fruehauf

Blog von fruehauf

21.02.2010 | 20:08

Die Freitag-Community zum "Vormarsch der Frauen in der Arbeitswelt"

Kommentar-Kondensat zu www.freitag.de/community/blogs/jaugstein/freitag-salon-frauen - jedenfalls bis 21.02.2010 ca. 11 Uhr. Hin und wieder Senf von mir dazu in Kursivschrift.

Erziehung und Bildung
In Kindergärten und Grundschulen arbeiten fast nur Frauen. Die wenigen Männer, die sich für diese Berufe interessieren, werden oft scheel angesehen, mancherorts erfahren sie offene Diskriminierung. Angst vor sexuellem Missbrauch spielt dabei eine Rolle.

Mädchen werden von männlichen Lehrern in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern oft nicht nach ihren Leistungen beurteilt - was sich positiv oder negativ auf ihre Noten auswirken kann. Lernen sie dadurch, ihre Leistungsfähigkeit nicht ernst zu nehmen?

Bis zum ersten Hochschulabschluss sind beide Geschlechter etwa gleich stark vertreten. Danach öffnet sich die Schere und geht immer weiter auseinander. (Gibt es vergleichbare Studien zu nichtakademischen Abschlüssen?) 

Wirtschaftssystem
Der moderne Kapitalismus schafft das Modell des Alleinverdieners ab (sinkende Löhne), bevor Frauen in nennenswertem Maße diese Rolle eingenommen haben - was wahrscheinlich auch nie das Ziel des Strebens nach Gleichberechtigung war.

In dem Maße, in dem Frauen in vormals von Männern dominierte Berufe vordringen, sinken die dort gezahlten Entgelte.

Frauen sind zahlenmäßig mittlerweile fast gleichberechtigt auf dem Arbeitsmarkt vertreten, jedoch unverhältnismäßig stark in prekären Jobs. Allerdings holen Männer diesbezüglich auf.

Die Schwierigkeit, Familie und Arbeit unter einen Hut zu kriegen, hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Da immer mehr Männer sich wünschen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wird sie in Zukunft wohl immer öfter auch von Männern formuliert werden.

Familie zu haben hindert Frauen offensichtlich am Erreichen hoher Posten, während es Männern zum Vorteil zu gereichen scheint.

Frauen orientieren sich im Gegensatz zu Männern bei der Wahl eines gegengeschlechtlichen Partners sozial nach oben. Biologisch oder evolutionär festgeschrieben ist dieses Phänomen wohl nicht, denn In der DDR war es weit weniger ausgeprägt.

In den 1970ern und 1980ern ging Feminismus oft mit Kapitalismuskritik einher. In Zeiten, in denen selbst die CDU für die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familie eintritt, könnte die Weigerung von Frauen, dem Berufsleben einen größeren Stellenwert zuzuschreiben, als antikapitalistische Strategie betrachtet werden.

Der Arbeitsplatz als sozialer Ort
Es gibt ein erfülltes Arbeitsleben jenseits der Hahnenkämpfe. Dort mag es nicht so hoch hinaufgehen, dafür gerät die Freude an der Arbeit nicht ins Hintertreffen und Anerkennung, irgendwann und irgendwie, wird nicht ausbleiben. Frauen mögen wegen ihrer Außenseiterposition vertrauter mit solchen "Nischen" sein als Männer,  doch lernen auch diese, deren Vorzüge zu schätzen.

Frauen sorgen für angenehme Arbeitsbedingungen / gutes Betriebsklima. (Kann nicht verallgemeinert werden, jedenfalls höre ich immer mal wieder, dass man/frau lieber mit Männern zusammen arbeitet (zwei Gründe: Männer mobben weniger und sind eher und wirkungsvoller bereit, sich überhöhten Leistungsanforderungen entgegenzustellen).)

Menschen arbeiten im allgemeinen gern in gemischt-geschlechtlichen Gruppen.

Erfolg hat man nur zu einem geringen Teil aufgrund eigener Leistung; entscheidender ist meist der Zugang zu relevanten Netzwerken. Da diese Netzwerke außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung operieren, bilden sie oft konservative Bollwerke.

Individuelle Kämpfe
Frauen zu fragen, ob sie berufliche Diskriminierung erlebt haben, führt nicht unbedingt zu Erkenntnisgewinn. (Dass gerade Frauen in hohen Positionen das im Regelfall abstreiten habe ich schon in den 1980ern gelernt - ist ja eigentlich logisch und beweist folglich nichts.)

Um biologistische Vorurteile abzubauen, müssen Frauen bessere Leistungen als Männer erbringen.

Menschen können durch überlegten Umgang mit sie benachteiligenden Strukturen Erfolg haben und ungeahnte Stärken entwickeln.

Im Streit um Unterhaltsansprüche werden Forderungen an Männer gestellt, die sich entgegen dem allgemeinen gesellschaftlichen Trend am Alleinverdiener-Modell orientieren.  (??? Die Rechtslage sieht nach der Reformierung jedenfalls anders aus. Danke an Rahab für diese Klarstellung, siehe ihr Kommentar unten. Trennung stellt wohl grundsätzlich eine starke (auch) ökonomische Belastung dar.)

Arbeit und entlohnte Arbeit

Zumindest für die Vergangenheit lässt sich feststellen, dass es Frauen gab, die explizit danach strebten, höchstens Hausarbeit verrichten zu müssen. Schwere Arbeit für beide Geschlechter war in manchen Branchen selbstverständlich (Landwirtschaft), in anderen notwendiges Übel: das Modell der auf ihre Häuslichkeit beschränkten Bürgerfrau als Ideal fürs Proletariat.

Hausarbeit war damals sehr anstrengend, schloss ggf. Arbeit im Betrieb des Mannes mit ein. Was fehlte, war eigenständige Entlohnung und Anerkennung.

Determiniertheiten
Frauen kriegen Kinder und stillen sie. Dafür brauchen sie Zeit.
Frauen sind den physischen Anforderungen in traditionell von Männern ausgeübten Berufen oft nicht gewachsen.
Frauen leben länger.

Neigungen
Frauen möchten manche Berufe nicht ergreifen. Die meisten dieser Berufe werden wohl auch von Männern aus rein pragmatischen Gründen ergriffen.

Frauen legen oft ein anderes, eher moderierendes, übergeordneten Interessen deutlicher verpflichtetes Machtveständnis an den Tag. Die Definition eines entsprechenden Machtbegriffs geht auf eine Frau zurück (Hannah Arendt).

Frauen in exponierten Positionen werden teilweise nach anderen bzw. mehr Kriterien beurteilt als männliche Kollegen.

Frauen begehren zu selten gegen erlebte Diskriminierung auf, begnügen sich mit dem Wissen "besser" zu sein und verstärken dadurch ihre nur zu gerne von anderen ausgenutzte Unterordnung.

Nach wie vor gibt es Frauen, die in ihrem Arbeitsumfeld die sozialen Rollen von Ehefrau oder Mutter einnehmen und so systemstabilisierend wirken.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 21.02.2010 um 20:38
"Nach wie vor gibt es Frauen, die in ihrem Arbeitsumfeld die sozialen Rollen von Ehefrau oder Mutter einnehmen und so systemstabilisierend wirken."

Na, das ist ja fleißig zusammengetragen.
Rahab schrieb am 21.02.2010 um 21:09
also ... männer, wenn sie ins kloster gehen, leben auch länger

kinder, die bei bedarf ins kühlfach geschoben werden können, auf dass sie länger frisch bleiben, wurden bedauerlicherweise noch nicht entwickelt

stillen braucht nicht zeit sondern milch - und eine umwelt, die nicht reihenweise in ohnmacht fällt, wenn frau ihrem bobbelsche nicht den schnuller sondern den nippel ins 'mäulchen' schiebt

das unterhaltsrecht wurde reformiert - es geht nicht mehr vom allein-verdiener-modell aus ... aber das würde jetzt in ein privatissimum ausarten
fruehauf schrieb am 22.02.2010 um 08:19
Mit dem Unterhaltsrecht hast du natürlich recht, daran hatte ich gar nicht gedacht. Ich hab jetzt in den Post einen entsprechenden Kommentar eingefügt.
Titta schrieb am 21.02.2010 um 21:58
Danke für die Arbeit.
Auf die Metaebene gebracht, hört sich einiges doch noch mal anders an. Interessant.
Rahab schrieb am 22.02.2010 um 11:30
ein weiteres 'kondensat':
es geistert immer noch das ewig-weibliche, welches uns hinanzieht.
die frauen sollen's richten - wie das veilchen, nämlich bescheiden, sittsam und rein. vor allem bescheiden. und dabei immer die bestmögliche mutter aller zeiten geben. dabei reicht (nach Winnicott) die ausreichend gute mutter völlig aus.
Anette Lack schrieb am 22.02.2010 um 15:56
Danke, Rahab! Mir aus der Seele gesprochen, und zum K...

Gute Mütter, gute Geliebte, perfekte Ehefrauen, immer fröhlich, charming, attraktiv, "das Beste aus ihrem Typ",bescheiden, tapfer, adrett (jedenfalls in Deutschlande); opferbereit; Heilige-Hure soll sie gefälligst so gut unter einen Hut bringen wie Beruf-Familie; und das ganze bitte ohne Gejammer. Und gefälligst soll sie dem schlapp am Boden liegende Selbstwertgefühl des Mannes wieder aufhelfen. Grrrr!
Anette Lack schrieb am 22.02.2010 um 15:58
Danke, Rahab! Mir aus der Seele gesprochen, und zum K...

Gute Mütter, gute Geliebte, perfekte Ehefrauen, immer fröhlich, charming, attraktiv, "das Beste aus ihrem Typ",bescheiden, tapfer, adrett (jedenfalls in Deutschland); opferbereit; Heilige-Hure soll sie gefälligst so gut unter einen Hut bringen wie Beruf-Familie; und das Ganze bitte ohne Gejammer. Grrrr!
merdeister schrieb am 23.02.2010 um 09:02
Ich spar mir mal den Kommentar von anderen Ufer. Grrrrrrrund zum heulen haben beide Geschlechter.
Rahab schrieb am 22.02.2010 um 16:22
noch'n 'kondensat':
viel jungs (sorry, jungs, lesen tut nich weh) diskutieren neue fakten immer noch auf der basis alter modelle.
beispiel: unterhaltsrecht. wird von vielen - nicht allen - immer noch so diskutiert, als begünstige es frauen, vor allem mütter. die kriegen automatisch die kinder und deshalb automatisch das geld - pustekuchen! in den einschlägigen gesetzes texten steht was gänzlich anderes!
anderes beispiel: der von Smith angeschleppte Amendt-text. wird als textzeuge für das versagen der frauen/mütter und feminismus als irrweg gelesen. dabei wäre doch die eigentlich spannende frage die, wieso die jungs sich nicht an den müttern (die alles wuppten) orientierten, sondern an den "abwesenden" vätern und was daraus folgte. wäre also die frage nach der schere im männlichen kopf.
Sarah Rudolph schrieb am 22.02.2010 um 19:28
Danke für die Zusammenfassung.
Aber immernoch eine Menge Nachdenkenswertes.
merdeister schrieb am 23.02.2010 um 09:03
Dank auch von mir.
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Fruehauf ist oft frueh auf, ansonsten: Jahrgang 1960, Wahlkoelnerin, vielseitig ungebildet
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