"Küba" ist der türkische Name Kubas. Es gibt auch eine Armensiedlung in Istanbul, die so heißt. Eine kurdische Familie, auf der Flucht vor einer Blutfehde, ließ sich Anfang der 1960er Jahre als erstes hier nieder. Tagsüber hüteten sie Schafe; nachts schliefen Frau und Kinder in der Lehmhütte; der Mann, vormals bei einer Istanbuler Bank beschäftigt, legte sich mit dem Gewehr davor. Nach und nach bekamen sie Nachbarn, aus den Lehmbauten wurden richtige, wenn auch nicht regenfeste Häuser, aus der Wildnis Gärten. Ein Junge, schon hier geboren, begann als Mittelschüler Fragen zu stellen, zu lesen, sich politisch zu engagieren. Er zog viele junge Leute auf seine Seite. Wieder und wieder bekamen sie staatliche Gewalt in Form von Gefängnisaufenthalten, Prügel, Folter zu spüren. Die kurdische Abstammung der meisten machte sie ohnehin verdächtig. Hatte die Siedlung damals überhaupt einen Namen? Wenn ja, ist er in Vergessenheit geraten. Über Kuba gab es mal einen Bericht im Fernsehen - ein schlechtes Land, wie dieser Stadtteil mit seinen Drogen, seiner Kriminalität, seinen Prügeleien, meinen einige BewohnerInnen sich später zu erinnern; ein Land, das sich ebenso wenig unterkriegen lässt und nach eigenen Gesetzen lebt, andere.
2002/3: Der ehemalige Mittelschüler lebt immer noch hier, ebenso wie seine Mutter, selbsternannte Revolutionärin seit ihrem dritten Grundschuljahr; wie Jungen, die Banden bilden, ihre Freunde in der Moschee treffen oder Fans von Enrique Iglesias sind; wie ein Mädchen, das froh ist, nicht den Mann zu heiraten, in den sie verliebt war, sondern einen, den man für sie ausgesucht hat; wie ein Mann, der seine Famile mit Pokerspiel ernährt und hofft, dass sein Sohn studieren kann; wie eine 15-Jährige, die sich als Kind recht erfolgreich als Junge behauptete, jetzt aber der Mutter zuliebe Röcke tragen will; wie Frauen, die man hierhin verheiratet hat und die nicht glücklich wurden; wie Männer, die das System anklagen für ihr von Angst und Unrechtserfahrung bestimmtes Leben oder den Tod eines Sohnes bei einem Raubüberfall; wie Menschen, die der Krieg zwischen Militär und PKK erst vor kurzem aus ihrer Heimat nach Istanbul getrieben hat. Linke, Rechte, Fromme, Stille, Eloquente, Trotzige... Kutluğ Ataman, türkischer Filmemacher und Videokünstler, etwa so alt wie die Siedlung, aber nicht dort aufgewachsen, lässt sie in Videos über sich und ihr Leben erzählen, fragt, wie es zu dem Namen Küba kam, ob sie gern hier leben, was das Besondere an dem Viertel ist.
Vierzig der so entstandenen Porträts sind noch bis zum 17. Januar im Museum Ludwig in Köln zu sehen, zusammen mit "Paradise", einer ähnlichen Videoinstallation des Künstlers, deren ProtagonistInnen in Südkalifornien leben.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen