fruehauf

Blog von fruehauf

31.12.2009 | 11:51

Wieder in Küba

Gestern war ich wieder im Museum, habe mir einige der Videos noch mal angeschaut, unter anderem das mit dem Erstsiedler. Dass er mit seiner Familie ständig auf der Flucht vor der Blutfehde war, stimmt, war aber nicht der Grund, warum er Sivas verlassen hat. Vielmehr ertrug er die Jammerei seiner ersten Frau nicht mehr, die selbst den Vorschlag gemacht habe, seine zweite Frau im Haushalt aufzunehmen, mit der Situation dann aber nicht zurechtgekommen sei. Männer, die zwei Frauen (oder mehr) haben, werden immer wieder erwähnt, ein kulturelles Muster, das im Beziehungsverhalten der jüngeren Generation allerdings eine geringere Rolle zu spielen scheint.

Ich bin jetzt nicht mehr sicher, dass Doğan (der "Mittelschüler") wirklich schon in dem Viertel geboren wurde. Jedenfalls gehörte Hatun, seine Mutter, zu den Verwandten der Gründerfamilie, die diese als erste einlud, auch hier zu siedeln, und sie muss damals ziemlich jung gewesen sein.

Zur Zeit der Aufnahmen ist sie in den Fünfzigern. Ihr sehr selbstbewusstes Auftreten unterscheidet sie von den meisten porträtierten Altersgefährtinnen, die hellen Augen und der schmalere Körper von Arife, ihrer wenige Jahre jüngeren Nichte. Das recht lange Video (etwa eine Stunde) Video mit ihr sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen, ebensowenig wie das von Doğan, der von der körperlichen Präsenz her so gar nicht wie ihr Sohn wirkt, ist aber kein Wunder. Auch aus Arifes Erzählungen erfährt man viel über den rebellischen Geist des Stadtteils und seine Geschichte.

Im Anschluss ein paar Sachen, die mir grade so im Kopf sind:

H hält nichts von inniger Liebe zwischen Eheleuten. Ihre Ausführungen dazu kann man wohl so zusammenfassen, dass starke exklusive Gefühle das soziale Gleichgewicht stören und politisches Engagement behindern - "meine Liebe ist die Revolution", erklärt sie stolz.

Vor einem Besuch ihres Sohnes D im Gefängnis stellte sie ihrer grippekranken Mutter den Kassettenrekorder ans Bett und sorgte dafür, dass eine Nachbarin bei ihr blieb. Als sie zurückkam, warf die Mutter ihr vor, sie allein gelassen zu haben, um ihren Sohn zu sehen. Hatun geriet in Wut, brachte sie nach draußen in den Schnee, trat und schlug sie. Seit dem Tod der Mutter macht sie sich Vorwürfe wegen dieser Szene, führt zu ihrer Entlastung aber ihre Kinder an, die ihr durch ihre ständigen Gefängnisaufenthalte so viele Sorgen gemacht hatten.

Dass man in ihrer Generation dazu angehalten wurde, größere Ehrfurcht vor den Eltern als Liebe zu seinen Kindern zu zeigen, klingt auch an, als sie erzählt, wie ihr Mann bei einem Urlaub zum ersten Mal seinen schon einige Wochen alten ersten Sohn zu Gesicht bekam. Aus Scheu vor den anwesenden Eltern wagte er nicht, ihn zu streicheln; erst als jemand behauptete, es sei jemand anderes Kind, nahm er ihn auf den Schoß.

Später schlug sie ihre Kinder manchmal nur, um ihren Mann zu provozieren, der das nie tat und sich dann garantiert zu dem von ihr gewünschten Streit hinreißen ließ.

D erzählt, wenn seine Eltern gestritten hätten, wäre sein Vater irgendwann türenschlagend gegangen. Einmal müsse er aber sehr wütend gewesen sein, denn er fasste sie an der Gurgel. Er erinnert sich noch, wie er und seine beiden Brüder ihn angefeuert hätten, weiterzumachen, sie zu schlagen.

Er habe eigentlich nicht gegen ein politisches System gekämpft, sondern sich gegen seine Mutter aufgelehnt, versuche seine Therapeutin D einzureden, erzählt H voller Verachtung. Sie hat ohnehin kein Verständnis dafür, dass er sich in psychologische Behandlung begeben hat. Viele Patienten dieser Frau (oder von Psychologen allgemein) würden sich umbringen, das wisse sie aus dem Fernsehen.

Viele Leute im Viertel sprechen mit Ehrerbietung von "Mutter H", die viel für sie getan habe (Verwandtschaftsbezeichnungen für nicht verwandte Menschen sind in der Türkei nichts Ungewöhnliches). Ein junger Kurde, der noch nicht sehr geläufig türkisch spricht, hat in ihrem Haus Unterschlupf gefunden. Er ist der einzige, bei dem man den Eindruck hat, dass er zu diesem Projekt überredet werden musste, denn er wirkt sehr befangen und tupft sich immer wieder Schweiß aus dem Gesicht. Während seines Militärdienstes in einem Gefängnis wenige Jahre zuvor brannte ein Block mit politischen Gefangenen nieder, die meisten Insassen starben. Das Feuer war wohl von einem Sonderkommando gelegt worden, denn nachher bemerkte er im Depot das Fehlen mehrerer Tonnen Benzin.

Zum Schluss eine Geschichte, die gut ausgegangen ist: Arifes Vater (übrigens der Erstsiedler) war nicht damit einverstanden, dass sie als Alevitin einen Sunniten heiratete. Wie es in solchen Fällen Usus war oder ist, brannten die beiden daraufhin durch, zu einer Schwester des Mannes in einem nahegelegenen Istanbuler Viertel. Der Vater schickte ihnen einen seiner Söhne mit dem Auftrag nach, den Bräutigam zu erschießen, wozu dieser allerdings wenig Neigung verspürte. Er beriet sich mit dem jungen Paar und erzählte später seinem Vater, er habe lange auf den Mann gewartet und sei schließlich unverrichteter Dinge - "hätte ich einen Unbeteiligten erschießen sollen?" - wieder abgezogen. Nach ein paar Wochen kehrten die Eheleute zurück und man arrangierte sich, wie ebenfalls in solchen Fällen üblich. Nur Hochzeitsgeschenke gab es keine.

 
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Kommentare
goch schrieb am 31.12.2009 um 16:08
Sehr interessant. Verstehe ich das richtig, dass das eine Video-Kunst-Installation ist, die den Stadtteil Kueba porträtiert und warum werden die 50iger Jahre gewählt?
fruehauf schrieb am 01.01.2010 um 14:26
Genau, Istanbuler Stadtteil Küba, aber 50er Jahre? Die werden erwähnt, wenn die Leute ihre Erinnerungen auspacken. In dem Post davor stands etwas genauer beschrieben. Die Videos wurden 2002/3 mit 40 BewohnerInnen gedreht, die aus ihrem Leben erzählen und was sie von Küba wissen, aber die Geschichten vom Anfang (ab 1961) werden glaube ich alle von Leuten erzählt, die damals tatsächlich schon dort lebten: Arife, ihr Vater, Hatun... Interessant ist eigentlich alles, aber man braucht jede Menge Zeit. Wenn man jeden Beitrag vollständig ansehen will, insgesamt ca. 20 Stunden. Und man muss englische Untertitel lesen, selbst Leute, die den O-Ton verstehen würden, denn er ist leise gestellt.
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