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Ich könnte kotzen. Mich übergeben. Aber ich kann nicht, wenn jemand zuschaut. Jemand? Tausende! Manche stehen einfach nur da, andere schwenken irgendwelche Plakate, rufen, pfeifen, johlen. Einige rufen nach mir, sie rufen meinen Vornamen, weil der auf meiner Brust steht. Um mich herum sind noch so viele andere, schwitzend, hechelnd, stinkend. Ich würde sie wahrscheinlich treffen, wenn sich mein Mageninhalt aufs Pflaster ergießt, sie könnten ausrutschen auf meiner Kotze, fallen, stöhnen, noch mehr stinken.
Aber mir ginge es besser, dann wäre dieser Brei aus Bananen, Orangen und irgendeinem klebrigen Riegel endlich draußen, ich schleppe das Zeug schon seit zu vielen Kilometern mit mir herum, irgendwo zwischen Mageneingang und Adamsapfel. Aber es ist das Einzige, was sie uns hier zu essen anbieten. Auf diesen langen Tischen mit vorgehäckseltem Obst und Tausenden gefüllten Plastikbechern. Wenn man Glück hat, ist da schales Wasser darin. Wenn man Pech hat, ein isotonisches Getränk, das wie aufgelöster Klostein aussieht und auch so schmeckt.
Aber trotz allem kriegen sie mich nicht klein, nicht hier, nicht mehr. Nur noch sieben lausige Kilometer, nur noch ein sechstel der Strecke. 84 Prozent habe ich schon, der Rest ist Kindergeburtstag. Nur fängt dieses Kind in mir jetzt an zu heulen, fragt dauernd "Wann sind wir endlich da?" und "Warum? Warum? Warum?" Weil ich es machen muss, bestehen muss, bis zum Ende durchhalten muss. Darum. Vier Stunden sind das Ziel, weniger wären besser. Alles, was man vier Stunden lang macht, tut irgendwann weh. Das hier tat schon nach einer Stunde weh. Erst der Knöchel, dann das Knie, die Hüfte, der Rücken, das andere Knie, die Oberschenkel, einfach alles. Mein ganzer Körper ist jetzt Schmerz, dumpf und schwarz.
Die Jagd hatte ziemlich früh am Morgen begonnen und die Würde war ihr erstes Opfer. Sie standen zu tausenden eng zusammen, hatten blaue Müllbeutel gegen die Kälte übergezogen, tranken noch einen letzten Schluck aus kleinen Plastikflaschen, pinkelten diese dann voll, warfen sie weg. Hunderte Pisseflaschen lagen zwischen den Läufern auf der Straße, sie traten dagegen, es spritzte warm an fremde Beine, sie zielten auf vermeintlich Schnellere, also auf alle vor ihnen. Die Stadt der Liebe wurde zur Cité de la Pisse.
Und trotzdem: loslaufen, weiterlaufen, nicht anhalten, nicht nachdenken, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Nicht der, der nicht! Der kann ja nicht mal geradeaus laufen, der schnauft sich ins Ziel, aber hinter mir, also dranbleiben, ganz dicht. Sein Schnaufen schwillt gefährlich an, sein Kopf auch, er wird langsamer, sein letzter Atemzug soll kein Schnaufer sein, er hält, er hält sich die Oberschenkel, der hielt sich wohl für Dieter Baumann. Dieter ist Geschichte, passiert, jetzt wieder so einer, nein, eine, aber ihre Hormone sind da anderer Ansicht. Wie viele Frauen wohl heute schließlich schneller sind als ich? Sicher weniger als die langsameren.
Dafür habe ich Monate trainiert, meine Wochenenden geopfert, bin gelaufen, gespurtet, getrottet, gerannt, gejoggt, gerast, geschlendert, gesprintet. Um in einer keuchenden Menge, die in buntes Plastik gezwängt durch die Straßen von Paris hechelt, um in dieser Menge einer zu sein, irgendeiner, Platz 8.392 oder 4.543 oder 12.477. Denn danach werden sie zu Hause fragen, die, die nie einen Marathon gelaufen sind. „Und, welchen Platz hast du gemacht?“ Als ob es auf die Platzierung ankäme. Es kommt darauf an, anzukommen, durchzukommen, alle Hindernisse zu überwinden. Es geht letztendlich darum, das Pferd zu fangen, das früher mal ein Schweinehund war...
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lieber friedland, well done.
meinen kommentar schrieb und sang rainhard fendrich: Es lebe der Sport... |
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sicher geht's den sportlern darum, dem pferd den schweif abzureißen, denn 'horsetail tea' soll ja bekanntlich ausgelaugte sportler kräftigen. das gilt im übrigen nicht für die sportstudenten der spo-ho und hier im haus, die jeden tag schon in aller herrgottsfrühe um einen herumhecheln - sie lassen den ackerschachtelhalm vor der eigenen haustüre in den beeten wuchern und lieber den hausmeister ackern.
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Wow -
blogrunner Friedland on the road! |
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Ein Freund von mir hat in der Vorbereitung auf einen Marathon einmal auf den Konsum von Fleisch verzichtet, weil es zu dem Zeitpunkt gerade viele Gammelfleisch-Skandale gab. So aß er auch keins, wenn er Lust darauf hatte. Nach 35Km dachte er im Anblick der dargebotenen Bananen: "Was soll ich mit dem Obst, gebt mir eine Wurst"
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Und: Glückwunsch!
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Mein letzter Marathon ist schon einige Jahre her, der kommende "Marathon de Paris" wird in einem Monat auch ohne mich ablaufen, aber Stockholm und Reykjavik sind (noch) sehr gute Tipps für den (städte)reisenden Läufer...
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Nach der Plazierung zu Fragen käme mir nicht in den Sinn. Wen juckt's?
Allenfalls nach dem und "Was hat's gebracht?" Rheinischen Sauerbraten oder war das Pferd doch nicht zu fangen? Aber beim nächsten mal, wenn der Leidensdruck (welcher eigentlich) nicht ganz so schlimm war oder noch schlimmer wurde. PS nettes Teil, dass mit der Internetzensur. Ich dachte sofort an einen Virus. |
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Internetzensur? Ich bitte um Aufklärung!
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schrieb am
12.03.2010 um 10:21
Bei mir heute morgen auf dem Rechner meldet sich ein Popup mit einem Hinweis auf einen Tag der Internetpressefreiheit oder so ähnlich. War zu früh, um es sich genau zu merken.
PS Heute morgen vergessen zu schreiben. Ich bin mit meinem inneren Schweinehund voll einverstanden und will ihn gegen kein Pferd eintauschen. ;-) |
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schrieb am
12.03.2010 um 11:56
Ich gebe inzwischen bei solchen Gelegenheiten den obligatorischen Winston Churchill (No Sports)und bestätige dazu MisterLs Beobachtung zum beschriebenen Popup.
Zum Marathon fahre ich aber doch immer nach Steinfurt, immer im März, um mir Schloß und Altstadt anzugucken, - und diesmal auch die Freßtheke für die Läufer ... |
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schrieb am
12.03.2010 um 12:52
Saiten. Soso, wer singt denn auf der Laier?
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schrieb am
12.03.2010 um 12:42
Oh, da kann es üble Haltungsschäden geben...
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toller Text! der kriegt Sternchen :)
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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