29.03.2011 | 14:22

„Relative Fiktion“ oder: „Warum Schreiben?“

Es muss sinnvoll sein, was du tust. Ohne Sinn ist jede Handlung, die du vollziehst, vergebens und frei von jedweder Bedeutung für das, was neben dir existiert und was nach dir kommt. Wenn ich schreibe, erlebe ich die Dinge von einer anderen Seite, obwohl ich direkt davor stehe. Ich blicke herab auf das Erfundene oder auch hinauf zu einer Form von Wahrheit oder was ich dafür halte. Es gesellt sich hinzu, dass ich im Zuge der schreibenden Tätigkeit heraufsinke oder herabsteige. Was bedeutet das? Die Freiheit die man erfährt, wenn man schreibt kann eine sehr fordernde und anstrengende sein, jedoch ist sie zu zuvorderst eine Beschäftigung mit dem Selbst, eine kontemplative Tätigkeit beinahe und man könnte fast von Trance sprechen, wenn man in die weichen Federn der Kreativität fällt. Ausgehend davon kann es Erleuchtung geben, die, frei von jeglicher spiritueller oder mystischer Interpretation dieses Wortes, einen neuerlichen Gedanken schafft, eine Idee formt, festhält und als Wahrheit erkennen lässt. Es scheint so, als ob man die grobe Idee auf ihr Wesentliches reduziert, sozusagen ihr das Wesen, das ihr innewohnt, freilässt. Der erste Punkt warum ein Mensch, in diesem Fall meine Person, also schreibt, ist demnach purer Eigensinn, denn es führt zu dem beinahe therapeutischen Resultat einer konstruktiven Beschäftigung mit den Dingen, die den Geist des Individuums beschäftigen oder auch strapazieren. Die Besänftigung, die der Prozess des Schreibens herbeiführt, wenn vielleicht auch nur zeitweise, besteht im Kontakt mit einem Grad höherer Wahrheit, die man aus sich selbst zu Tage gefördert hat. Dies ist ungemein erhebend, wie ich finde.

 

Der zweite Punkt warum ein Mensch seine Zeit für das Schreiben auf dem Altar der "relativen Fiktion" opfert, erfordert eine Klärung dieses Begriffes. Für mich beschreibt er die Belletristik als solche. Es ist die Realität der umgebenden Welt, das Individuum mit seinen spezifischen Charakteristika und die Art, wie es in einer ihm zunehmend feindlich gesinnten Umwelt und einer sich degenerierenden Gesellschaft interagiert. Diese Realität wird transformiert und eingearbeitet in eine teilfiktionale Umgebung aus erfunden Charakteren, Orten und Zeiträumen. Die Fiktion ist also „relativ“ im Sinne ihres Bezuges zur Realität. Dies bietet große Möglichkeiten, sich auszudrücken und die Sicht auf wichtige Zusammenhänge zu fokussieren, die vielleicht von anderen nicht gesehen werden können. Es birgt einen großen Reiz, dies zu versuchen, unabhängig davon, ob es bei anderen Menschen Wirkung zeigt oder nicht.

 

Nicht zuletzt unterliegt dieses Spiel mit der Sprache, fein-filigrane Fingerakrobatik oder grobschlächtige Hammerschläge in Gestalt von Worten und Sätzen aufs virtuelle Schwarz-Weiß geschlagen, einer Suche nach einer besonderen Ästhetik des zu Sagenden. Ein gelungener Satz, eine Idee in einen trefflichen Wortmantel gehüllt; dies sind die kleinen, aber bedeutenden Anreize zum Schreiben. Ein Verwandter, Projektleiter bei Kraftwerksprojekten hat die Ergebnisse von durchzuführenden Baumaßnahmen einmal so beschrieben: „Es muss auch schön sein.“ Ein Anspruch, den man vielleicht nicht immer schafft, aber wenn es gelingt, ist es eines der schönsten Erlebnisse auch beim Schreiben.

 

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Fred Thiele
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