Der westlich der Innenstadt gelegene Kölner Stadtteil Ehrenfeld wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger planmäßig besiedelt. Es gab jede Menge Fabriken, Menschen, die dort arbeiteten und nicht weit entfernt lebten, sowie die Besitzer und höheren Angestellten der Fabriken, die oft ebenfalls im Viertel wohnten, in manchen Straßenzügen sogar Haus an Haus mit Arbeiterfamilien. In die Namensgebung der Straßen flossen lokale und zeitgeschichtliche Bezüge ein, so auch die von Kolonialvereinen geschürte Begeisterung für militärische und sonstige Präsenz, Verbreitung abendländischer Werte und Einführung des eigenen Wirtschaftssystems in in fernen Ländern. Menschen, die uns heute wegen ihrer Selbstherrlichkeit und Grausamkeit abstoßen, galten damals, zumindest in gewissen Kreisen, als heldenhaft, z.B. Herrmann von Wissmann und Karl von Gravenreuth, zwei Herren, die für den Tod Tausender AfrikanerInnen im Osten und Westen verantwortlich sind. Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei Ehrenfelder Straßen nach ihnen benannt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielten einige neue Straßen Namen, die an die Niederschlagung des chinesischen "Boxer-Aufstands" erinnern sollten: Takustraße, Iltisstraße ("Iltis" war ein deutsches Kanonenboot), Lansstraße nach dem die "Iltis" befehligenden Kapitän Wilhelm Lans.
Mit den Kolonien war 1918 ja Schluss, aber die Zeit der Kolonialvereine war noch nicht ganz vorbei. Und im Dritten Reich wurde einige Jahre lang durchaus erwogen, den "Lebensraum", der für das deutsche Volk zu finden sei, in Afrika zu erobern. Ein Zeugnis dieses Liebäugelns mit kolonialistischen Ideen und "Werten" sind einige Straßennamen in Nippes, einem anderen Kölner Stadtteil. Straßenschilder in einer 1935 gegründeten Siedlung verweisen auf ehemalige deutsche Kolonien wie Togo und Kamerun oder deutsche Männer vom Schlage Wissmanns und Gravenreuths, nämlich Carl Peters und Franz Adolf Eduard Lüderitz, letzterer eher kaufmännisch, jedoch nicht weniger skrupellos tätig.
1986 entstand eine Initiative, die sich für die Umbenennung der Carl-Peters- und Lüderitzstraße einsetzte. Die AnwohnerInnen waren mehrheitlich dagegen, nicht ganz unverständlich, denn so etwas ist ja mit Unannehmlichkeiten und Kosten verbunden. 1990 konnten die Befürworter sich jedoch durchsetzen, seitdem heißen diese Straßen Namibia- und Usambarastraße.
In den letzten Jahren gibt es auch immer wieder Diskussionen um die Straßennamen mit kolonialem Bezug in Ehrenfeld. Auf einem sehr intellektuellen Niveau bewegt sich der Verein Kopfwelten, der sich mit der Ausstellung "Köln Postkolonial" durchaus Meriten um die Aufarbeitung der lokalen Einbindung in koloniale und postkoloniale Strukturen verdient gemacht hat, mit seiner Website www.kopfwelten.org/ aber kaum ein breiteres Publikum anzusprechen vermag. Ein Vortrag zum Thema "Koloniale Straßennamen in Ehrenfeld" im Allerweltshaus, einem in Ehrenfeld ansässigen Migranten- und Stadtteilzentrum, sowie zwei Stadtteilführungen, in denen dieser Aspekt ebenfalls angesprochen wurde, hatten da mehr Potenzial, erreichten jedoch ebenfalls ein fast ausschließlich akademisches Publikum.
Dennoch ist das Thema inzwischen in der Lokalpolitik angekommen. So beschloss die Ehrenfelder Bezirksverwaltung, zuständig für eine eventuelle Umbenennung von Straßen, im letzten November, eine Podiumsdiskussion zum Thema "Koloniale Erinnerungskultur in Köln Ehrenfeld" durchzuführen. Die Einladung richtete sich insbesondere an die AnwohnerInnen der Wissmann-, Gravenreuth-, Taku-, Iltis- und Lansstraße.
Diese Diskussion hat nun am 16. März stattgefunden, in einer bis zum letzten Platz gefüllten Aula. Gekommen waren hauptsächlich BewohnerInnen des "Chinesen-Viertels", mit dem erkennbaren Vorsatz, sich gegen die in ihren Augen längst geplante Umbenennung der Straßen, in denen sie leben, zur Wehr zu setzen; viele Weißhaarige, viele mit politischen Prozessen Unvertraute, praktisch keine Menschen mit ausländischen Wurzeln.
Die Böse war, das stand von Anfang an fest, die Afrikanistik-Professorin, die einen Vortrag zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands halten sollte. Sehr bleich und angespannt saß sie zwischen den fünf Herren, die sich im Gegensatz zu ihr bei aller Unterschiedlichkeit in Bildungsgrad und politischem Standpunkt doch eines mehr oder weniger großen Rückhaltes im versammelten Bevölkerungsteil sicher waren. Die beste Rolle spielte wohl der Bezirksbürgermeister Josef Wirges (SPD), der klipp und klar erklärte, mit ihm sei eine Umbenennung im "Chinesen-Viertel" nicht zu machen. Von dieser günstigen Position aus betonte er mehrmals die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und konnte es sich sogar herausnehmen, den Vortrag von Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst geradezu rückhaltlos zu loben.
Ich will jetzt aber gar nicht schildern, was im Einzelnen passiert ist, sonst werde ich nie fertig. Auf das eine oder andere kann ich in einem späteren Blogbeitrag ja vielleicht noch eingehen.
Interessant fand ich:
Es gibt tatsächlich eine Erinnerungskultur im "Chinesen-Viertel", mindestens seit 1964. Ein ehemaliger Lehrer erinnerte sich, dass schon damals die Geschehnisse in China 1900 im Unterricht an seiner Schule thematisiert wurden. Zu dieser Zeit und lange danach tauchte die deutsche Kolonialgeschichte in den bundesdeutschen Lehrplänen gar nicht oder allenfalls am Rande auf. Dass diese Tradition fortgeführt wird, berichtete ein Lehrer einer Ehrenfelder Hauptschule. Außerdem weisen Tafeln auf den historischen Hintergrund der Straßennamen hin.
Straßennamen zu ändern bedeute, einen Teil der Geschichte totzuschweigen, lautete ein oft vorgebrachtes Argument. Eine junge Frau, noch nicht lange im Viertel ansässig, zog Parallelen zu den Stolpersteinen, die hier und da ins Straßenpflaster eingelassen an die Verschleppung von konkreten Menschen während der Nazi-Zeit erinnern. Dadurch, dass sie ihrer kleinen Tochter erkläre, was es mit diesen Steinen und den Straßennamen auf sich habe, entstehe bei dieser wie nebenbei so etwas wie ein historisches Bewusstsein.
Die anfangs etwas bedrohlich wirkende Stimmung (Empörung darüber, sich mit etwas beschäftigen zu sollen, dass doch schon 120 Jahre her sei - obwohl gerade diese Beschäftigung ja Thema des Abends war; laute Zustimmung zu grade so eben wenn überhaupt an offenem Rassismus vorbeischrammenden Bemerkungen) löste sich allmählich auf, so dass man geradezu auf einer versöhnlichen Note auseinanderging.
Gravenreuth- und Wissmannstraße heißen bestimmt nicht mehr lange so.
Etwas abrupt ende ich, wollte dies aber doch heute noch bloggen.
Heute, 19.3., habe ich weitergeschrieben, siehe Iltis ist nicht nur ein Tier (Fortsetzung).
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen