Nun ist es über zwei Wochen her, dass Dogan Akhanli nach vier Monaten Untersuchungshaft am ersten Verhandlungstag die Freiheit wiedererlangte. Albrecht Kieser, der sich von Anfang an für seinen Freund eingesetzt hatte, hat einen sehr guten Artikel über diesen Tag und die Hintergründe in der Kölner Monatszeitschrift "Stadtrevue" veröffentlicht, hier der Anfang. Von vorne bis hinten online lesen kann man Peter Bachs Eindrücke. Beide gehörten der Prozessbeobachter-Delegation an.
Peter Bach hat in seinem Dokument ein paar türkische TV-Videos verlinkt:
www.sondakika.com/haber-yazar-akhanli-tahliye-edildi-2403753/ (einzelne unkommentierte Szenen vor dem Gerichtsgebäude)
video.ntvmsnbc.com/yargi-intikam-duygusuyla-davraniyor.html#21-yil-so (Günter Wallraff in NTV, noch vor der Verhandlung)
video.ntvmsnbc.com/yargi-intikam-duygusuyla-davraniyor.html#21-yil-sonra-ozgurluk.html (Dogan am nächsten Tag im selben Kanal mit einem recht sympathisch wirkenden Moderator namens Mirgün Cabas)
Kurz darauf hat Dogan der SZ ein Interview gegeben. Man merkt ihm darin noch Anspannung und Bitterkeit an. Inzwischen war er in seiner Heimatprovinz Artvin ganz im Nordosten des Landes, hat viele Verwandte und Freunde besucht und ist immer mehr "aufgetaut". Eine überaus begrüßenswerte Entwicklung, doch beginne ich mich allmählich zu fragen, ob es ihn überhaupt noch mal zurück nach Deutschland zieht!
In der Türkei hat er mittlerweile einige Medien-Auftritte absolviert und nun werden noch Lesungen dazukommen, denn dieser Tage ist in Istanbul sein neuestes Buch erschienen, "Fasıl". Das ist die Bezeichnung eines orientalischen Musikstils und Musik spielt in diesem Roman offenbar eine große Rolle. Abwechselnd wird aus der Perspektive eines Opfers des Militärputsches von 1980 und der seines damaligen Folterers erzählt, der den einzelnen Stadien seiner Befragungen die Namen von Musikstilen gab, die Struktur seiner Verhöre also gewissermaßen mit dem Aufbau eines klassischen osmanischen Konzertes gleichsetzte. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis dieses Buch ins Deutsche übersetzt wird, Informationen vorläufig jedoch nur auf Türkisch, z.B. auf www.etha.com.tr. Die Buchvorstellung am 25.12. ist auf der Kampagnen-Website angekündigt.
Die Retourkutsche auf das SZ-Interview ist auf turkishpress.de nachzulesen. Den Thesen des Autors (die Generäle mussten 1980 putschen, wer damals ins Gefängnis kam, hatte es sich selbst zuzuschreiben und verdient kein Mitgefühl; heutzutage sitzt niemand unschuldig in einem türkischen Gefängnis - das soll wohl auch für Untersuchungshäftlinge gelten, denn ein solcher war Dogan ja) kann ich natürlich nicht zustimmen; dass ihn Dogans Feindseligkeit vergrätzt hat, finde ich jedoch in gewisser Weise nachvollziehbar. Aber man muss schon ganz nah an dem ideologischen Konstrukt von Nabi Yücel bleiben, um den Grund für Dogans Abwehrhaltung zu verkennen, die ja gerade eine Reaktion auf diese Art von selbstherrlichem Nicht-Dialog bzw. seine politische Wurzeln darstellt.
Es kann nur besser werden. Nach dem Referendum vom 12. September, das die Immunität der Generäle aufhob, erstatten immer mehr Türkinnen und Türken Anzeige. Im Fernsehen laufen Dokumentationen und Serien über die Militärputsche von 1960, 1971 und 1980. Auch den Interviews mit Günter Wallraff und Dogan ist anzumerken, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die zivilgesellschaftliche Diskussion über die Probleme der Gegenwart keineswegs nur in kleinen einflusslosen Nischen stattfindet.
Am 9. Februar - noch mitten im Winter - beginnt das Verfahren gegen Pinar Selek von vorn, nachdem sie von zwei Instanzen freigesprochen worden war vom Vorwurf, an einem Bombenattentat im Jahr 1998 beteiligt gewesen zu sein. Den "Aufruf zur Unterstützung von Pinar Selek" des PEN Deutschland kann man auf www.ps-signup.de mitzeichnen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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