fruehauf

Blog von fruehauf

05.12.2010 | 12:30

Tag -3 - Ein Buch, dessen Autor oder Autorin sich in Haft befindet

In drei Tagen, am Mittwoch, den 8. Dezember, beginnt in Istanbul der Prozess gegen Doğan Akhanlı. Vorgeworfen werden dem türkischen Schriftsteller mit deutschem Pass Beteiligung an einem bewaffneten Raubüberfall und Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation in den 1980er Jahren. An den Vorwürfen ist nichts dran, der Prozess, der unter internationaler Beobachtung steht, wird mit einem Freispruch enden müssen. Die Frage ist nur, wann das sein wird. Ich kann nicht von der Hoffnung lassen, dass der erste auch der letzte Prozesstag ist, auch wenn ich von allen Seiten zu hören kriege, ein solch schnelles Ende sei höchst unwahrscheinlich.

Doğan hatte ursprünglich vor, nach seiner Freilassung - wann immer das wäre - in sein Heimatdorf ganz im Nordosten des Landes zu reisen. Vor einigen Tagen ist sein Vater aber gestorben. Ihn zu sehen hatte Doğan sich nach 19 Jahren auf diese gefährliche Reise begeben. Umsonst. Wahrscheinlich kehrt er nun direkt nach Köln zurück. Morgen findet dort zwischen 12 und 14 Uhr eine Mahnwache für ihn statt, auf dem recht zentral gelegenen Wallrafplatz, mitten im Trubel der Weihnachtseinkäufe.Die Uhrzeit ist eher ungünstig, hoffentlich kommen trotzdem viele Leute.

Die ersten Mitglieder der ProzessbeobachterInnen-Gruppe werden sich dann schon in Istanbul befinden. Die Website gerechtigkeit-fuer-dogan-akhanli.de informiert fortlaufend über den Stand der Dinge. Neben Online-Medienberichten zu dem Fall werden mittlerweile in einem pdf-Pressespiegel auch Print-Artikel dokumentiert. Ich weiß allerdings nicht, ob der sehr gute Artikel von Kai Strittmatter schon drin ist, der am 2.12. in der Süddeutschen erschien. Wer keine Möglichkeit hat, ihn zu lesen - fast zeitgleich hat die taz eine ganze Seite über Dogan gebracht. 

Das Buch: "Die Richter des Jüngsten Gerichts", ein Roman, den ich eigentlich nur durch eine Lesung kenne. Aber ich habe ihn einmal verschenkt. Allerdings nicht als Buch: Die Übersetzung (von Hülya Engin) lag als Textdatei schon vor, besagte Lesung hatte schon stattgefunden, nur mit dem Verlag haperte es noch. Ich suchte ein Geschenk für eine gemeinsame Freundin und bat Dogan, mir eine Kopie dieser Datei zu verkaufen. Dogan wollte natürlich kein Geld nehmen, aber sonst wäre es ja kein Geschenk von mir gewesen. Wir einigten uns darauf, dass Teile ausgedruckt wurden, oder war es dann doch alles? Ich weiß es nicht mehr.

Die Originalausgabe war 1999 in der Türkei erschienen und damit das erste Buch in diesem Land, das den Völkermord an den ArmenierInnen literarisch thematisierte. Sozusagen eine Wegmarke auf dem noch lange nicht abgeschlossenen, aber inzwischen immerhin hier und da beschrittenen Weg zu einer aufrichtigen Auseinandersetzung mit diesem Verbrechen. Das Buch bildet den Abschluss einer Trilogie, die bis auf die deutsche Übersetzung des dritten Bandes mittlerweile wohl vergriffen ist, und in der es erst einmal um die jüngere Zeitgeschichte ging, nämlich die 1970er und 1980er Jahre, die Dogan ja hautnah miterlebt hat.

2005 erschien "Madonna'nın Son Hayali". Es wurde von türkischen LiteraturkritikerInnen zu den wichtigsten Büchern jenes Jahres gewählt und ist dem Schriftsteller Sabahattin Ali, den Reisenden des Schiffes "Struma" und dem Andenken an Dogans Mutter gewidmet. All das und noch viel mehr kommt darin auch vor. Literarisch finde ich es etwas unausgewogen, obwohl mir die Freude des Autors an dekonstruktivistischen Konstruktionen durchaus gefallen hat und ich sehr bewegt war von dem, was ich aus dem Erzählten auf seine Person schließen konnte (der Ich-Erzähler weist viele Gemeinsamkeiten mit Dogan selbst auf).

Das Buch, das 2009 erschien, "Babasız Günler" (Vaterlose Tage), hat ja einen Preis der Zeitung Hürriyet erhalten. Auch diesen Roman kenne ich nur durch eine Lesung; er hat mich nicht genügend angesprochen, um ein Exemplar zu erwerben. Was Dogan derzeit schreibt, werde ich aber bestimmt kaufen. Und "Die Richter des Jüngsten Gerichts" auch - diemal als Buch, nicht als Papierstoß nebst Diskette.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
fruehauf
Fruehauf ist oft frueh auf, ansonsten: Jahrgang 1960, Wahlkoelnerin, vielseitig ungebildet
Mitglied seit:
2 Jahre 30 Wochen
Zuletzt aktiv:
05.06.2011
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 106
Kommentare: 158
Mein Projekt:
Logbuch
03:23
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:14
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:12
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:49
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:42
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG