Wird es Hanne gelingen, aus dem behüteten, aber engen Heimleben der Waisenkinder den Weg in die größere, freiere Welt zu finden, in der sie sich wirklich entfalten kann?
Wenn sie sich nur selbst etwas zutraute! Natürlich wählte der Arzt Dr. Heim an ihrer Stelle die forsche, selbstbewusste Brigitte als Haustochter, obwohl er immer freundlich zu Hanne gewesen ist. Schon scheint es, als müsse Hanne im Heim bleiben, da fällt ihr das Glück ganz unerwartet in den Schoß.
Aber Hanne – hat Angst. Wie soll sie der von allen bewunderten Journalisten Frau Müller eine Hilfe sein, die so hoch über ihr steht, unerreichbar hoch! Und alles ist so fremd in dem hübschen Haus, in das sie nun kommt, das Neue so schwer!
Doch Frau Müller sieht tiefer, sie erkennt, dass Hanne gute Anlagen hat. Geduldig führt sie Hanne in die neue Welt ein und hilft ihr heute mit Nachsicht, morgen auch mit Strenge über Scheu und Angst hinweg.
Und wirklich: nun erst kommt die wahre Hanne zum Vorschein, sie entdeckt sich selbst. Als dann eine große Erschütterung sie gänzlich verzweifeln lässt, da zeigt sich, dass sie in Frau Müller eine Mutter, dass sie eine Heimat gefunden hat.
So die auch im Ton recht treffende Zusammenfassung des Mädchenromans "Komm heim, Hanne" von Charlotte Prenzel auf www.auvito.de/komm-heim-hanne/artnr3018166/details.html. Wie oft habe ich dieses Buch, von einer Nachbarsfamilie auf mich gekommen, in meiner Kindheit gelesen! Als ich es mit siebzehn noch einmal hervorkramte, stieß mir das miefige Weltbild zum ersten Mal auf und ich konnte kaum glauben, dass diese Geschichte vom braven unterprivilegierten Mädchen, dem ein gewisser Aufstieg in sorgfältig kontrolliertem Rahmen gewährt wird, mal so etwas wie mein Lieblingsbuch gewesen war.
Was mich als Kind so fasziniert hatte, war die Wurzellosigkeit des Waisenkindes, in meinen Augen eine beneidenswerte Freiheit, die ihm letztendlich die noch beneidenswertere Erfüllung einer Sehnsucht eintrug (die - wenn auch stark pädagogisch gefärbte - Liebe der Journalistin, das Gewählt- und Akzeptiertsein durch eine fremde, bewunderte Person über alle Schwächen hinweg).
So enthält halt auch und gerade noch das reaktionärste Machwerk Kerne utopischen Begehrens. Und vom Jahr 1968, als ich das Buch in unserem Angestellten-Mietshaus in der Vorstadt zum ersten Mal las, begriff ich damals eben auch noch rein gar nichts.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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