Die etwa elfjährige Gülistan, ihr etwas jüngerer Bruder Fırat und die wenige Monate alte Schwester Dilovan leben in den 1990er Jahren mit ihren Eltern in Diyarbakır. Der Vater schreibt für eine kurdische Zeitung, die Schwester der Mutter scheint Verbindungen zur PKK zu haben. Ein Bekannter von ihr, der untertauchen muss, kommt kurzfristig bei der Familie unter. Dadurch geraten sie ins Visier der paramilitärischen JİTEM. Bei der Rückkehr von einem Fest werden die Eltern vor den Augen der Kinder erschossen. Wie so viele andere kurdische Kinder in jenen Jahren sind nun auch sie auf sich gestellt. Die Tante, die nach Stockholm fliegen und sie nachholen wollte, meldet sich nicht - eine spätere Szene legt nahe, dass sie in den Folterkellern der JİTEM gelandet ist. Nachbarinnen helfen, aber irgendwann stirbt das Baby doch, wirft der Vermieter die von den Kindern noch nicht zu Geld gemachten Einrichtungsstücke auf die Straße. Zelal, etwa so alt wie Gülistan, mit Großvater und Bruder aus einem verbrannten Dorf in die Provinzhauptstadt geflohen, nimmt sich der beiden an, zeigt ihnen, wie man widerstrebende PassantInnen dazu bringt, Papiertaschentücher und Feuerzeuge zu kaufen. Ihr Bruder Mikail führt Fırat in eine Jungenbande ein, in der es auch einige ältere Jugendliche und, im Hintergrund, Erwachsene gibt. Die bieten hin und wieder Kindern die Möglichkeit, nach Istanbul zu gelangen. Dass sie dort kein Honigschlecken erwartet, machen Sätze wie "Du musst dort aber tun, was ich dir sage" und "Heulsusen kann ich nicht gebrauchen" klar. Trotzdem hoffen die meisten Straßenkinder darauf, mitgenommen zu werden. Am Ende des Films sind auch auch Gülistan und Fırat dabei, in einer Fuhre aus etwa 15 Jungen und Mädchen zwischen zehn und vierzehn Jahren. Gülistans Blick ist so ernst wie den ganzen Film hindurch, schon zu Beginn war er oft traurig, nur manchmal sah man sie lachen oder lächeln. In der letzten Sequenz fällt vor allem der Unterschied zwischen diesem immer noch unschuldig wirkenden Blick und den wie schuldbewusst niedergeschlagenen Augen eines Mädchens auf, dem sie ein Stück Brot gegeben hat und das sie nun beim Essen beobachtet.
"Min dît" heißt "ich habe gesehen" und gemeint ist: Ich habe den Mörder unserer Eltern gesehen. Das widerfährt jedem der beiden Kinder. Gülistan hätte sogar die Möglichkeit, ihn zu erschießen, man sieht sie auf seinen im Bett liegenden Rücken zielen. Sie belässt es dabei, die Waffe zu entwenden. Und übt Vergeltung anderer Art: Kurz darauf ist das Viertel voll mit Flugblättern, die seine Mitarbeit bei der JİTEM aufdecken, seine Adresse bis auf Etage und Wohnungsnummer genau angeben und ihn damit der sozialen Ächtung anheimstellen. Die Idee dazu stammt wohl aus einem Märchen, das die Mutter auf Kassette gesprochen hat und daher aus ihrem Mund an die neuen Freunde auf der Straße weitergegeben werden kann: Ein alter Mann lockt einen Wolf mit einem Happen Fleisch und hängt ihm eine Glocke um den Hals. Von nun an ist jeder rechtzeitig gewarnt und das Tier muss hungers sterben.
Neben die Aufklärung tritt das Gedenken an die Opfer: In einer kurzen Szene erfährt man, dass die Kinder Gefolterte, deren Leichen von der Polizei ausgesetzt wurden, bestattet haben und durch die Pflege ihrer Gräber ehren. Die nach Istanbul reisen, schärfen es den Zurückbleibenden noch einmal ein. Das Lehrbuchhafte dieser Szene sei dem Regisseur verziehen, der praktisch ohne Budget einen dramaturgisch überzeugenden Film über ein nach wie vor brisantes Thema geschaffen hat.
Immer interessant ist die Sichtweise auf die Geschlechter. Die Rücksichtslosen sind im Film durchweg Männer, Frauen hingegen in fast allen Situationen zu Hilfe oder Einsicht bereit. Nichts Neues also. Trotzdem lohnt es sich genauer hinzusehen:
Fırat scheint das Leben unter Jungen erst einmal besser zu bekommen als seine nicht besonders günstige Position in der Kleinfamilie. Hier steht er nicht in ohnmächtiger Konkurrenz zu seiner großen Schwester und hat immer Spielkameraden. Dass viele Zeitvertreibe mit Gewalt gefärbt sind, macht ihm, dem Mittelstandskind, zu schaffen, aber es gelingt ihm, nicht aufzufallen. Wie traumatisiert die meisten Kinder sind, wird angedeutet durch Zelals Erzählung der Nacht, in der ihr Dorf brannte. Eigene Härte zu entwickeln ist gerade für die Jungen eine Bewältigungsstrategie, in der sie sich und einander schulen. In einer surrealen Szene sieht man bei einer Fahrt durch die Stadt zwischen herumspielenden Kindern überall Jungen mit Gewehren. Dass sie bzw. realistische Nachbildungen schon im frühen Alter zum Objekt der Begierde werden, zeigt eine andere Szene und versteht sich in einem von solcher Gewalt geprägten Umfeld ohnehin von selbst. Auch hierzulande hat es im übrigen ja lange gedauert, Kriegsspielzeug zu ächten.
Gülistan hat immerhin eine Waffe in der Hand und erwägt sogar einen Schuss. Wie alle Frauen und Mädchen ist sie aber letztendlich mit dem Am-Leben-Bleiben, der Bewältigung des Alltags beschäftigt. Fast durch die Bank bedeutet das eigene wirtschaftliche Tätigkeit. Zelal träumt davon, ein richtiges Geschäft aufzubauen. Streng weist sie Diebesgut zurück, das andere Kinder ihr zum Verkaufen anbieten, muss sich aber sagen lassen, in dieser Stadt sei ohnehin alles schon viermal geklaut. Gülistan freundet sich mit einer Prostituierten, Dilan, an - mit ihr zusammen betritt sie die Wohnung des JİTEM-Mitgliedes. Deren Mutter, eine Markthändlerin, darf vom Nebenerwerb der Tochter nichts wissen, ahnt womöglich nicht mal, dass diese ohne Kopftuch durch die Stadt geht; was dem Film nach zu schließen zu dieser Zeit keineswegs unüblich war. Im Unterschied zu ihrem Bruder verbringt Gülistan den Tag also in einer Zweierbeziehung. Die beiden treten als Schwestern auf und scheinen sich tatsächlich ein bisschen so zu fühlen. Für ihre Unterstützung macht Dilan Gülistan Geschenke, wofür diese Unterstützung geleistet wird, beschweigen sie konsequent.
Es ist Sommer. Überall spielen Kinder. Viele Häuser sind innen und außen mit bunten Farben angestrichen. Warmherzige, hilfsbereite Menschen wohnen darin. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Paradies, ist aber das von Flüchtlingen überfüllte Diyarbakır der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als die blutige Verfolgung von allem, was mit der PKK in Verbindung gebracht wurde, auf ihrem Höhepunkt war.
D/TR 2009, 102 Minuten, Regisseur: Miraz Bezar. Kurdisch und türkisch mit deutschen Untertiteln. Website: www.min-dit.com
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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