Falk77

Trashrock

25.08.2010 | 10:05

Rockabilly-Opi kann’s nicht lassen

Vor mehr als  30 Jahren hat Brian Setzer seine Seele an den Rock’n'Roll verkauft. Seitdem versucht er unermüdlich die Musik und den Rebellengestus der 50er Jahre zu bewahren. Jetzt hat er ein Livealbum veröffentlicht, das die vergangenen drei Jahrzehnte Revue passieren lässt.

Gibt es wirklich Menschen, denen man Brian Setzer vorstellen muss? Die Frage mag für viele rhetorisch klingen, aber gut – es soll schließlich Leute geben, für die Rock’n'Roll noch immer Teufelszeug ist.

Es gibt wahrscheinlich derzeit keinen noch lebenden Musiker, der den Rock’n'Roll der 50er Jahre und den Rebellengestus dieser Zeit erfolgreicher bewahrt und wiederbelebt hat, als Setzer. Geboren wird er 1959 in New York, das Rampenlicht betritt er 20 Jahre später. Da gründet er mit Bassist Lee Rocker und Schlagzeuger Slim Jim Phantom Brian Setzer & the Tomcats. Setzer singt und spielt Gitarre. Kurz darauf benennt sich das Trio um – in Stray Cats und wird maßgeblich für das Rockabilly-Revival der frühen 80er Jahre verantwortlich sein.

Rockabilly-Revival in den 80er Jahren


Die Band zieht es zunächst nach London, wo sie Ende 1980 endlich einen Plattenvertrag erhält. Ihre Debütsingle Runaway Boys landet direkt in den Top-Ten ebenso die folgenden Singles Rock this Town und Stray Cat Strut. Auch das Debütalbum gelingt ihn wird ein Charterfolg. Das Nachfolgeralbum Gonna Ball ist dann nicht mehr ganz so erfolgreich. Die Stray Cats gehen zurück in die Staaten, wo Built for Speed erscheint – eine Compilation der beiden zunächst nur in Europa erschienenen Alben. Die Stray Cats treffen damit bei vielen US-Amerikanern den Nerv der Zeit: Es scheint, als hätte das Heimatland von Elvis Presley, James Dean und Eddie Cochran nur auf die Stray Cats gewartet. Built for Speed klettert an die Spitze der Charts und verkauft sich mehr als zwei Millionen Mal.

Der Sound der Stray Cats orientiert sich dabei immer strikt an den 50er Jahren und Musikern wie Eddie Cochran oder Gene Vincent. Während andere Rockabillybands ihren Sound mit Popklängen (in Deutschland zum Beispiel die unsäglichen Ace Cats) mischen, bleiben die Stray Cats den 50er Jahren treu – ein Grund, warum sich die Platten auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen und die Band kultig verehrt wird.

Auch das nächste Album Rant and Rave with the Stray Cats wird ein Erfolg. Dann ist die Luft raus und die Band löst sich 1984 auf. Zwei Jahre später erscheint Rock Therapy, um bestehende Verträge zu erfüllen. Nach einer weiteren Reunion ist 1992 ist erstmal Schluss. Dazwischen veröffentlicht Setzer mit The Knife Feels Like Justice (1986) und Live Nude Guitars (1988) seine zwei ersten Solo-Alben. Vier weitere werden im Laufe der Jahre folgen.
Neo-Swing wird das neue Ding

Setzer bleibt seinem Faible für Musik zur Mitte des vorigen Jahrhunderts treu. Er gründet Brian Setzer and his Big Band Orchestra und widmet sich dem Swing. Damit beweist er Gespür. Seine neue, 16-köpfigen Big-Band spielt sich mit ihrem modern interpretierten Swing an die Spitze der Mitte der 90er Jahre vor allem in den USA stark wachsenden Neo-Swing-Szene. So wird das 1998 veröffentlichte Album The Dirty Boogie Setzers größter kommerzieller Erfolg. Mehrere Millionen Mal wandert das Album über die Ladentheken und heimst zwei Grammies ein. Es folgen mehrer ausverkaufte Welttourneen. Im Jahr 2000 erscheint Vavoom, das ebenfalls einen Grammy bekommt – für die Coverversion Caravan von Jazzlegende Duke Ellington.

Auch der klassische Rockabilly lässt Setzer in all den Jahren nicht los, wie sein 2005 veröffentlichtes Solo-Tributalbum Rockabilly Riot – A tribute to Sun Records zeigt. Ein Jahr darauf erscheint mit 13 ein weiteres Solo-Album, welches vor allem in Japan ein Hit wird. Dort klettert es auf den zweiten Platz der Charts. Wenig verwunderlich, dass er ein Jahr später in Tokio sein Livealbum Red, Hot & Live aufnimmt.

Setzers vielleicht interessantes Album erscheint im selben Jahr: Wolfgangs Big Night Out. Auf diesem wagt er sich an Klassikern von Mozart, Beethoven  oder Wagner und versucht diese im Rockabilly- und Swing-Stil zu covern. Ein Experiment, dass ihm gelingt – Mozart und Co. im .Rockabilly-Rebel-Gewand kann sich hören lassen!

Big in Japan

Anfang des Jahres geht Setzer mit seiner Big Band auf Japan-Tour und zeichnet die Konzerte auf. Daraus ist das kürzlich erschienene Doppel-Livealbum „Don’t mess with a Big Band“ erschienen. Dieses enthält Songs aus allen Schaffensphasen Setzers, auch wenn Stray-Cats-Klassiker wie Runaway Boys, Rumble In Brighton, Stray Cat Strut oder Rock This Town überwiegen. Daneben finden sich Songs des Brian Setzers Orchestras wie “The Dirty Boogie oder  Honey Man, das von Rimsky-Korsakovs adaptiert wurde, ebenso wie ausgewählte Coverversionen, die viel über Setzers musikalische Sozialisiation sagen: Louis Primas Jump, Jive an’ Wail, Carl Perkins Your true Love, Eddie Cochrans Summertime Blues, Santo & Johnnys Instrumental-Hit Sleepwalk oder die Erkennungsmelodie der Batman-Fernsehserie aus den 60er-Jahren werden nachgespielt. Das alles wird dargeboten in einem perfekten Livesound, der die Musiker in Höchstform präsentiert und die enthusiastische Stimmung des Publikums gut einfängt. Setzer beweist, dass die Fönwelle auch jenseits der 50 noch sitzen kann.

Wer also immer noch die anfangs gestellte Frage bejaht, für den ist das Doppel-Album genau richtig: Setzers musikalisches Wirken in den vergangenen 30 Jahren kann man hier schnell und einfach kennenlernen. Und spätestens dann weiß man: Teufelszeug klingt anders.

"Don't mess with a Big Band" ist am 23. Juli erschienen.

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 25.08.2010 um 10:21
Informativer Text. Danke!
Aber auch mit leicht maliziösem Unterton. BS mag ja ein 'Opi' sein, hat aber auch Vorzüge: mehr Entspanntheit, Nachsicht und Großzügigkeit. Sowas muss eben reifen, was ein paar Lebensjahre dauert...
Würdest Du in diesem Ton auch über einen Ralf Hütter, ebenfalls Opi, schreiben?
Falk77 schrieb am 25.08.2010 um 14:06
Echt, du findest den Text maliziös? War nicht beabsichtigt. Ich glaube auch nicht, dass ich damit Menschen jenseit der 50 diskretiere. Ich mag die Stray Cats und mag auch, was Setzer danach bzw. dazwischen gemacht hat. Von daher, würde ich vielleicht auch über den Opi Ralf Hütter in diesem Ton schreiben. Warum auch nicht.
Falk77
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