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Dieser Blog-Beitrag ist eher für mich, er ist eine verbesserte Fassung der zwei Blog-Beiträge vom 18. und 19. März. Außerdem der Link zu einem im "Kölner Stadtanzeiger" erschienenen Artikel (www.ksta.de/html/artikel/1264186000149.shtml) und der Termin der Radiosendung (21.4., 21:04 Uhr, Radio Köln)
Iltis ist nicht nur ein Tier
Der westlich der Innenstadt gelegene Kölner Stadtteil Ehrenfeld wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger planmäßig besiedelt. Es gab jede Menge Fabriken, Menschen, die dort arbeiteten und nicht weit entfernt lebten, sowie die Besitzer und höheren Angestellten der Fabriken, die oft ebenfalls im Viertel wohnten, in manchen Straßenzügen Haus an Haus mit Arbeiterfamilien. In die Namensgebung der Straßen flossen lokale und zeitgeschichtliche Bezüge ein, so auch die von Kolonialvereinen geschürte Begeisterung für militärische und sonstige Präsenz, Verbreitung abendländischer Werte und Einführung des eigenen Wirtschaftssystems in fernen Ländern. Menschen, die uns heute wegen ihrer Selbstherrlichkeit und Grausamkeit abstoßen, galten damals, zumindest in gewissen Kreisen, als heldenhaft, z.B. Herrmann von Wissmann und Karl von Gravenreuth, zwei Herren, die für den Tod Tausender AfrikanerInnen im Osten und Westen des Kontinents verantwortlich sind. Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei Ehrenfelder Straßen nach ihnen benannt.
Weitere Straßen entstanden im Zuge von genossenschaftlichem Wohnungsbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Drei von ihnen erhielten Namen, die an die Niederschlagung des chinesischen Boxer-Aufstands von 1900 erinnern sollten: Takustraße, Iltisstraße ("Iltis" war ein deutsches Kanonenboot), Lansstraße nach dem die "Iltis" befehligenden Kapitän Wilhelm Lans.
Mit den Kolonien war 1918 ja Schluss, aber die Zeit der Kolonialvereine war keineswegs vorbei. Und im Dritten Reich wurde einige Jahre lang durchaus erwogen, den "Lebensraum", der für das deutsche Volk zu finden sei, in Afrika zu erobern. Ein Zeugnis dieses Liebäugelns mit kolonialistischen Ideen und "Werten" sind einige Straßennamen in Nippes, einem anderen Kölner Stadtteil. Straßenschilder in einer 1935 gegründeten Siedlung verwiesen auf ehemalige deutsche Kolonien wie Togo und Kamerun oder deutsche Männer vom Schlage Wissmanns und Gravenreuths, nämlich Carl Peters und Franz Adolf Eduard Lüderitz, letzterer mehr kaufmännisch als militärisch, aber nicht weniger skrupellos tätig.
1986 strebte eine Initiative die Umbenennung von Carl-Peters- und Lüderitzstraße an. Die AnwohnerInnen waren mehrheitlich dagegen, nicht ganz unverständlich, denn so etwas ist ja mit Unannehmlichkeiten und teilweise auch Kosten verbunden. 1990 konnten die BefürworterInnen sich jedoch durchsetzen, seitdem heißen diese Straßen Namibia- und Usambarastraße.
In den letzten Jahren gibt es auch immer wieder Diskussionen um die Straßennamen mit kolonialem Bezug in Ehrenfeld. Auf einem sehr intellektuellen Niveau bewegt sich der Verein Kopfwelten, der sich mit der Ausstellung "Köln Postkolonial" durchaus Meriten um die Aufarbeitung der lokalen Einbindung in koloniale und postkoloniale Strukturen verdient gemacht hat, mit seiner Website www.kopfwelten.org aber kaum die breite Bevölkerung anzusprechen vermag. Ein Vortrag zum Thema "Koloniale Straßennamen in Ehrenfeld" im Allerweltshaus, einem in Ehrenfeld ansässigen MigrantInnen- und Stadtteilzentrum, sowie zwei Stadtteilführungen, in denen dieser Aspekt ebenfalls angesprochen wurde, hatten da mehr Potenzial, erreichten jedoch ebenfalls ein fast ausschließlich akademisches Publikum.
Dennoch ist das Thema inzwischen in der Lokalpolitik angekommen. So beschloss die Ehrenfelder Bezirksverwaltung, zuständig für eine eventuelle Umbenennung von Straßen, im letzten November, eine Veranstaltung zum Thema "Koloniale Erinnerungskultur in Köln Ehrenfeld" durchzuführen. Insbesondere AnwohnerInnen der Wissmann-, Gravenreuth-, Taku-, Iltis- und Lansstraße wurden hierzu eingeladen.
Diese Veranstaltung fand am 16. März 2010 statt, in der bis zum letzten Platz gefüllten Aula einer Realschule im "Chinesen-Viertel". Gekommen waren hauptsächlich AnwohnerInnen der umliegenden Straßen, mit dem erkennbaren Vorsatz, sich gegen die in ihren Augen längst geplante Umbenennung zur Wehr zu setzen: viele Weißhaarige, viele mit politischen Prozessen Unvertraute, praktisch keine Menschen mit Migrationshintergrund.
Ihnen gegenüber, sehr bleich, sehr angespannt, die Afrikanistik-Professorin Marianne Gersthaus-Bech, die sich in ihrem einleitenden Vortrag zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands gewiss um Verständlichkeit bemühte und dennoch nicht ankam. Die anderen Podiumsgäste hingegen, je ein Vertreter der Wohnungsbaugenossenschaft und der seit 1954 bestehenden Bürgervereinigung, der Präsident der Karnevalsgesellschaft "Ihrefelder Chinese" und der Bezirksbürgermeister, konnten sich eines mehr oder weniger großen Rückhaltes im versammelten Bevölkerungsteil sicher sein und legten daher größere Gelassenheit an den Tag. Die beste Rolle spielte wohl der Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD), der klipp und klar erklärte, mit ihm sei eine Umbenennung im "Chinesen-Viertel" nicht zu machen. Von dieser günstigen Position aus betonte er mehrmals die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und konnte es sich sogar herausnehmen, den Vortrag der Professorin geradezu rückhaltlos zu loben.
Obwohl das Ganze als Podiumsdiskussion angekündigt war, wurde schnell erkennbar, dass die vier Männer und die eine Frau zwar durchaus unterschiedliche Positionen (bis zu Verharmlosungen kolonialer Geschehnisse) herausstellen, aber nicht in ein Streitgespräch miteinander geraten wollten. Nur einer ließ es in seinem Eingangs-Statement dezidiert an Mäßigung fehlen, er meldete sich später aber nicht mehr zu Wort. Alle anderen betonten immer wieder das Gemeinsame, selbst wenn es damit gar nicht immer so weit her war. Das gemeinsame von einem Moderator unterstützte Bemühen um eine strukturierten, ruhigen Ablauf zeigte nach und nach Früchte.
Das Publikum hatte zu großen Teilen wenig Erfahrungen mit Veranstaltung dieser Art, aber einzelne nutzten die Gelegenheit, sich nach den offiziellen Redebeiträgen selbst zu äußern. Die Wenigsten wohl spontan, ihre Argumente klangen durchaus wohl überlegt. Das konnte einem sich aufgeklärter dünkenden Menschen dann schon mal die Haare zu Berge treiben, wenn etwa gefragt wurde, wo die Umbenennerei denn ihre Grenzen finden solle, der Stadtname selbst gehe ja auf koloniale Vergangenheit zurück, oder darauf hingewiesen wurde, als deutsche Touristin sei man in Namibia geradezu hofiert worden, aber die Leute fühlten sich nun als Beteiligte an einer Debatte. Auch die gar nichts gesagt oder sich nur durch Zwischenrufe hervorgetan hatten, brachten größere Bereitschaft zum Zuhören auf, nachdem "ihre Seite" gebührend zu Wort gekommen war.
Dass es in der Sache zwei sich feindlich gegenüberstehende Seiten gab, entsprach eigentlich mehr der Wahrnehmung als der Realität (eine Umbenennung von Taku-, Iltis- und Lansstraße liegt derzeit niemandem am Herzen), aber diese Wahrnehmung bestimmte am Anfang stark das Geschehen. Was wirklich aufeinanderprallte, waren die Lebenswelten eher unpolitischer Menschen mit Haupt- oder Realschulabschluss und starker Verwurzelung in Nachbarschaft und Familie und solchen, die studiert haben, noch nicht lange (wenn überhaupt) im Viertel wohnen und grundsätzlich kritisch Traditionen gegenüber eingestellt sind. Den bestehenden Machtstrukturen entsprechend neigt die erste Gruppe gegenüber der zweiten zu ressentimentgeladenen Ohnmachtsgefühlen, in diesem Fall verstärkt durch das Wissen um die Vorgänge in Nippes, wo sich diejenigen, die eine Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte angemahnt hatten, mit ihrer ursprünglichen Forderung nach Umbenennung ja durchgesetzt hatten. Die zweite Gruppe hingegen fühlte sich zurückversetzt in die Zeit ihres ersten Aufgbegehrens gegen die Gesellschaft, in die sie geboren worden waren, den dumpfen Alltags-Rassismus, die Treue zur Vergangenheit, die Abneigung gegen Veränderungen...
Von den Alteingesessenen und den zugereisten Studierten mit eher linken Vorstellungen ist seit Jahrzehnten die Rede, wenn man von Ehrenfelds Bevölkerungsstruktur spricht. Die dritte große Gruppe, die MigrantInnen, deren Kinder die Hälfte der Ehrenfelder SchülerInnenschaft ausmachen, war in dieser Veranstaltung praktisch unsichtbar. Andere AusländerInnen wurden aber erwähnt. Um dem zu diesem Zeitpunkt noch recht aufgebrachten Publikum zu veranschaulichen, mit welchen Klischees Angehörige ehemals kolonialisierter Völker sich in Deutschland nach wie vor herumschlagen müssen, berichtete die Professorin am Ende ihres Vortrags, StudentInnen aus Afrika würden immer wieder von ihnen völlig unbekannten Menschen gefragt, ob sie auf der Suche nach einem Putzjob seien. Das Argument hielt nicht, was sie sich davon versprochen hatte. Putzen gehen ist nichts Ehrenrühriges in einem von der unteren Mittelschicht geprägten Viertel.
Wesentlich geschickter und immer nah am Publikum agierte später ein etwa 35-jähriger Mann, eindeutig kein Alteingesessener und bestimmt nicht auf Putzjobs angewiesen, aber auch kein "Alternativer". Was er damit sagen wollte, dass ein chinesischer Freund ganz andere, unangenehmere Assoziationen als er selbst habe, wenn er den Namen Takustraße lese, wurde von vielen verstanden.
Die anfängliche Empörung darüber, sich mit etwas beschäftigen zu sollen, was doch schon 120 Jahre her sei - obwohl dies ja nun gerade Thema des Abends war - und die laute Zustimmung für gerade so eben wenn überhaupt an offenem Rassismus vorbeischrammenden Bemerkungen hatten ohnehin darüber hinweggetäuscht, dass es im Viertel durchaus eine Erinnerungskultur gibt: Ein ehemaliger Lehrer erinnerte sich, dass an seiner Schule die deutsche Beteiligung an der Niederschlagung des Boxer-Aufstands bereits 1964 Unterrichtsthema war. Zu dieser Zeit und lange danach tauchte die deutsche Kolonialgeschichte in den bundesdeutschen Lehrplänen gar nicht oder allenfalls am Rande auf. Dass diese lokale Tradition fortgeführt wird, berichtete ein Lehrer einer Ehrenfelder Hauptschule. Außerdem weisen Tafeln auf den historischen Hintergrund der Straßennamen hin.
Ein mehrfach vorgebrachtes Argument lautete, Straßennamen zu ändern bedeute, einen Teil der Geschichte totzuschweigen. Eine junge Frau zog Parallelen zu den Stolpersteinen, die vor Hauseingängen in den Gehweg eingelassen an die Verschleppung von konkreten Menschen während der Nazi-Zeit erinnern. Dadurch, dass sie ihrer kleinen Tochter erkläre, was es mit diesen Steinen und den Straßennamen auf sich habe, entwickle sich bei dieser historisches Verständnis.
Am Ende ging man geradezu friedlich auseinander. Gegen die zwei- oder dreimal von Podiumsteilnehmern vorgeschlagene Umbenennung von Gravenreuth- und Wissmannstraße hatte sich übrigens niemand gewandt.
Im "Kölner Stadtanzeiger" erschien ein Artikel zu der Diskussions-Veranstaltung: www.ksta.de/html/artikel/1264186000149.shtml
Und das Radioprojekt des Allerweltshauses, "alleweltonair" (www.alleweltonair.de), produziert eine Sendung, die am 21. April um 21:04 Uhr auf Radio Köln zu hören sein wird, FM 107,1.
Die nächste Stadtteilführung findet am 30.Mai statt. Näheres demnächst auf www.menschenrechte-koeln.de/.
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die politische bedeutung und der aussagegehalt von straßennamen wird ja oft unterschätzt, und nur manchmal fällt ein schlaglicht darauf, zumeist in aufbruchszeiten, in denen tradiertes generell hinterfragt wird. Jedenfalls macht diese geschichte die verschiedenen dimensionen solcher vorgänge transparent, und interessant ist auch das beobachtete agieren der unterschiedlichen klientel, die sich da bilden ...
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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