Samstag Morgen kurz nach elf, aber in Mahiras Kiosk ist es ganz ruhig: keine Kundschaft; kein Laptop auf dem Stehtisch; keine Leute davor, die versuchen, eine Verbindung nach Shanghai herzustellen oder zu optimieren. Shaw in Shanghai hat einen Termin, deswegen wurde die Liveschaltung kurzfristig auf den nächsten Tag verschoben, erfahre ich von Mahira und Petra. Sie sitzen im Hinterraum, lächeln mich müde an. Petras Zeitgefühl ist noch nicht ganz aus Shanghai zurück, Mahira hält Ramadan.
Weil sie friert, setzen wir uns schließlich auf die von der Sonne beschienene Bank vorm Allerweltshaus. Aber nun kommen die Kunden, Mahira muss immer wieder zum Bedienen rüber. Ich rede mit Petra über Theater, wovon ich so gut wie nichts verstehe, und über ihre Idee, das Kioskprojekt zu dokumentieren. Das heißt, eigentlich redet sie und ich stelle Fragen. Sie liest gerade ein Buch, das sie sehr inspirierend findet, "Über die Fadheit" des nicht unumstrittenen François Jullien. Auch ich bin gleich begeistert, würde mir den Inhalt am liebsten auf der Stelle einverleiben. Gierig blättere ich herum. Früher habe ich kleine fade Bücher erstellt, sie manchmal Leuten angeboten. Gierig haben sie sie durchblättert, heimlich enttäuscht von der Fadheit.
Im Allerweltshaus war letzte Woche drei Tage lang Großreinemachen angesagt. Bei der Gelegenheit wurde auch die Fensterbank neu eingeölt, die man sonst vor lauter Flyern und Programmen gar nicht sieht. Jetzt ist sie leer bis auf zwei aufrecht stehende Stapel Postkarten. Auf den einen liest man unter einem Flammenornament "Der Fall Oury", die anderen sind Werbung für eine nahegelegene Salsa-Schule.
Wenn ich den Blick nach links wende, schaue ich durch die blankgeputzten Scheiben eines parkenden Autos. Ich entdecke die wundersamsten Spiegelbilder sowie farbige Schatten, hole den Fotoapparat raus. "Ich muss das einfach fotografieren", erkläre ich Petra. Die will eh grade gehen.

Später überfliege ich in der Wikipedia, worin die Kritik an Julliens Thesen besteht: Seine Rezeption des chinesischen Denkens sei oberflächlich, geprägt von Diskursen aus den Jahrhunderten der kaiserlichen Herrschaft. Trotzdem wüsste ich gern, was er schreibt. In einer Buchhandlung finde ich mehrere Titel, alle faszinierend. Aber ich bin sicher, die Texte würden mich schnell enttäuschen, wie alles, was philosophisch daherkommt, ich kaufe nichts.
Zuhause erfahre ich in einem Telefonat eine Skandalgeschichte über einen Verein, von dem morgens im Kiosk die Rede war. Abends erzähle ich Mahira davon. Unsere Augen glänzen ein bisschen, aber Mahira hat keine Lust sich zu unterhalten. Sie hat jetzt über 14 Stunden nichts gegessen und getrunken.
Ich nehme mir ein Bier und setze mich auf die Bank vorm Allerweltshaus. Immer wieder kommen Leute vorbei, aber ich kenne niemanden. Um etwas zu tun zu haben, hole ich Stift und Block heraus, schreibe auf, was mir durch den Kopf geht. Eine junge Frau bleibt vor der Bank stehen und greift nach den Postkarten. Als sie gegen die Scheibe stößt, lacht sie. "Ich dachte..." "Du dachtest, du könntest mal eben im Vorbeigehen einen Tanzkurs finden", lacht ihr Begleiter, der schon ein paar Schritte weiter ist, und ich frage mich einen Moment lang, woher er die Sicherheit nimmt, dass sie nicht nach den Karten mit dem Feuermotiv gegriffen hat.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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