Anfang bis Mitte der 1990er Jahre: Eine ältere Frau in weißer Kleidung, mit schneeweißem Gesicht, aus dem die dunkel umrandeten Augen riesenhaft hervortreten, trägt langsam ihre Taschen durch eine Fußgängermenge.
Etwa zehn Jahre später: Ein älterer Mann schminkt sich einen knallroten Mund, zieht eine hellbraune Perücke über das schüttere Haar. Gleich wird er seine Bar öffnen. "Das Singen macht keine Mühe, das bin ich gewöhnt", sagt er, "aber das Bedienen." (Er hat Knochenkrebs.)
Die Frau war eine Berühmtheit in Yokohama, wo sie 1945 zum ersten Mal gesehen wurde. Damals machte sie sich als vornehme Japanerin zurecht und hob sich dadurch von den vielen anderen ab, die wie sie GIs ihre sexuellen Dienste anboten. Wegen der Assoziation mit den Amerikanern wurde sie Mary genannt, "Yokohama Mary". Ihren richtigen Namen kannte kaum jemand.
1995, mit 74 Jahren, verschwand sie. Anscheinend spurlos.
In seiner Jugend, als er noch glaubte, als Sänger eine große Karriere vor sich zu haben, habe er einige Jahre lang als Frau verkleidet von Prostituition gelebt, berichtet der Mann. Das verbinde ihn mit ihr. Vor 1995 hat er sie jahrelang finanziell unterstützt.
Auch im größten Gewimmel kann man die Frau an ihrem theatralischen Äußeren erkennen.
Im traditionellen japanischen Theater ist es üblich, das Fleisch der (in der Regel männlichen) Schauspieler unter dicken Schichten weißen Puders zu verbergen.
Es gibt einen Fotoband über sie, ein Theaterstück, nun auch diesen Film. Die Videoaufnahmen, die sie weiß geschminkt und gekleidet auf ihren Wegen durch die Stadt zeigen, stammen aus einem älteren Projekt, das nicht zu Ende gebracht wurde. Das meiste Material ist verlorengegangen.
Mehrmals kommt ein Parkplatz ins Bild. Jahrzehntelang stand hier ein Lokal, das 24 Stunden am Tag geöffnet war für GIs, Prostituierte, Zuhälter, Ganoven, Jazz-Liebhaber. Es gab drei Kategorien Prostituierte, erzählt jemand: die stummen, die für weiße und die für schwarze GIs. Die Männer, die sich an diese Zeit erinnern, erzählen sehr animiert davon. Die Frauen wirken eher nüchtern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man über Jahre hinweg immer wieder tote Babys am Friedhof für Ausländer. Ihre Väter waren Amerikaner; niemand unternahm es, die Mütter zu ermitteln.
Niemand weiß, was die Frau bei Kriegsende nach Yokohama verschlagen hat, ob sie fand, was sie suchte, ob sie gern in der quirligen Hafenstadt lebte. Ein Brief an ihre Familie, aus dem vorgelesen wird, deutet an, dass sie gerne zurückgekehrt wäre, sich aber unwürdig fühlte.
In diesen Jahren arbeitete auch die Mutter des Mannes auf finanzieller Not eine Zeitlang in der Vergnügungsindustrie. Als Halbwüchsiger warf er ihr das eines Tages mit harten Worten vor. Die Reue über diesen Ausbruch begleitet ihn den Rest seines Lebens.
Stets hielt "Mary" sich betont abseits, schwebte durch die Halbwelt, als gehöre sie nicht dazu. Ihre Kunden, ausschließlich Offiziere, habe sie sich ausgesucht, nicht umgekehrt, heißt es.
Auch später hielt sie sich die Leute eher vom Leibe. Auf der anderen Seite hatte sie als Obdachlose kein wirkliches Privatleben und war zudem auf Unterstützung angewiesen. Ihre ans Groteske grenzende Aufmachung verschaffte ihr vermutlich den sozialen Raum, den sie brauchte.
Der Mann zeigt seine Medikamenten-Sammlung: er nehme alles, was Heilung oder Linderung verspreche. Einmal sieht man ihn auch im Krankenhaus. Dass er den Krebs besiegen wird, scheint er jedoch nicht zu glauben.
In einem Café konnte sie sich tagsüber ausruhen. Nachdem andere Kunden sich verbeten hatten, aus derselben Tasse wie sie zu trinken, bekam sie dort eine Tasse für sich allein. Sie fühlte sich geehrt und bestellte von nun an immer "einen Kaffee in meiner Tasse".
Ähnliche Beschwerden in einem Frisier-Salon führten dazu, dass man sie bat, dort nicht mehr zu erscheinen. Das war zur Zeit der AIDS-Hysterie in den 1980ern.
Eine junge Schauspielerin erzählt voller Begeisterung, wie sie die Hauptrolle in "Yokohama Rosa" spielte. Am Ende des Stückes sei sie von der Bühne in den Zuschauerraum getreten und die Leute hätten sie mit "Mary Mary"-Rufen umjubelt, obwohl das Stück ja "Yokohama Rosa" geheißen habe.
Ein alter Mensch, der keine Rente oder andere eigene Einnahmen hat, kann in Japan nicht einfach wohnen, wo er möchte. Zuständig ist letztendlich die Gemeinde, aus der er - oder sie - stammt. Wenn der Weg zurück schwer fällt, ist es gut, Freunde zu haben, die bei den ersten Schritten helfen.
Der Mann tritt in einem Seniorenheim weit außerhalb von Yokohama auf. Er singt ein etwas sentimentales Lied übers Sterben, über die Rückschau aufs eigene Leben, wenn man weiß, dass es zu Ende geht. Eins der alten Gesichter im Publikum ist wieder und wieder durch den Film gegeistert. Eigentlich nur die Konturen: in allen anderen Bildern war es von einer dicken weißen Puderschicht bedeckt. Diese dezent geschminkte Dame, die sich durch nichts von ihrer Umgebung abhebt, wirkt fremd. Wird es wohl immer bleiben.
"Yokohama Mary", 2005, 92 min, von NAKAMURA Takayuki (Nakamura ist der Nachname). Der Film ist am 8. Februar um 19 Uhr noch mal im Japanischen Kulturinstitut in Köln zu sehen (OmEU), der Eintritt ist kostenlos.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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