Während der Wendezeit oszillierte ich zwischen chaotischem Durcheinander und verzweifelter Haltsuche als pubertierender Außenseiter. Was bleibt, ist die Erinnerung an die Ereignisse des 3./4. Juni 1989 auf dem Platz der blutigen Auseinandersetzung zwischen Staat und Volk.
Inmitten einer vom Großen Bruder im stalinistischem Trott zurückgelassenen DDR erlebte ich als Zwölfjähriger die Momente demokratischen Aufbruchs in China am Bildschirm in farbigem Ost- sowie verrauschtem Westfernsehen. In der Sowjetunion belebten reformatorische Züge des später im eigenen Land gemobbten Michael Gorbatschow den Aufbruch in neue Zeiten, während die DDR-Obristen der blankgelutschten Diktatur des Proletariats das Land auf die vierzigjährige Untergangsfeier im Oktober vorzubereiten gedachten. Dem Stalinismus niemals offiziell abgeschworen, hielten die Machthaber in meinem Land auch an der bedingungslosen Solidarität mit dem letzten wahrhaft-kommunistischen Staat neben Kuba fest. Erst infolge der Unruhen im Herbst in Leipzig und Berlin schwenkte die Staatsmeinung um. Schließlich verurteilte die erste frei-gewählte Volkskammer im Juni 1990 die Übergriffe eindeutig.
Im Juni 1989 jedoch, kurz nach der mörderischen Repression gegen das eigene chinesische Volk, wurde in der „Aktuellen Kamera“, dem tagesschau-Pendant der ostdeutschen Stalinisten, die Solidarität mit den Kämpfern gegen die „Konterrevolution“ in Rot-China ausgerufen.
„Die Abgeordneten der Volkskammer stellen fest, dass in der gegenwärtigen Lage die von der Partei- und Staatsführung der Volksrepublik China beharrlich angestrebte politische Lösung innerer Probleme infolge der gewaltsamen, blutigen Ausschreitungen verfassungsfeindlicher Elemente verhindert worden ist. Infolge dessen sah sich die Volksmacht gezwungen, Ordnung und Sicherheit unter Einsatz bewaffneter Kräfte wieder herzustellen. Dabei sind bedauerlicherweise zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen.“ (Abgeordneter Ernst Timm (SED) auf der 9. Volkskammertagung am 8. Juni 1989)
Unbekannt war mir der Umstand, dass die Studentenproteste von 1989 zurückgehen auf die Bestrebungen des Generalsekretärs Hu Yaobang, dem von der Kommunistischen Partei Chinas Studentendemonstrationen in den Jahren 1986/87 vorgeworfen wurden, die letztlich zu seiner Absetzung führten. So wurde 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens auch die Rehabilitierung des im April selben Jahres verstorbenen Yaobang durch die Studenten gefordert.
Ich selbst surrte zu dieser Zeit durch meine aufkeimenden Gefühle der Suche nach der Suche, hielt mich fest an der Musik, am Sport und an der Welt der Computer, die für mich damals begann. Eine diffuse Erinnerung macht sich heute an diese Zeit breit. Selbstverständlich betont heimlich, beinahe unheimlich, wirkte sich das Schauen westdeutscher, sogenannter „imperialistischer Propaganda“ auf meine von Wechselbädern pubertierender Emotionen geprägte Selbstfindungssituation aus. Man sah dort die berühmte Einstellung des Studenten, der sich vor einen Panzer stellte. Bis heute ist mir dieses bekannte Bild, als verrauschte Fernsehversion im Kopf bestehen geblieben und viel zu oft fragte ich mich, ob der Panzer über diesen Menschen gerollt ist. Jetzt kann ich es ja sagen: Damals hatte ich Alpträume davon. Im Staatsfernsehen der DDR galt die Bekämpfung der Konterrevolution und die resultierenden kollateralen Schäden an Leib und Leben ein notwendiges Übel zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Für mich war das unerheblich. Ich beklagte damals die Gewalt, auch ohne von der „Notwendigkeit“ dieses Kampfes, egal von welcher Seite, indoktriniert zu sein. Es half mir auch kein Karl-Eduard von Schnitzler, der in seinem „Der schwarze Kanal“ die westliche Berichterstattung zum Urheber der Aufstände in China erhob, und von „Provokateuren“ unter den dortigen Demonstranten sprach. Mir lastete die Gewalt auf der Seele, die Menschen dort Menschen antaten.
Mit diesen Gedanken bewahrte ich im Herbst 1989 als Leipzig-naher Thälmann-Pionier die Zurückhaltung und es zogen mir die Erinnerungen an die Massaker vom „Platz des himmlischen Friedens“ am Auge vorbei. Ich hatte Angst vor dem Einsatz bewaffneter Kräfte, auch in Leipzig, gegen meine Freunde und Familienfreunde, die von jenen Montagsdemonstrationen berichteten. In der Schule sickerten die Informationen über die Bürgerrechtsbewegung bis zu mir durch, über ältere Mitschüler, die zum Teil selbst teilnahmen an den Demonstrationen. Ich konnte die Befürchtungen spüren: Es schwang in jenen Reden immer auch die latente Befürchtung mit, es könne dort wie in China enden.
Doch dazu kam es glücklicherweise nicht. Nach 40 Jahren brach der marode, von unbeseitigbarem Altarsstarssinn durchzogene Stalinismus endlich zusammen. Die letzten Kräfte wahrem demokratischen Sozialismus entledigte sich das Land in den Siebzigern, mit Ausbürgerungen, Schießbefehlen und Hausarresten. Aus dem Havemann'schen Geist und den christlichen Gemeinden wuchsen reformatorische Kräfte, die die Macht vorrübergehend ansichnahmen, sie allerdings sehr bald an die westliche Allianz und die profitorientierte, kapitalistische Westordnung verloren.
Quelle:
1989.dra.de/themendossiers/ddr-fernsehen/berichterstattung/tiananmen-massaker.html
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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