Friedland

Friedland fragt

20.04.2010 | 22:30

Intoleranz in Göttingen - Ein weiteres beschämendes Kapitel

Bereits vor etwa einem Jahr machte Göttingen negativ Schlagzeilen, als ein Mitarbeiter des Sozialamtes die auf der Straße erbettelten Münzen im Hut eines Hartz-IV-Empfängers zunächst schätzte, dann auf einen Monat hochrechnete und diesem daraufhin die Leistung kürzte.

Nun kam ein neues Kapitel im Umgang mit unerwünschten Personen dazu, allerdings zunächst von unerwarteter Seite. Bereits vor einigen Tagen machte der Fall einer Mitarbeiterin der Göttinger Ausländerbehörde Schlagzeilen, die wegen ihres Berufes nicht in einem alternativ orientierten Lokal frühstücken durfte. Auch die taz berichtete (online) darüber.

Im Zuge der Diskussion über Toleranz und Diskriminierung wurden vom lokalen Monopol-Berichterstatter "Göttinger Tageblatt" nun auch andere Gaststätten- und CafébetreiberInnen um eine Einschätzung gebeten. Eine Cafébetreiberin holte dabei die ganz große Keule heraus. Zum Thema "Hausrecht in der Gastronomie" ließ sie sich dabei nicht nur über ungehobelte oder nicht zahlende Gäste aus, sondern auch über die Bettler in der Stadt, die sie als "Dreck" und "Ungeziefer" bezeichnete.

Die lokale Politik ist entsetzt und fassungslos. Ich bin es ebenso und werde, falls sich für diese Wortwahl nicht ausdrücklich entschuldigt wird, sicherlich nie wieder Geld für Kuchen oder Torten dieses über Göttingen hinaus bekannten Cafés ausgeben. Oder vielleicht sollte ich stattdessen dort Gutscheine kaufen und diese an Bedürftige verteilen...

 

 

Update 29.04.10:

Inzwischen hat sich die Betreiberin des Göttinger Cafés für ihre Äußerungen entschuldigt. Zum Imageschaden kam jedoch mittlerweile ein tatsächlicher Schaden hinzu: Unbekannte haben nachts die Schaufensterscheiben mit Steinen eingeworfen. Eigentlich traurig, wenn Gewalt (gegen Sachen) als Protest gegen fragwürdige Äußerungen missverstanden wird...

 

 
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Kommentare
luggi schrieb am 20.04.2010 um 22:49
Lieber friedland,
ich schreib jetzt nicht, dass ich es gelesen habe, aber es ist eine Sauerei, was du hier schilderst. Nächstens werden Aufpasser eingestellt, die das Pfandflaschensammelverhalten überprüfen und hochrechnen. Gibt bestimmt noch andere Möglichkeiten und Orte.
Friedland schrieb am 20.04.2010 um 22:59
Beim eingangs genannten Fall ist der Oberbürgermeister auch rasch zurück gerudert und die Kürzungen wurden wohl rückgängig gemacht. Man sprach damals, glaube ich, von einem "übereifrigen" Mitarbeiter, der sich allerdings nur an die Gesetze gehalten habe.
merdeister schrieb am 20.04.2010 um 23:01
Bevor Pfandflaschen abgegeben werden, wird der Personalausweis eingelesen. Betrag und Art der Flaschen werden an die Arge und das Gesundheitsamt weitergegeben. Der Betrag wird angerechnet und bei zuviel Alkoholkonsum doppelt abgezogen.
merdeister schrieb am 20.04.2010 um 23:03
Vielleicht sollte man auch Pfandflaschenabgabeberechtigungsbescheinigungen einführen.
luggi schrieb am 20.04.2010 um 23:19
merdie, du weißt, ich mag deinen Sarkasmus, und du vielleicht meinen.
Aber ich hab hier im weiten Umfeld die Problematik, die friedland beschrieb, unmittelbar vor der Haustür. Es ist scheiß-, schnurz- und pupegal, die Leute suchen nach jeder nur möglichen Einnahmequelle für ein minimales Leben. Und das Groteske ist, sie versuchen alles, um ihre Armut zu verstecken. Aber sie ist erkenn- und sichtbar. Zu den sozialen Folgen, und psychischen Folgen für die Kinder, mag ich jetzt einfach nicht schreiben.
merdeister schrieb am 20.04.2010 um 23:40
Hast ja recht, ich packe meinen Sarkasmus wieder ein.
Hier gehen auf der Partymeile die Leute Abends mit Tüten von Gruppe zu Gruppe und nehmen den Feiernden die Flaschen direkt aus der Hand (nachdem sie gefragt haben). In den Zügen, die Fans zum Stadion bringen sind auch immer welche und sammeln die Dosen und Flaschen. Gibt es nicht diesen Begriff, der Beschreibt wie der Wohlstand von den Wohlhabenden nach unten tröpfelt, zu den Armen und je mehr die Oben haben, desto mehr tröpfelt runter, so wie die Flaschen und Dosen...

Mist, jetzt ist der Sack mit dem Sarkasmus wieder aufgegangen.
luggi schrieb am 20.04.2010 um 23:50
Na gut, jetzt bin ich nicht sarkastisch, sondern zynisch. Es gibt Leute, die behaupten, dass aus bestimmten Gründen das Pfandsystem vor Hartz IV eingeführt wurde. Könnte was dran sein.
Alien59 schrieb am 21.04.2010 um 09:28
Luggi, so langsam bin ich so weit, auch das zu glauben.

Hartz IV ist ohnehin ein Konstrukt zur völligen Versklavung. Alles wird offengelegt, beurteilt, abgerechnet.

Der ALG-II Bezieher wird zudem dazu gezwungen, ständig daran zu denken, was er alles vermeiden muss, um nicht mit den Argen in Schwierigkeiten zu kommen. Mir fiel das auf, als vor meiner Auswanderung ich gerne einer Freundin einige Sachen zum Versteigern bei ebay geben wollte - mit der Bitte, die Erlöse für mich aufzuheben und später zu schicken. Ging nicht - Geldeingang auf ihrem Konto wäre ihr abgezogen worden.
Mini-Beispiel, ich weiß, gibt viel Schlimmeres, aber so ein Mosaiksteinchen, wie auch soziale Beziehungen durch diese sogenannte Gesetzgebung in Mitleidenschaft gezogen werden.
Alien59 schrieb am 21.04.2010 um 09:36
Ich habe den Artikel in der taz gelesen. Tja, so kanns einem gehen - ich hätte die Frau auch nicht bedient.
Man muss nur mal unter "Göttingen Abschiebung" googlen, dann vergeht einem die Lust auf jeglichen Sozialkontakt mit Mitarbeitern dieser Behörde.
rolf netzmann schrieb am 21.04.2010 um 10:58
Anfang der 90 er habe ich Gäste des Hotels, in dem ich damals arbeitete, in ein Lokal geschickt, das wir öfter empfohlen haben. Diese Gäste wurden unter Verweis auf das Hausrecht nicht bedient und aufgefordert, die deutsche Gaststätte wieder zu verlassen. Ihr Problem war, sie waren Afrikaner. Wir haben als Hotel nie wieder Gäste in dieses deutsche Lokal geschickt und waren auch selber nie wieder dort einkehren. Das von dir beschriebene gibt es immer wieder, und die Möglichkeiten, dagegen etwas zu tun, sind begrenzt. Ein Boykott wird immer nur auf einen kleinen Personenkreis begrenzt sein und nur wenig ausrichten.
Nur wenigstens das sollten wir tun.
Querdenker schrieb am 21.04.2010 um 12:18
Sie sind entsetzt, weil jemand unverblümt die Realität und seinen Arbeitsalltag beschreibt? Wagen Sie sich doch mal lieber an die Ursachen für Armut und gesellschaftlichen Verfall heran, anstatt mit Blumen und Mitleid diese Zustände zu konservieren. Und zum Kabale-Team kann man nur sagen: Typischer Fall von positivem Rassismus unter Wohlstandsjugendlichen. Die Leute sind meist keinen Deut besser als irgendwelche Nazi-Dorfglatzen.
Alien59 schrieb am 21.04.2010 um 12:23
Und Sie unterstützen es, wenn jemand Menschen als "Ungeziefer" bezeichnet?
Querdenker schrieb am 21.04.2010 um 12:54
Oh mein Gott, sie hat wirklich "Ungeziefer" gesagt. Auf den politisch korrekten Scheiterhaufen mit ihr! Also ich unterstütze es, wenn Menschen sagen, was sie denken. Heuchelei und Schönfärberei kann ich absolut nicht ausstehen.
merdeister schrieb am 21.04.2010 um 13:49
Da fällt mir ein: Gestern war Führers Geburtstag.
B.V. schrieb am 21.04.2010 um 17:52
"....Oder vielleicht sollte ich stattdessen dort Gutscheine kaufen und diese an Bedürftige verteilen..."

Sehr gute Idee. Täglich 10 Obdachlose mit Gutscheinen ausstatten und ins Café schicken. Das wird eine heilsame Wirkung haben auf den Betreiber.
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