Die Rede wird sein von Paul, 1955 bis 2005, seinem 1959 geborenen Bruder Fernando und seinen Eltern Therese und Alois, beide GymnasiallehrerInnen. Alois ist 1968 an Krebs gestorben, etwa im selben Alter wie später sein Sohn. Auch Alois' Bruder Heinrich (Hein) ist einem Krebsleiden erlegen, allerdings war er da schon über achtzig.
Miteinander reden werden die drei Schwestern Charlotte bzw. Lotte, Jahrgang 1959, Lene (eigentlich Marlene), Jahrgang 1961, und Lara, Jahrgang 1962, alle in den Wechseljahren. Aus diesem Anlass haben sie sich zu einer kleinen Feier à trois getroffen, denn jede von ihnen ist auf ihre Weise froh, nicht Mutter geworden zu sein. Darüber wird natürlich gesprochen, aber Lene erinnert sich auch, dass auf den Tag genau vor fünf Jahren ihr Cousin Paul beerdigt wurde.
Lotte: Das hätte ich nicht mehr gewusst; ich bin ja auch nicht hingefahren.
Lara: Ich weiß gar nicht mehr... war ich da?
Lene: Nein. Wieso weißt du das nicht mehr?
Lara: In dem Jahr waren so viele Beerdigungen. Manchmal bin ich hingegangen, manchmal nicht.
Lene: Aber nicht in unserer Familie.
Lara: Was ist mit Hein, Alois' Bruder?
Lene: Na... den zählst du zur Familie? Mit dem hatten wir doch praktisch nichts zu tun. Außerdem war er da glaube ich schon zwei Jahre tot.
Lotte: Ja, der ist früher gestorben. Aber es ist interessant, dass du ihn erwähnst, Lara. Ich habe in letzter Zeit öfters an ihn gedacht. Obwohl ich mich kaum an ihn erinnern kann. Den haben wir doch nur bei den ganz großen Anlässen zu sehen gekriegt, und dann auch nur von ferne. Ich kann mich nicht erinnern, je mit ihm gesprochen zu haben.
Lara: Und warum denkst du dann an ihn? Ich weiß kaum noch, wie er ausah.
Lotte: Ich auch nicht. Es ist auch eher so, dass ich über Paul nachgedacht habe. Wie sehr man uns vorgegaukelt hat, es gäbe eine simple Erklärung für sein seltsames Verhalten.
Lene: Während du nur bereit bist, den allerkompliziertesten Erklärungen Glauben zu schenken oder wie?
Lotte: Lass mich doch mal ausreden. Kannst du dich noch an diese Fotoserie von ihm als Vierjährigem erinnern, wie süß er darauf aussieht und was für ein Kotzbrockengesicht er später hatte? Eigentlich kenne ich ihn nur wütend oder mit einem Ausdruck, als würde er jeden Moment die Contenance verlieren und wütend werden.
Lara: Stimmt es, dass er mit vierzehn seine Mutter geschlagen hat?
Lotte und Lene: Ja.
Lotte: Das hat er glaube ich nur einmal gemacht. Aber seinen kleinen Bruder hat er fortwährend tyrannisiert. Das hat der mir aber erst erzählt, als wir schon erwachsen waren.
Lara: Fernando war ein auffallend ängstliches Kind, daran erinnere ich mich. Ich war selbst nicht die Mutigste, aber in seiner Gegenwart habe ich mich groß und stark gefühlt.
Lotte: Groß und stark? Du bist drei Jahre jünger!
Lara: Ja, denk mal an. Sie erzählt, wie sie ihn als Sechsjährige einmal aus einer schwierigen Situation gerettet hat.
Lotte: Schon sehr auffällig. Dass er in ständiger Furcht vor seinem Bruder lebte, könnte eine Erklärung sein, nicht wahr? Gegen den war er ja nun wirklich machtlos.
Lene: Aber wieso war Paul so gewalttätig? OK, Jungen sind rauer als Mädchen, aber so? Haben seine Eltern ihn denn gar nicht erzogen?
Lotte: Was ich eben mit simpler Erklärung meinte, ist, dass unser Vater ihn zum Beispiel für verzogen hielt. Das sei falsch angewandte Pädagogik gewesen. Ein Kind ohne Schläge zu erziehen könne nun mal nicht funktionieren.
Lara: Ohne Schläge erziehen? Paul selbst ist nicht geschlagen worden und war dafür brutal zu seinem kleinen Bruder?
Lotte: Haut nicht ganz hin, finde ich auch. Immerhin eine gute Rechtfertigung, uns zu schlagen, damit wir nicht werden wie der schreckliche Paul.
Lene: Unsere Eltern hätten uns auch ohne Pauls Vorbild geschlagen, das gehörte einfach zu ihrer Vorstellung einer stringenten Erziehung. Es hat uns ja auch nicht geschadet, oder jedenfalls nicht viel. (Lotte und Lara saugen hörbar die Luft ein.) Aber gut, wenn man heute so drüber nachdenkt, war das wirklich ein reichlich erbärmliches Argument. Mit fehlenden Schlägen lässt sich lebenslange Wut nicht erklären, da sind wir uns wohl einig. Ich erinnere mich aber an was anderes. Die Eltern sind ja beide arbeiten gegangen, volle Stundenzahl, was anderes gabs damals ja nicht. Nachmittags waren sie zu Hause, hatten aber zu tun, so dass sie auch dann nur bedingt Zeit für die Kinder hatten. Dafür gabs viel Taschengeld. Wohlstandsvernachlässigung nennt man das.
Lotte: Vernachlässigung finde ich zu hoch gegriffen. Die Kinder waren ihnen sehr wichtig. Therese war vielleicht nicht die ideale Mutter, aber Alois hat das mehr als wett gemacht. Und er hat sich nicht nur um seine eigenen Kinder gekümmert. Wenn wir da waren, hat er immer dafür gesorgt, dass es uns gut ging. Man selbst hat das gar nicht unbedingt bemerkt.
Lene: Reihum wurden die Lieblingsessen gekocht, genau. Spaghetti mit Tomatensoße mochten wir Kinder alle, das gabs mindestens zweimal die Woche. Sie schwelgen in Erinnerungen.
Lara: Taugt auch nicht so richtig zur Erklärung.
Lotte: Also, meine Idee ist, dass er noch ganz andere Sachen mitgekriegt und sich drum gekümmert hat. Meine Idee ist, dass Paul als kleines Kind missbraucht wurde. Ich weiß nicht, von wem, aber von seinen Eltern wohl nicht, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Sie schweigen.
Lara: Bei Hein kann man es sich eher vorstellen, stimmt.
Lotte: Den hatte ich als Erstes im Verdacht. Es kann aber auch jemand ganz anderes gewesen sein. Ein Nachbar; eine der Zugehfrauen oder ihr Mann.
Lene: Und Alois hat das irgendwann gemerkt.
Lotte: Gemerkt und unterbunden. Keine Ahnung, wie. Kommt ja auch drauf an, wer es war. Eine Zugehfrau kann man zum Beispiel einfach entlassen.
Lene: Zur Polizei ist er nicht gegangen?
Lotte: Zur Polizei! Das war um 1960, da war es undenkbar, mit sowas zur Polizei zu gehen! Wahrscheinlich hat er nicht mal seiner Frau davon erzählt. Und wahrscheinlich war er auch noch stolz darauf. Wichtig wird ihm gewesen sein, dass Fernando nicht auch Opfer wurde. Vielleicht hat er nicht mitgekriegt, wie sehr der unter seinem eigenen Bruder zu leiden hatte. Oder er hat gehofft, es würde schon nicht so schlimm werden.
Lara: Du meinst...!
Lotte: Dass Paul Fernando... keine Ahnung. Wenn es so war, ändern kann man eh nichts mehr dran.
Lene: So richtig gut ist ihm das Beschützen letztendlich aber doch nicht gelungen, sonst wäre Paul doch nicht zu so einem Ekelpaket geworden.
Lotte: Also diese Wut, ich glaube, das war Unverstandensein. Paul hatte keine Begriffe für das, was ihm widerfahren ist, dafür war er einfach zu klein. Er war bestimmt sehr erleichtert, als es aufhörte, aber sogar, dass da etwas vorbei war und nie wieder passieren würde, hat er wohl nicht begriffen, da sein Vater wahrscheinlich versucht hat, so wenig Worte wie möglich zu machen. Da war was. Aber was war das? Paul hatte keinen Schimmer. Ganz geborgen konnte er sich nicht mehr fühlen, aber nach und nach fasste er wieder Vertrauen zum Leben. Und als von dieser gestaltlosen Bedrohung fast nichts mehr übrig war, starb sein Vater. Wie vorhergesagt.
Lene und Lara: Wie vorhergesagt?
Lotte: Der Täter hatte ja dafür sorgen müssen, dass Paul die Klappe hält, sich nicht seinen Eltern anvertraut. Also wird er gedroht haben.
Lara: Oder sie.
Lotte: Oder sie. Einfachheitshalber bleibe ich beim "er". Er könnte gesagt haben: "Wenn du was verrätst, sterben deine Eltern". Also hat Paul nichts gesagt. Irgendwann hat sein Vater das Geheimnis herausgefunden und ist nicht gestorben. Und Therese auch nicht. Zu Pauls immenser Erleichterung. Und dann passiert es doch. Die Strafe, die Rache. Das erste Elternteil ist schon tot. Paul rastet innerlich aus. Ohne es richtig zu merken, ohne zu begreifen, wieso. Er befindet sich in Daueralarmstellung. Die Erwachsenen in seiner Umgebung verwechseln das mit Pubertät und Trauerreaktion. Er selbst wäre womöglich nie auf den Gedanken gekommen, dass er fürchtet, seine Mutter könnte jeden Moment sterben.
Lara: Naja... Keine Ahnung... Deswegen hat er sie geschlagen?
Lene: Wie war er denn, wenn Hein in der Nähe war? Kann sich jemand erinnern, die beiden zusammen gesehen zu haben?
Lotte: Hein war in der Verwandtschaft nicht sehr beliebt und wir haben eben ja schon festgestellt, dass wir drei praktisch nichts mit ihm zu tun hatten. Außerdem war ers ja vielleicht gar nicht.
Lara: Ich wüsste schon gern mehr.
Lene: Oder überhaupt was. Bis jetzt sind das Spekulationen von Charlotte.
Lara: Paul ist tot. Sein Vater ist tot. Der Hauptverdächtige ebenso.
Lotte: Mutter und Bruder leben noch.
Lene: Aber man kann ja nicht einfach hingehen, ihnen diese Geschichte erzählen und sie um ihre Meinung bitten.
Lotte: Nein, kann man nicht. Aber was kann man denn machen?
Lene: Und außerdem - wem nützt die Wahrheit?
Lotte: Die Wahrheit! Die wird auf ewig verborgen bleiben, man kann die Betroffenen ja nicht mehr befragen. Aber Therese und Fernando, die gibts noch. Und ihr könnt mir erzählen, was ihr wollt, so richtig gut gehts denen nicht. Ist ja auch kein Wunder. Wenn sie wüssten, in was für einem Drama sie die Statisten abgegeben haben, wenn sie begreifen würden, was es war, das ab einem sehr frühen Zeitpunkt das Schicksal ihrer Familie bestimmt hat, das könnte doch eine Erleichterung sein. Da könnte doch was heilen. Auch jetzt noch.
Lene: Liebe Lotte, wie gesagt, bis jetzt sinds nur Phantasien. Phantasien, die den beiden verdammt weh tun könnten. Therese ist immer noch nicht über den Tod ihres Sohnes hinweg. Mit solchen Geschichten wirst du die Wunde nur tiefer aufreißen. Lass es. Um Himmels Willen, lass es.
Lara: Aber Fernando, mit dem könnte man doch sprechen.
Lene: "Hallo Fernando, uns ist da ein Verdacht gekommen. Dein Bruder hatte doch alle Symptome eines sexuell missbrauchten Kindes. Hast du dir schon mal überlegt, wer es gewesen sein könnte? Hast du schon mal mit deiner Mutter darüber gesprochen?" So? Oder wie?
Sie schweigen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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