14.11.2011 | 10:30

Occupy Bologna - Bildungsökonomisierung und Orwell

Ein Freund von mir wusste nichts damit anzufangen, was denn eine Arzthelferin mit gammelnden Studenten zu tun haben könnte. Eine Steilvorlage für einen Wutausbruch.

Bild an einer Jenaer Haltestelle

Hintergrund: Ein in einem sozialen Netzwerk nichtgenannten Namens geposteter Schnappschuss, auf dem ein Spaßvogel unter das "H" eines Straßenbahnhaltestellenschildes in einer thüringischen Universitätsstadt das Wörtchen "Milch" geklebt hatte, ließ mich den folgenden zynischen Kommentar hervorbringen:

Das sind alles diese Gammelstudenten. Auf Kosten der Arzthelferin saufen die sich in der Nacht zu und machen dann solchen Unsinn. Unglaublich!

Nach einiger Zeit fragte mich der Freund, ein Student aus Moskau, was denn die Arzthelferin damit zu tun hätte. Ich hob an:

Das ist ein klassisches Beispiel der CDU und anderer, meist konservativer Politiker und Medien, um zu zeigen, warum sie Studiengebühren, Bildungskredite und andere privatwirtschaftliche Verschuldungsmechanismen im Bildungsbereich als Mittel zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit erachten. Da muss dann immer "die Arzthelferin" herhalten, die von ihrem knappen Gehalt das "Studium" von Studenten mitfinanzieren muss. Auch jener Studenten, die bereits aus wohlhabendem Haushalt stammen. Zugegebenermaßen sind das immer noch sehr viele. Aber keine Sorge, es werden weniger!

In Deutschland ist das tatsächlich so, dass der Zugang zu Hochschulen von den Verhältnissen im Elternhaus abhängt. Arme Kinder erhalten i.A. keinen oder nur erschwerten Zugang zu höherer Bildung, aus den verschiedensten Gründen, die man mal beleuchten sollte. Die Aufnahme eines Kredites zu Bildungszwecken zum Beispiel oder auch die pure Androhung einer Studiengebühr sorgt bei Menschen, die selbst keinen akademischen Hintergrund besitzen, als Hinderungsgrund dafür, ihren Kindern ein Studium oder auch nur eine gymnasiale Ausbildung  zu ermöglichen. Das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund. Man denke nur an das Experiment, bei dem die unterschiedliche Notenvergabe durch Lehrer an die identische Arbeit von Kindern mit unterschiedlichen Vornamen ("Maximilian", "Sophie" vs. "Kevin", "Joanne-Charleen") gezeigt wurde. Bildung ist ein Luxusgut und das soll möglichst von der Mehrheit ferngehalten werden, weil es angeblich nicht bezahlbar wäre. Nur eine Elite soll Bildung erhalten. Die übrigen dürfen sich einstweilen mit Dummfrass aus Hollywood, RTL2 und anderem Dreck vollfressen oder sich die Günter Jauche oder B*LD-Zeitungspropaganda in den Kopf stopfen. Alles mit der Gefahr sich letztlich von geistigen Brandlöchern zu Brandstiftern entwickeln. Zu hart? Ach was! 1984? Ignorance is strength! Freedom is slavery! War is peace!

Es gibt im Studium aber noch den Sohnemann, dessen Hauptbeschäftigung es ist, Sohn zu sein, der kann sein BWL oder Jura-Studium abgammeln, auf Kosten eben genannten "der Arzthelferin". Letzteres ist natürlich ebenfalls Populismus, selbst unter der fragwürdigen Annahme, dass es sich zum Beispiel bei Wirtschaftswissenschaften tatsächlich auch um eine Wissenschaft handelt. Da kann man nämlich auch darüber diskutieren. Während der Zugang von Menschen aus prekären Verhältnissen oder aus weniger begüterten Arbeiterfamilien zu höherer Bildung - statistisch gesehen - eher gering ausfällt, hofft man also damit offenbar bei jenen Besserbegüterten vermittels Studiengebühren Geld abzuschöpfen, das man dann wieder bei den Bankstern oder für Kriege und Waffen in alle Welt verbrennen lassen kann. Burn baby, burn!

Insgesamt also handelt es dabei um (zumeist konservativen) Populismus, der von der zunehmenden Ökonomisierung und mit ihr die Durchpeitschung europäischer Gleichschaltungsmechanismen (Bologna) an deutschen Universitäten ablenken soll. Oder das Deutschlands Freiheit mit Steuermilliarden auch am Hindukusch und am Horn von Afrika verteidigt werden muss. Als Nachgang ist das zu verstehen für einen Angriff auf zwei Türme in New York, für dessen Aufruf zur Erforschung der Umstände trotz der massiven Ungereimtheiten selbst anerkannte Wissenschaftler, Politiker oder Journalisten als Nestbeschmutzer oder Verschwörungstheoretiker diffamiert werden. Anderes und aktuelleres Beispiel für aktive, staatliche Geldverbrennung: Bankster machen von ihrem immensen lobbykratischen Einfluss auf Berlin, Brüssel und anderswo Gebrauch und bekommen hunderte Milliarden in den Rachen geschmissen. Es handelt sich dabei um Geld, dass sich der Staat von eben jenen Banken ausleiht, um es ihnen quasi als Geschenk zurückzugeben. Wer bezahlt das? Das berühmte 1% der Bevölkerung jedenfalls nicht. Die verbliebenen, ebenfalls zur Zeit sehr berühmten 99% allerdings schon, mit Sozialkürzungen, Privatisierungen, und eben auch der Selektion des Zugangs zu Bildungseinrichtungen bei gleichzeitigem Hochfahren innenpolitischer Sicherheitsmaßnahmen. Zu hart? Ach was! 1984? Ignorance is strength! Freedom is slavery! War is peace!

 

* Bild von Roman Matyushkin

 
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Kommentare
Rosa Sconto schrieb am 14.11.2011 um 11:43
Wenn das mal kein Beitrag für die Printausgabe ist dann weiss ich wirklich nicht mehr worüber wir hier reden!
Fred Thiele schrieb am 14.11.2011 um 12:25
Ach, es reicht ja schon, dass einige Kommentare von mir in den letzten Print-Ausgaben gedruckt worden sind. Mehr würde mein Ego ohnehin kaum verkraften.

Aber zum Thema: Es ist mit Sicherheit an der Zeit, einmal über die Frage nach der Bildungsarmut der Bevölkerung aufgrund finanzieller Zwangsvollstreckungen im Bildungssystem durch Bankster und Lobbykraten zu stellen. Sicher, die Bildung ist nur ein Zacken in der Krone des Königs, der hier in Deutschland liebevoll als "der Souverän" betitelt wird. Doch dieser Souverän sitzt unbequem auf seinem Thron. Bis er einst feststellt, dass es ein elektrischer Stuhl ist, muss irgendwer schon noch ganz kräftig die Volt-Zahl erhöhen. Es reicht noch nicht ganz. Aber es tut sich schon was. Was will man mehr?
Achtermann schrieb am 14.11.2011 um 16:46
@ Fred Thiele

Bildung ist ein Luxusgut und das soll möglichst von der Mehrheit ferngehalten werden, weil es angeblich nicht bezahlbar wäre. Nur eine Elite soll Bildung erhalten.

Das sehe ich angesichts der Zahlen anders. Die Abi-Quote steigt ständig (s. Beispiel Hamburg). Die Hamburger Ergebnisse sind durchaus auch auf andere Bundesländer zu übertragen. Die Studierendenquoten sind so hoch wie nie, auch wenn man den doppelten Abi-Jahrgang herausrechnet (Quelle: Stat. Bundesamt):

Wintersemester 2008-09 = 2.025.307 Studierende
Wintersemester 2009-10 = 2.121.278 Studierende
Wintersemester 2010-11 = 2.217.294 Studierende

Dazu auch folgender Bericht aus Hamburg:

Abiturquote seit 2001 um 51 % gestiegen
Noch nie haben so viele Schülerinnen und Schüler die Hamburger Schulen mit Abitur verlassen, wie im vergangenen Schuljahr. 2010 haben mit 7.803 Schülerinnen und Schülern 49 % aller Schulentlassenen die allgemeine Hochschulreife erworben, rechnet man den doppelten Abiturjahrgang dazu, sind es sogar 59 % (12.176 Schülerinnen und Schüler). Die Abi-Quote lag im Jahr 2009 bei 44 %. Damit setzt sich der seit 2005 festzustellende Anstieg ungebrochen fort. Die Abitur-Quote ist seit 2001 um 51 % gestiegen (2001 lag sie bei 32,5 %).

Quelle: www.business-on.de/hamburg/ausbildung-hamburg-schueler-schule-abschluss-quote-_id30575.html

Es ist eine Frage der Seriosität, ob angesichts der vorliegenden Zahlen, derartige Behauptungen, wie die eingangs zitierte, einfach in die Welt zu setzen sind.
Fred Thiele schrieb am 16.11.2011 um 12:46
@Achtermann: Ich habe mir erlaubt, Ihnen weiter unten in der Antwort auf koslowski auf Ihren wichtigen Hinweis mehr oder weniger zu antworten.
koslowski schrieb am 14.11.2011 um 20:56
"Nur eine Elite soll Bildung erhalten. " Darauf kann man Bologna und die Bildungspolitik von CDU/SPD/Grüne/FDP nun wirklich nicht reduzieren. Als Ausdruck Ihrer Wut sympathisch, aber wenn man über die Probleme mit Bologna mehr wissen will, sollte man anderes lesen.
Fred Thiele schrieb am 16.11.2011 um 12:38
@koslowski:

Selbstverständlich kann man das nicht darauf reduzieren. Die verkürzte Darstellung könnte das glauben machen.

Bologna ist aus meiner Sicht auch eher als ein qualitativer Abschlag zu sehen, der zum Ziel hat, möglichst schnell, möglichst viele, schwach-hoch gebildete Absolventen in die (deutsche) Wirtschaft zu schießen. Die "Elite" von der ich rede, ist aber gerade jene, die durch Privatschulinternate und Elite-Universitäten, "Exzellenz", wie man in der BRD euphemisiert, von den Übrigen mit Hilfe monetärer Hürden getrennt und abgesondert werden wird. Dabei aber bleibt der Zugang zu den entscheidenden Gremien der Macht den elitären Kreisen vorbehalten. Die Entwicklung ist noch im Gange, wird aber von einschlägigen Internats-Beratern für Wohlhabende schon mal angekündigt[1]. Diese Eliteförderung lässt die Schere zwischen denen, die die ökonomische Macht besitzen und jenen, die sie nicht besitzen auseinanderklaffen. Bologna ist ein Mittel dazu, ein Scheinkompromiss den ökonomischen Anforderungen der europäischen Lobbykratie nachzukommen und andererseits die "Bildungsrepublik" ausrufen zu können.

Deshalb, auch @Achtermann, ist Bildung ein Luxusgut. Wenn die Hochschulzugangsberechtigungen steigen, ist das gut, aber nicht entscheidend. Wenn aber die Qualität der Hochschulbildung an sich gesplittet werden wird, ist das ein Problem. Ein anderes sehe ich bei der Kürzung und Straffung studentischer Ausbildungszeiten, bei gleichzeitiger Erhöhung der spezifischer Wissensdichte in kurzem Zeitraum. Das Leben kommt zu kurz, gerade wenn man noch arbeiten muss neben dem Studium, und damit auch die Möglichkeit, sich in der Breite zu bilden. Auch das gehört nämlich meiner Ansicht nach zu einem Studium. Mir persönlich widerspricht das neue System zu sehr dem Humboldtschen Bildungsideal und erhebt sich damit als regelrechter Produzent von Personal für eine Wirtschaft, die schon lange nicht mehr den Menschen dient.

[1] bit.ly/stvvcs
Angelia schrieb am 14.11.2011 um 20:59
Klasse, gefällt mir super. Mehr von solchen Beiträgen und es wird einem immer klarer, warum man Samstags mal ein Stündchen abzwacken und protestieren gehen sollte.

Ich kenne persönlich einen Fall, da stellte die Grundschule einem Mädchen, welches in einem "Brennpunktviertel" in der Nähe von D´dorf wohnt, eine Empfehlung für die Hauptschule aus. Keine 3 Monate später verwies die Hauptschule das Kind zur Realschule. Dort übersprang sie direkt eine Klasse und nun hat sie immer noch einen Notendurchschnitt von2.
Fred Thiele schrieb am 14.11.2011 um 21:39
Zu Ihrer Anmerkung möchte auf den Beitrag von Panorama "Wie Bildung Klassen schafft" hinweisen.

bit.ly/rZ7UHq

Da gibt es auch so eine Art "Cinderella" oder "Aschenputtel"-Geschichte.
GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 22:42
Die meisten Wahrheiten sind auf den ersten Blick paradox, auf den zweiten trivial.
1984...
Es ist gar nicht so schlimm, wie es aussieht. Es ist schlimmer.
Fred Thiele schrieb am 14.11.2011 um 22:59
Welche Wahrheiten weisen Paradoxien in welchem Sinne auf?

Steigende Absolventenzahlen, Erhöhung des nominellen Bildungsstandes bei gleichzeitiger Verringerung von Hauptschulabschlüssen, Verbesserung der Pisa-Ergebnisse, Abschaffung von Studiengebühren, Steigende Studentenzahlen. Außerdem ist die Bachelormaschine angesprungen und sprudelt nun erstmals mehr Absolventen aus, als die alten, aufgegebenen Studienabschlüsse. 100 Milliarden in die Bildung. Jeder Lehrstuhl erhielt 140.000 Euro Drittmittel durchschnittlich.

Ja, aber ...

Ist vielleicht etwa doch alles in bester Ordnung? Woher kommt das Gefühl der Unordnung, in einer Gesellschaft abnehmenden geistigen Horizontes zu leben, dass das Gegenteil von sich behauptet und mit solchen Zahlen zu belegen scheint?

Ich glaube, der Weg zur Lösung der Paradoxie liegt im Einbezug von Qualitätskriterien, die sich nicht ökonomisch, aber dennoch messbar aufstellen lassen müssen.
GeroSteiner schrieb am 14.11.2011 um 23:40
"Woher kommt das Gefühl der Unordnung, in einer Gesellschaft abnehmenden geistigen Horizontes zu leben, dass das Gegenteil von sich behauptet und mit solchen Zahlen zu belegen scheint?"

Die Nullen zählen einfach mehr als alle anderen Zahlen. Das gilt nicht nur für die Banken und deren Repräsentanten, sondern mittlerweile auch für die Bildungssysteme. Niveauanpassung findet aus vielerlei Sachzwängen nach unten statt, damit die Zahlen stimmen. Hauptsache Qua. Ob nun Qualität oder Quantität, das spielt keine Rolex mehr.

Wir bekommen statt einer vertiefenden Schulung über die Untiefen der Sprache nun eine Rechtschreibreform des Verzichts. Esszett bleibt als Schokoschnitte übrig, und rauh schreibt man fürderhin ohne das kleine Aufmerksamkeitsfähnchen "h", auf dass die Lesbarkeit im Text leide, aber rau, rau, rauh weht der Wind.

Kinder aus begütertem Hause landen selbst dann auf dem Gymnasium, wenn das trockene Brötchen in der Schultasche mehr vom Unterricht aufsaugt, als der Taschenträger selber. Schlechte Noten werden nicht durch Fleiß, sondern durch den Rechtsanwalt verbessert. Wissen ist lästig oder elektronisch verfügbar, allüberall. Wasser kocht bei 90° und der rechte Winkel sieht aus wie der linke.

Es ist ja nicht alles schlecht, denn in der Natur gleicht sich alles aus. Wenn es einem schlecht geht, dann geht es jemand anderem gerade gut und wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht.

Übrigens: alles was oberhalb dieses Satzes steht, ist falsch.
Fred Thiele schrieb am 17.11.2011 um 10:16
Das ist interessant. Gibt es Belege für diese Form der Niveauanpassung, die sie beschreiben, die über subjektive Erfahrungen, der Marke "ach, die werden alle immer dümmer" hinausgehen?
Fred Thiele
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