9
]
Auch jenseits des traditionalistischen Mainstreams hat Köln als Hochburg des Karnevals einiges zu bieten. Die "Stunksitzung" ist vielleicht allgemein bekannt. 1998 erklang dort laut taz zum ersten Mal das Lied "Marx-Schunkeln". In vier Strophen werden hier sämtliche Fragen des Klassenkampfes und der Marx-Exegese überzeugend beantwortet und der Refrain mit den Worten "venceremos, leev Jenosse, jetzt jeit et loss (wir werden siegen, liebe Genossen, jetzt geht es los)" vermag den letzten Zweifel am guten Ausgang der Sache zu zerstreuen. Um es wirklich zu glauben, sollte man allerdings mitschunkeln. Es gibt wohl wenige Lieder, deren gemeinsame Aufführung zu solch sichtbaren Glücksgefühlen ringsum führen.
Gelegenheit dazu findet sich in den eher alternativen Kneipen der Stadt, also z.B. im Q-Hof, Limburger Str. 29, wo der Karnveval seit Jahren unter dem Motto "keine Jeck is illejal" als Fundraising-Aktion für die Initiative "Kein Mensch ist illegal" betrieben wird, die die Kneipe für diesen Zweck von Weiberfastnacht am Donnerstag bis zur Nubbel-Verbrennung Dienstag Nacht übernimmt. Auch im Weißen Holunder ist der Song sehr beliebt (Gladbacher Str. 48, www.weisser-holunder.de/).
Und am Rosenmontag, im Zug vor dem Zug, läuft seit 2007 eine Gruppe namens G8-Pappnasen mit. Sie warten nicht mit eigenen Liedern auf, sondern dichten kölsche Klassiker um - aus "Eschte Fründe stonn zesamme (Echte Freunde stehen zusammen)" wird so etwa "Eschte Pfründe stonn zesamme", und das Ganze nennen sie nach einem bekannten hiesigen Karnevals-Musiker "Ostermann-Folter". Auch der rechtsextremen Gruppierung Pro Köln (leider in Bezirksvertretungen und Rat der Stadt vertreten) sind sie anlässlich des zweimal kläglich gescheiterten "Anti-Islamisierungs-Kongresses" auf diese Weise schon kräftig auf den Senkel gegangen.
|
|
@fruehauf
Kleine Korrektur: Weiberfastnacht ist am Donnerstag, 11. Februar 2010. Nur damit keine Irritationen aufkommen, wenn die "jecken Weiber" am Mittwoch (10.02.2010) noch nicht gesichtet werden :-) Und ... nein! Ich bin kein Erbsenzähler :-) Beste Grüße aus einer der Karnevalshochburgen (Düsseldorf) SP |
|
|
Oh, wie doof. Werde ich sofort korrigieren, danke!
|
|
|
Grüße meinerseits in die "verbotene Stadt". "Köln als Karnevalshochburg" soll nicht heißen, dass es sonst keine gibt; das versteht man aber, oder?
|
|
|
schrieb am
28.01.2010 um 08:58
Und gestern hörte ich noch: "Das Schönste an Düsseldorf ist die Autobahn nach Köln."
|
|
|
Luurens he!
Wenn schon Weiberfastnacht, dann doch bitte nicht in Köln. Der waschechte Karnevalist feiert Weiberfastnacht da, wo sie entstand - in Bonn Beuel. Der Begriff der Weiberfastnacht bezieht sich auf die Waschweiber dieser Gemeinde, die seit Anbeginn der Zeit (Na ja - vielleicht nicht ganz) das Beueler Rathaus stürmen und die Macht an sich rissen. Die Eigentümer des Rathauses versuchen jährlich, dies zu verhindern - nicht nur karnevalistisch, sondern auch spröde rechtlich. Erfolg hatten sie bislang damit allerdings nicht. Die Bewohner der Stadt sind da ein klein wenig uneinsichtig. Wer wirklich Weiberfastnacht haben will, sollte sich also auf den Weg ins Herz des Irrsinns machen und zusammen mit den Talibaninnen des Frohsinns feiern. Die Veranstaltung ist übersichtlich, amüsant und auch für Nicht-Rheinländer erträglich. Lieber das Echte - Karneval braucht keine Alternative. Kleiner Veranstaltungstipp: Früh genug da sein und einen Platz im Zelt sichern - oder sich in private Feiern einklinken. Verkehrstechnisch günstig ist die Anreise via Bahn, Haltestelle Konrad-Adenauer-Platz, oder zu Fuß über die Kennedy-Brücke. Wer Bau-Toiletten ekelhaft findet und mal so richtig Mann sein möchte, dem sei der Grünstreifen zwischen Rathaus und Festzelt empfohlen. Hier laden Gebüsche zum fröhlichen Gemeinschaftsurinieren ein. An dieser Stelle möchte ich darum bitten, stets gegen die Mauer der dortigen Garagen zu urinieren. Das ärgert meinen Ex-Vermieter. Durch meinen Wegzug hat sich übrigens die Gefahr verringert, dabei fotografiert zu werden. Ein echtes Gefühl der Freiheit ist dem geneigten Besucher also Gewiss. Alaaf |
|
|
äyh fruehkölsch,
aal Wiever Fasteleer fand ich immer besonders schön vorm Schmidtchen auf der Breite Straße in Kölle. Jedes mal musste ich dann leider arbeiten, mit dem Mikro in der Hand und dem Kameramann hinter mir. Straßenumfrage eben. Keine leichte Sache an so einem Tag. Ich musste jedes Mal mitschunkeln, mit tanzen und zugleich einen Beitrag fürs ARD-Morgenmagazin hin kriegen. Und ein paar Kölsch mittrinken und gelegentlich sehr angenehme und köstlich unsittliche Berührungen hinnehmen. Angereisten Herren wurden die Krawatten abgeschnitten. Vor allem seit vielen Stunksitzungen wurde der kölsche Fasteleer wieder irgendwie links, ein bisschen zumindest. Eine Errungenschaft, denn er war mal u.a. von den Nazis instrumentalisiert worden und danach von der CDU. Fasteleers , Faschings oder Karnevals Ursprünge sind aber als emanzipatorisch einzuordnen. Die da oben sollten veralbert werden. Im Rheinland schneidet man Männern die Krawatte ab oder man haut ihnen - etwa in Krefelds Vorort Hüls - Beetlook auf den Kopf, und die dortigen aal Wiever rufen: "Breetlok, Breetlook". Gemeint ist damit eine Stange Porree. Mit Breetlook hauen oder Krawatte abschneiden - Kastrationsängste sind berechtigt. weinsztein |
|
|
Beim Blick auf den Kalender fällt mir wieder einmal auf, dass es doch sehr betrüblich ist, dass das Highlight des Frühjahrs hier in Berlin nicht statt findet.
Besonders tragisch ist, dass es trotz Zuzug diverser Rheinländer nicht gelungen ist, diesem Berlin die Zivilisation ein wenig näher zu bringen. Trostlose Sache, diese "Hauptstadt". Kein Wunder, dass ihr die Gelassenheit fehlt. |
|
|
Frühjahr - schön wärs! Meistens heißts an Karneval bibbern.
Die Hauptstadt hat manch anderen Reiz, ist mir insgesamt aber zu groß und zu tief drin in der eurasischen Landmasse. Mehr vielleicht später. |
|
|
schrieb am
28.01.2010 um 08:57
Ok - das stimmt. Allerdings war das Jahr 2003 ein klimatischer Ausbrecher, was sich sehr positiv auf den Karneval auswirkte. Es war durchaus charmant, im Kostümchen nicht frieren zu müssen.
Was Berlin betrifft, werden wir am 11.2. Gegenmaßnahmen ergreifen. Gestern wurde vom Zentralrat meines Stammlokals, dem Goldesel in Charlottenburg, der einstimmige Beschluss gefasst - natürlich nach langer Debatte -, Karneval zu feiern. Das Motto ist "Kalinka" Linker Karneval im Goldesel Programm: Nüscht Musik: Berliner Lieder / Paul Linke Trinken: Schultheiß & Reissdorf Kölsch Essen: Stullen (Bio-Qualität) Dresscode: Zeitgemäß (Linkes Zeit) Beginn: 19.00 Uhr Blöd feiern können wir auch. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen