fruehauf

Blog von fruehauf

19.01.2010 | 15:21

Traumberuf

Schulabbruch ein halbes Jahr vor dem Abi; das Gefühl, gefangen zu sein in einer Welt, die ich ablehnte und die alles daran setzte, mich zu brechen; keine Lust auf Möbelschleppen und schon gar keine Leidenschaften, die sich irgendwie ökonomisch hätten verwerten ließen - eigentlich ging es ums Überleben, nicht um einen Traumjob, als ich im Herbst 1979 in der taz inserierte, dass ich einen Arbeitsplatz in einer Vollkornbäckerei suchte. Aber die Liebe zum Produkt, die Möglichkeit, im alternativen Milieu zu verbleiben, mich nicht der von mir als erstickend empfundenen "normalen" Arbeitswelt anpassen zu müssen, die Unintellektualität der Tätigkeit und die Überschaubarkeit der wirtschaftlichen Beziehungen - war das nicht ideal, genau das, was ich brauchte?  

Die Realität, ein paar Wochen später in einer Kreuzberger Bäckerei, entsprach durchaus meinen hochgestimmten Vorstellungen. Man war auch zufrieden mit mir und es wurde abgemacht, dass ich nach kurzer Heimreise, um meine Siebensachen zu packen, dort anfangen würde. Sie brauchten ganz akut jemanden, so dass ich diese Rückfahrt erst einmal aufschob - ein ums andere Mal, bis ich Stress mit der Frau bekam, bei der ich, eigentlich ja nur für ein paar Tage, einquartiert war.

Ich zog um und erfreute mich weiter am kräftigen Sauerteiggeruch, an den leckeren Kuchenfüllungen und dem Gefühl, einen erträglichen Ort in der Welt gefunden zu haben. Es gab inzwischen noch einen Gast in der Backstube, eine Frau, die in ihrer Landkommune fürs Brotbacken zuständig war und nun bei richtigen Bäckern was lernen wollte. Sie quatschte mir ein bisschen viel, war aber ganz nett. Rudi Dutschke starb. Die Sowjets marschierten in Afghanistan ein und an hier und da gezeigter Nervosität merkte ich, dass Berlin eine Art Frontstadt war. Ich musste noch mal umziehen, was wieder klappte, jedenfalls für ein paar Tage. Ein weiteres Domizil brauchte ich mir dann nicht mehr zu suchen, denn die Bäcker hatten in den heiteren Tagen mit der Frau aus Bayern gemerkt, dass sie jemanden brauchten, der sie nach dem Stress der vorangegangen Jahre aufbaute und da konnten sie ein eher kontemplatives Temperament wie meines nicht gebrauchen. Sie bezahlten mich gut, das muss ich ihnen lassen, so dass ich mit dem Zug zurückreisen konnte, ohne mich als Verschwenderin zu fühlen.

Träume sollen vielleicht Träume bleiben, sagte ich mir und versuchte anderes, machte Abitur, begann zu studieren. In dieser Stadt gabs auch eine Vollkornbäckerei... so halb versuchte ich es noch mal, machte zwei Wochen Praktikum, in denen alles bestens lief und man sich mir auch herzlich zugetan zeigte, aber das Misstrauen gegen so viel Glück siegte und ich begann doch keine Ausbildung. Möglich, dass es gar kein Misstrauen war, sondern die leise Erkenntnis, dass der Job bei allen Vorzügen doch schnell langweilig wird. Auch die körperlichen Anforderungen sind nicht ohne, inzwischen würde mein Rücken vermutlich gar nicht mehr mitspielen. Trotzdem ist es irgendwie "mein" Beruf; alles andere nur so tun, als ob, Ausprobieren und Maskerade. Aber vielleicht liegt der Sinn des Lebens ja ohnehin eher darin als in der Hingabe an eine Aufgabe oder einen Beruf.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 19.01.2010 um 15:38
Das war ja interessant. Jetzt bäckst Du also nicht mehr oder nicht mehr beruflich.

Schön zu lesen weil gut geschrieben.
Back mal weiter...virtuell.
merdeister schrieb am 20.01.2010 um 09:39
"Back mal weiter...virtuell."

Da schließe ich mich an.
Dreizehn schrieb am 19.01.2010 um 18:56
Die Zeilen gefallen mir, weil sie von jener Orientierungslosigkeit erzählen, unter der wir alle leiden. Oder wüssten Sie ein erstrebenswertes Ziel, das eine Gesellschaft anbieten könnte, die sich selbst, wo immer es nur geht, lobhudelt und beweihräuchert, gleichzeitig aber so korrupt und morbide ist, dass man es nicht in Worte fassen kann? Orientierungslosigkeit ist, mit aller Vorsicht, ein Normalzustand, den man möglicherweise, anders gewendet, sogar Freiheit nennen darf.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 20.01.2010 um 09:32
Mir geht es so, dass sich mein Traumberuf seit der Kindheit 2,3 mal geändert habe, und die Ausbildung, die ich letzendlich machte, war weit davon entfernt.
Noch heute kann ich mich mit dem, was ich beruflich der Bezeichnung nach tue, nicht identifizieren.
In Wahrheit denke ich, habe ich meine Berufung noch nicht gefunden oder es fehlt der richtige Begriff für mich.

Das "Ausprobieren" und "Maskerade" habe ich auch schon öfter so empfunden...

LG Feli
fruehauf schrieb am 21.01.2010 um 15:44
Hier "backen" macht Spaß, danke auch für die Ermutigung!

@ feli
Klingt vertraut... Bei mir hats ziemlich lange gedauert, bis ich endlich wirklich einen Berufsabschluss in der Tasche hatte, (dann doch nichts Akademisches), und was ich jetzt mache, hat nur am Rande damit zu tun. Lässt sich aber ganz gut aushalten, so dass ich derzeit keinen Leidensdruck habe, auch weil ich nur 30 Stunden arbeite.
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