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"Pippa'ya Mektubum" heißt auf Deutsch "Mein Brief an Pippa", gemeint ist Pippa Bacca, die 2008 gemeinsam mit Silvia Moro als "Brides On Tour" eine Reise von Mailand nach Jerusalem unternahm. Als Anhalterinnen und in selbstgenähten weißen Brautkleidern unterwegs durch die Länder des Balkan und des Nahen Ostens wollten sie ein Zeichen für den Frieden setzen.
In Istanbul trennten sich ihre Wege, den asiatischen Teil der Türkei und Syrien sollte sie, warum auch immer, jede für sich durchqueren. Pippa kam nicht weit. Nur wenige Kilometer von Istanbul entfernt wurde sie vergewaltigt und ermordet. Dieses Verbrechen erregte weltweite Empörung. In der Türkei wurde es von vielen Menschen mit der dortigen Stellung der Frau in Verbindung gebracht.
Bingöl Elmas, eine türkisch-kurdische Filmemacherin, beschloss im Jahr darauf, Pippas Reise bis zur syrischen Grenze fortzusetzen, wie diese als Anhalterin, jedoch besser geschützt durch ein sie mehr oder weniger unsichtbar begleitendes Filmteam. Ihr Kleid war schwarz, aber nicht weniger auffallend. Viele Mitreisende stellten sofort die Verbindung zu der Italienerin her.
Herausgekommen ist ein sehr lebendiger 60-minütiger Film, "Pippa'ya Mektubum", der türkisch mit französischen oder englischen Untertiteln hier und da auf Festivals gezeigt wird. Kürzlich war er in Köln zu sehen.
Sehr irritierend an der Aktion der Italienerinnen fand ich den starken und offensichtlich ungebrochenen Bezug auf patriarchale Symbole (die Braut in Weiß als Zeichen der Unschuld; zeremonielle Fußwaschungen bei Hebammen, die dadurch für ihre Rolle bei der Weitergabe des Lebens geehrt werden sollten). Ich stelle mir vor, dass sie auf die Allgemeinverständlichkeit solcher Bilder bauten, um auch in Gegenden, in denen sie mit Worten schlecht kommunizieren konnten, auf den ersten Blick als schützenswerte Friedensbotschafterinnen wahrgenommen zu werden. Über ihr betont wehrloses Auftreten hinaus scheinen sie keine nennenswerten Sicherheitsmaßnahmen getroffen zu haben.
Die "negative" Farbe von Elmas' Kleid (Schwarz, vor allem als Symbol der Trauer um Pippas gewaltsamen Tod gemeint) hat bei ähnlich ins Auge stechendem Schnitt natürlich einen anderen Effekt, die Türkin wirkt auf Anhieb viel ambivalenter. Obwohl auch sie natürlich eine Figur spielt, mal als geheimnisvoll Außenstehende, mal als Projektionsfläche für die Assoziationen ihrer GesprächspartnerInnen, kommuniziert niemand mit ihr ohne Bezugnahme auf als bekannt oder geteilt vorausgesetzte gesellschaftliche Normen und Zustände.
Eine solche (keineswegs reibungslose) Nähe hätten die Italienerinnen nirgends erleben können. Wäre ihre Reise wie geplant verlaufen, die Ausbeute hätte wohl in warmen Worten über die vielen liebenswerten Menschen auf ihrem Weg und einigen hübschen Bildern bestanden.
Die Bilder hätte ich gruselig gefunden, die warmen Worte billig. Aber so weit ist es ja gar nicht gekommen - so billig war es eben nicht. Ein Mensch hat bei einem Verbrechen sein Leben verloren; die Zustände, gegen die dieser Mensch protestieren wollte, wurden auf grausame Weise bestätigt.
Das ist entsetzlich. Aber ich sehe keinen Sinn darin, das Ganze jetzt einfach noch eine Windung weiter zu drehen und in der Rezeption von "Brides On Tour" bzw. "Mein Brief an Pippa", siehe etwa www.cafrande.org/?p=19329#more-19329, darüber zu klagen, dass bedingungsloses Vertrauen nicht "mehr" möglich sei (wann ist es das je gewesen?). Die Idee vom Frieden als einer Wiese, auf der Lamm und Löwe gemeinsam grasen, ist naiv. So werden Kinder abgespeist. Erwachsene, ob Mann oder Frau, müssen erkennen, dass es nicht möglich ist, auf solchen Bildern soziale Realität aufzubauen, sonst werden sie wieder und wieder scheitern - auch tragisch.
Der Film von Bingöl Elmas ist sehenswert und bietet interessante Einblicke in die vielgestaltige türkische Gesellschaft. Aber einen Weg aus der Getrenntheit von "männlicher" und "weiblicher" Perspektive zeigt sie nicht auf. Frauen "sind" Opfer, Männer Täter. Mit solch generalisierten Aussagen kommt man im Alltag nicht weit, auch nicht in einem von patriarchalen Regeln geprägten (denn wer könnte dann überhaupt AkteurIn von Veränderungen werden?). Lassen wir die Bilder, die Aussagen der Menschen und die Ambivalenzen in all dem auf uns wirken, lassen wir den heiligen, den naiven, den tödlichen Glauben an die ewige Ohnmacht des weiblichen Geschlechts hinter uns.
Informationen auf Türkisch und Französisch, ein Trailer und einige Fotos von den Dreharbeiten auf www.kameraarkasi.org/yonetmenler/belgeseller/2009/pippayamektup.html
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"Mit solch generalisierten Aussagen kommt man im Alltag nicht weit, auch nicht in einem von patriarchalen Regeln geprägten (denn wer könnte dann überhaupt AkteurIn von Veränderungen werden?)"
Ich werde hier als Soziologin auch immer kritisiert, weil ich "generalisierende" Aussagen machen würde. Aber wenn man aus gesellschaftspolitischer Sicht schaut, ist die Generalisierung notwendig - mit dem wissen, dass man natürlich von ganz viellen Individuen Spricht, die diese Gruppe ausmachen. Wenn man aus individueller sicht schaut, ist sie falsch. Richtig - besonders die ländlichen Bereiche in der Türkei sind noch stark patriarchalen Regeln geprägt, damit auch eine starke Trennung von "männlicher" und "weiblicher" Welt - da werden Individuen in Gruppen entlang der Geschlechterlinie geordnet und mit unterschiedlicher Macht und unterschiedlichen Rollen qua Geschlecht ausgestattet. Genau deshalb werden die Männer in die "Täter"-Rollen, die Frauen in die "Opfer"-Rollen gedrängt. Die Männer haben die gesellschaftliche Macht, und das System wird aber genauso von den Frauen mitgetragen, weil sie es nicht in Frage stellen und so keine Alternativen sehen. Aber das war lange Zeit auch in der westlichen Welt so, und ist auf subtiliere Weise bis heute so. Das schien auch unabänderlich - und hier ist es trotzdem aufgrund des Kampfes von Millionen Frauen, die im Großen oder im Kleinen aufbegehrt haben, zu Veränderungen gekommen - und die werden sich auch in anderen Weltgegenden durchsetzen. Und es werden die Frauen sein, mit Hilfe einiger Männer, die das erkämpfen, früher oder später. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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