
Wer noch welche weiß - melden.

knol.google.com/k/streifzug/perlen/1pzr5kvx0y4ym/8
Leibowitz schrieb am 11.06.2009 um 23:56
Eines der Probleme ist doch dass die meisten Rechtsgrundlagen für das Internet noch aus Zeiten stammen, in denen z.B. File-Sharing noch nicht existierte. Zudem haben es Konzerne wie die Gema und die Musikindustrie bisher nicht geschafft, ihre Geschäftsmodelle den Möglichkeiten anzupassen. Und leider drucken die meisten Politiker "ihr Internet" nicht einmal selbst aus, sondern bekommen es aus zweiter Hand. Solche Menschen können keine Politik für Menschen machen, für die das Netz zum Leben dazugehört. Ob die Piratenpartei DIE Lösung sind, kann ich nicht sagen aber auf jeden Fall wird Bewegung in die Sache kommen.
Streifzug schrieb am 12.06.2009 um 15:16
Kennen Sie den?

Treffen sich die SPD und die Piratenpartei bei 18%...

(Aus der Piraten-Mailingliste)
Friedland schrieb am 13.06.2009 um 00:10
Nach den neuesten Mitglieder-Zugängen in der Community zu urteilen, kapern die Piraten bald vielleicht auch die Freitags-Blogge-Kogge. Ich bin auf jeden Fall auf mögliche Diskussionen gespannt...
merdeister schrieb am 13.06.2009 um 18:39
Die haben wohl auf Dich gehört. Was macht man denn, wenn andere die Enter-Taste benutzen?
Friedland schrieb am 13.06.2009 um 21:58
Ich hab' auf meiner alten Mac-Tastatur eine "Hilfe"-Taste, da hat Apple also vorgesorgt...

Bei PCs hilft wohl nur Escape (oder bei Senioren-Piraten: Alt + Entfernen)!
Friedland
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