Was hatte eigentlich den Stimmungs-Umschwung bewirkt? Da war einmal das erkennbare Bemühen um Mäßigung. Von den Diskutanten auf dem Podium hatte nur einer es in seinem Eingangs-Statement missen lassen, von ihm war später aber nichts mehr zu hören. Alle anderen betonten immer wieder das Gemeinsame, selbst wenn es damit eigentlich gar nicht so weit her war.
Das Publikum war zu großen Teilen nicht mit dem Ablauf einer solchen Veranstaltung vertraut, aber einzelne nutzten die Gelegenheit, sich nach den offiziellen Redebeiträgen selbst zu äußern. Die Wenigsten wohl spontan, ihre Argumente klangen durchaus wohl überlegt. Das konnte einem sich aufgeklärter dünkenden Menschen dann schon mal die Haare zu Berge treiben, wenn etwa gefragt wurde, wo die Umbenennerei denn ihre Grenzen finden solle, der Stadtname selbst gehe ja auf koloniale Vergangenheit zurück, oder darauf hingewiesen wurde, als deutsche Touristin sei man in Namibia geradezu hofiert worden, aber die Leute fühlten sich nun als Beteiligte an einer Debatte. Auch die gar nichts gesagt oder sich nur durch Zwischenrufe hervorgetan hatten, brachten größere Bereitschaft zum Zuhören auf, nachdem "ihre Seite" gebührend zu Wort gekommen war.
Dass es in der Sache zwei sich feindlich gegenüberstehende Seiten gab, entsprach eigentlich mehr der Wahrnehmung als der Realität, aber diese Wahrnehmung bestimmte am Anfang stark das Geschehen. Was wirklich aufeinanderprallte, waren die Lebenswelten eher unpolitischer Menschen mit Haupt- oder Realschulabschluss und starker Verwurzelung in Nachbarschaft und Familie und anderen, die studiert haben, noch nicht lange (wenn überhaupt) im Viertel wohnen und grundsätzlich kritisch Traditionen gegenüber eingestellt sind (Typ Wahlkölnerin ;-)). Den bestehenden Machtstrukturen entsprechend neigt die erste Gruppe gegenüber der zweiten zu ressentimentgeladenen Ohnmachtsgefühlen, in diesem Fall verstärkt durch das Wissen um die Vorgänge in Nippes, wo sich diejenigen, die eine Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte angemahnt hatten, mit ihrer ursprünglichen Forderung nach Umbenennung ja durchgesetzt hatten. Die zweite Gruppe hingegen fühlt sich zurückversetzt in die Zeit ihres ersten Aufgbegehrens gegen die Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurden, den dumpfen Alltags-Rassismus, die Treue zur Vergangenheit, die Abneigung gegen Veränderungen...
Von den Alteingesessenen und den zugereisten Studierten mit eher linken Vorstellungen ist seit Jahrzehnten die Rede, wenn man von Ehrenfelds Bevölkerungsstruktur spricht. Die dritte große Gruppe, die MigrantInnen, deren Kinder die Hälfte der Ehrenfelder SchülerInnenschaft ausmachen, war in dieser Veranstaltung praktisch unsichtbar.
Andere AusländerInnen wurden aber erwähnt. Um dem zu diesem Zeitpunkt noch recht aufgebrachten Publikum zu veranschaulichen, mit welchen Klischees Angehörige ehemals kolonialisierter Völker sich in Deutschland nach wie vor herumschlagen müssen, berichtete die Professorin am Ende ihres Vortrags, StudentInnen aus Afrika würden immer wieder von ihnen völlig unbekannten Menschen gefragt, ob sie auf der Suche nach einem Putzjob seien. Das Argument hielt nicht, was sie sich davon versprochen hatte. Putzen gehen ist nichts Ehrenrühriges in einem von der unteren Mittelschicht geprägten Viertel.
Wesentlich geschickter und immer nah am Publikum agierte später ein etwa 35-jähriger Mann, eindeutig kein Alteingesessener und bestimmt nicht auf Putzjobs angewiesen, aber auch kein "Alternativer". Was er damit sagen wollte, dass ein chinesischer Freund ganz andere, unangenehmere Assoziationen als er selbst habe, wenn er den Namen Takustraße lese, wurde glaube ich verstanden.
Spätestens von diesem Zeitpunkt zeigte das Publikum immer größere Bereitschaft, sich auf Positionen einzulassen, die zu Beginn noch Protest ausgelöst hatten. Zum Schluss ernteten sie sogar verhaltenen Beifall.
Am Sonntag findet übrigens eine weitere Stadtteil-Führung vom Allerweltshaus aus statt, Treffpunkt 14 Uhr, Körnerstraße 77. Und das dort beheimatete Radioprojekt "alleweltonair" wird eine halbstündige Sendung zu der Diskussionsveranstaltung produzieren, Sendezeitpunkt noch unbekannt.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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