Ein Junge haut ab, wie Jahrzehnte zuvor sein Großvater die Flucht ergriffen hat; eine Frau verschwindet. Sie gehen einfach, weg, oder auf ein nur ihnen bekanntes Ziel zu. Alzheimer-PatientInnen gehen. Sie wollen nach Hause. Die Frau ist die Großmutter des Jungen und hat Alzheimer.
Wirklich verschwunden ist nur der Großvater: tot. Die Lebenden findet man immer wieder. Immer wieder verliert man sie aus den Augen und findet sie wieder. Bis sie sterben.
"Wo ist mein Berg?", fragt die Großmutter, als sie in Istanbul zu sich kommt. Der Junge weint, als er sie in der letzten Szene den Berg hinaufsteigen sieht. Zum Sterben? Oder um ihren Mann zu treffen, der sie aus Gründen verlassen hat, die im Film unklar bleiben? Wie würde sie nennen, was sie dort hinzieht?
Istanbul: eine Mittelmeerstadt, eine Stadt an mehreren Meeren, traumhaft schön. Armut und Reichtum, das Alte und das Neue scheinen sich ganz selbstverständlich zu durchdringen. Regen, etwas Sonne: Melancholie von Winter, Vorfrühling.
Das Dorf hinter sich gelassen haben, zwischen sorgsam polierten Oberflächen leben, in Wohnungen wie in Pariser Hochglanzmagazinen. Kein Ort für den Jungen. Er zieht es vor abzurutschen. Draußen schlafen. Ausgeliefert sein. Wärme bei Hilflosen. Kein echter Gegenentwurf, trägt im Film aber weiter als die Aktivitäten der Vernünftigen.
Der Junge und sein Onkel sind warm, kindlich, ratlos; die Frauen erfolgreich, verzweifelt, kalt. Die Großmutter muss grausam gewesen sein, man merkt es, als sie einmal ihre älteste Tochter mit wenigen treffenden Worten niedermacht.
Die einfachen Leute: Gutmütige, herzliche Menschen, die meistens in Gruppen auftreten. In einer verlassenen Straße wird der Junge von einem Taschendieb mit einem Messer bedroht, erzählt hinterher von dem Blick in dessen Augen, eine Erfahrung, die er gern mystisch hätte.
Zu viel Schwarzweiß? Ein Film, der vor allem westeuropäische Sehgewohnheiten / Wahrnehmungsraster bedient (siehe die Liste der fördernden Institutionen)?
"Pandora'nın Kutusu / Pandora's Box" von Yeşim Ustaoğlu, 2008, 112 min
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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