... und zweitens: als man denkt!
Ich weiss noch ziemlich genau das ich als kleines Kind immer davon geträumt habe, Tierärztin zu werden. In dieser Vorstellung hatte ich einen riesigen, deutschen Schäferhund mit einem nietenbesetzten Halsband, trug eine Lederhose - wie diese supercoolen, vollbärtigen Motorradfahrer - Springerstiefel, wie die Punks, die sich an der Domplatte in Köln immer volllaufen lassen und meinen schwarzen, Aktenkofferähnlichen Tierarztkoffer hatte ich auch immer im Schlepptau.
Ich gebe zu: in Anbetracht der Tatsache, dass ich ein gerade erst fünf oder sechs Jahre altes Mädchen war, sind diese Zukunftswünsche wohl eher ungewöhnlich - aber irgendwie hat mich diese Vorstellung genauso fasziniert, wie die bunten Graffitis an Troisdorfs Bahnhofswänden.
Ich wollte genauso furchterregend sein, wie die Rocker mit ihren Fransenlederjacken und den stinkenden, lauten Maschinen, genauso cool wie die Punks mit ihren bunten Papageien - Irokesenfrisuren. Ich wollte total buisy werden, alles im Griff haben und unschlagbar gut aussehen! Ich wollte mit meinem Schäferhund durch Troisdorfs Strassen marschieren und Angst und Schrecken verbreiten. Ich wollte die Lizenz zum töten! Jawohl!
Jetzt, fast 20 Jahre später, habe ich gerade mal die Lizenz zum Arsch abwischen und ich glaube, mein Hinterteil in einer Lederhose wäre im höchsten Maße Augenkrebs erregend.
Der Schäferhund ist auch etwas kleiner geraten als geplant - nichtmal ganz kniehoch - und erschreckt sich vor seinen eigenen Fürzen.
ABER! die bunte Papageien - Irokesenfrisur, DIE hatte ich schon! Naja... fast. Die Seiten waren nicht ausrasiert und der Iro war auch nicht annähernd 'nen Meter hoch. Aber ich war zumindest ansatzweise schonmal nah dran.
Unschlagbar gut aussehen tu' ich auch nicht.
Gott scheisse nein, ich bin auch nicht hässlich! Nur etwas - nun ja, sagen wir: speziell!
Als 6 Jährige konnte ich ja auch nicht wissen, das gutes Aussehen ab einem gewissen Alter mit meinen Genen Utopie ist, sonst hätte ich diesen Gedanken wohl auch gleich wieder beiseite geschoben.
Es ist also alles etwas anders gekommen, als ich das geplant hatte.
Ich habe eigentlich auch so gut wie nichts im Griff.
Am allerwenigsten die komischen Gesichtsentgleisungen beim Blick auf meine Kontoauszüge, denn Tierärztin bin ich natürlich auch nicht geworden. Auch meine späteren Ausweichsberufswünsche; Journalistin, Designerin, Künstlerin, Autorin oder ähnliches sind es nicht geworden.
Stattdessen habe ich nach der Schule ein halbes Jahr lang mit einem miniatur Sabbersauger uralten Menschen und Knastinsassen Bohrwasser und Speichel aus dem Rachen gesaugt, damit sie an selbigem nicht ersticken - wobei - manchmal kam mir schon der Gedanke, ob ich den Sauger nicht einfach aus deren weitaufgerissenen Mäulern rausnehmen und dem Leiden der armen Menschen ein Ende setzen soll. Wäre sicher in manchen Fällen der schönere Tod gewesen.
Nachdem ich dann festgestellt habe, dass diese Berufsrichtung so gar nichts für mich ist, habe ich einen anderen Weg eingeschlagen.
Nach zwei Jahre langer Plackerei habe ich die Lizenz zum Arsch abwischen in Kindergärten erhalten! Ich bin eben ein äußerst fürsorglicher und sozial eingestellter Mensch. Deswegen habe ich diesen Beruf auch nur drei Jahre lang ausgeübt ...
Zwischendurch wurde das täglich Brot durch Tellertaxiarbeiten verdient. Ich glaube, darin war ich ganz gut. Ich habe es immer noch rechtzeitig geschafft, den Drang zu unterdrücken, die geizigen alten Rentner mit meinem Tablett zu erschlagen, wenn sie mir auf 4,95 einen Fünfeuroschein hingelegt und mir ganz gönnerhaft ein "Stimmt so" entgegengeflötet haben. Ich finde, dass ist eine Leistung, auf die ich durchaus stolz sein sollte!
Telefoniert habe ich auch schon ein halbes Jahr. Mir sind auch nur in ganz seltenen Fällen mal wüste Beschimpfungen rausgerutscht.
Nächstes Jahr werde ich ein viertel Jahrhundert alt. Ein verdammtes, scheiss, viertel Jahrhundert! Fünfundzwanzig Jahre in denen sich sowohl die Ansprüche an meine Zukunft auf das minimalste reduziert haben, als auch die Ansprüche an mich selber. Mit 25 baut der Körper einer Frau nämlich langsam richtig ab!
Die Brüste werden katholisch (zieht man den BH aus, fallen sie auf die Knie), die Haut wird runzlig und runzliger und im Vergleich zu den in den Kniekehlen baumelnden Arschbacken, werden die Knochen auch um einiges knackiger. Irgendwann nimmt auch der Haarwuchs, den man sich als 13 Jährige in bestimmten Körperregionen so sehr herbeigewünscht hat, Maße an, mit denen man keineswegs mehr leben kann und möchte. Dann muss man mit der Pinzette plötzlich nicht nur die Augenbrauen in Form zupfen, sondern auch büchelweise Gestrüpp aus Ohren und Nasenlöchern entfernen.
Spiegel, in denen ich mich ganz betrachten könnte, habe ich rein vorsorglich bereits jetzt aus meiner Wohnung verbannt. Ich denke, es ist nicht nötig, dass ich tagtäglich beobachten kann, wie alles an mir ein Stück weiter nach unten und viele Stücke weiter in die Breite wandert.
Ich habe manchmal das Gefühl, mein einst scharfer Verstand lässt langsam auch schon nach und das, obwohl ich das viertel Jahrhundert ja noch gar nicht erreicht habe. Ich war eben in gewisser Hinsicht schon immer etwas frühreif!
Äußern tut sich dieses Phänomen oft schon am frühen Morgen, wenn ich völlig verwirrt mit meiner Kaffeetasse vor der Senseomaschine stehe und mich frage, was ich vor hatte. Oder aber für ein Aufbackbrötchen meinen Ofen vier Stunden vorheize und mich gegen Mittag über den knurrenden Magen wundere.
Als Hausfrau und Mutter wäre ich wohl definitiv eine Katastrophe, diese Option wurde also aus den Zukunftsplänen bereits gestrichen.
Meine Wohnung ist nicht dreckig. Nicht unordentlich. Ich habe eben nur ein Ordnungssystem, durch das ein normaler Mensch niemals durchsteigen würde.
In der Küche bin ich als gemeingefährlich zu bezeichnen. Eine Gefahr für die gesamte Menschheit. Ich schätze, ich würde es durch meine Kochkünste sogar hin bekommen, in meinen Töpfen eine äußerst tödliche, biochemische Waffe zu 'kochen' und Elektrogeräte werden durch meine "Ich-muss-100-Dinge-auf-einmal-erledigen-Mentalität" regelmäßig zerlegt.
Ganz abgesehen davon funktioniert Familienplanung in der Regel alleine ohnehin nicht. Aber mal ehrlich:
Welcher Mann will denn schon eine solche Vollkatastrophe? (Anmerkung am Rande: Jetzt, ein Jahr später, habe ich tatsächlich einen gefunden, der sich freiwillig geopfert hat!)
Früher fand ich zum Beispiel auch diese Liebeschnulzen im Fernsehen zum kotzen.
"Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück, 50 erste Dates, Wie werde ich ihn los in 10 Tagen."
Mittlerweile ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich diese oder ähnliche Filme förmlich verschlinge! Am Ende kriegt die Verrückte den Kerl. Am Ende kriegt die einst Karrieregeile den Kerl und sogar die FETTE kriegt ihn! PAAH! Sowas funktioniert ja auch nur im TV!
Ich meine - in mir hätte man auf eine gewisse Art und Weise alle drei Typen Frau auf einmal und geheiratet hat mich noch keiner!
Okay, ich find Hochzeiten eh blöd. Aber fragen können hätte mich ja mal einer!
(Weitere Anmerkung, diesmal nicht am Rande, sondern am Ende: Dieser Text sollte nicht all' zu ernst genommen werden. Manchmal wurde mir gesagt, er liest sich ein wenig, als wäre ich so unzufrieden mit mir und meinem Leben, dass man Angst haben müsse, ich seie Suicid gefährdet. Bin ich nicht. Packt das Konfetti wieder ein! Es steckt 'ne Menge Ironie und Augenzwinkern darin. Ich bin durchaus in der Lage, über meine Pannen auch selber zu schmunzeln. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Sie dürfen weitergehen. Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen sie bitte weiter!)
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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