Wo sonst sieht man so Vieles und erlebt die Natur des Menschen so wie sie ist, wenn nicht im Supermarkt, im modernen Jagdrevier des homo sapiens. Zwei Erlebnisse hatte ich innerhalb des letzten Monats im Bereich der Kassen, da wo die Käuferseelen in Ungeduld, ihre Geldbörsen zittern und die Registrierkassen lachen.
Erlebnis Nummer eins: Wir stehen hier alle in derselben Schlange
Eines schönen Abends lief ich noch schnell in den Supermarkt, um etwas Joghurt und eine Flasche Wein zu kaufen. Bereits zwanzig Meter vor der Kasse bemerkte ich einen stärker werdenden, beißenden Geruch, wie er nur von Fäkalien erzeugt wird. Für den intrinsischen Charakter birgt sich hier ein interessantes Phänomen. Er sucht die Schuld zuerst bei sich. Also sah ich mir verstohlen meine Schuhsolen an, ob ich versehentlich in irgendetwas hereingetreten bin, und musste normale Sauberkeit am Schuhwerk feststellen. Um mich herumgeblickt sah der Intrinsiker dann vermutlich in leicht paranoider Vorstellung lauter Extrinsiker, die bei seinem Anblick eine gerümpfte Nase zeigten. Selbstverständlich müssen diese Menschen keine Extrinsiker, also jene gewesen sein, die die Schuld für etwas zunächst auf Andere, hier eben auf mich, projizieren, denn sie hatten ja nur ihre Nase gerümpft ob des Gestanks - genauso, wie ich es auch tat. Als ich an den überfüllten Kassen eine suchte, die nicht allzu viele Menschen und Wagen vor sich her stoppte, fand ich auch eine. Der Gestank war mittlerweile unerträglich und bei der Musterung anderer Menschen hörte ich einzelne Rufe von "So ein Gestank!", "Sauerei!" und "Du stinkst, du Sau!". Ich begriff endlich und sah, dass vor mir ein Obdachloser stand. Die dürren Beine in einer stonewashed Jeans, eine zerrissene Bomberjacke, Turnschuhe und unter dem Basecap eine langhaarige, zerstörte Fratze eines Menschen, niedergebeugt und mit Angst und Verachtung in den Augen, die ich sah, als er sich umdrehte. An seiner Hose bis zu den Schuhen klebte Kot. Es dauerte eine ganze Weile, bis er tatsächlich an die Reihe kam, genaugenommen kam es mir ewig vor. Ich atmete nur durch den Mund, denn zu ertragen war es nicht, hatte dabei aber etwas Befürchtung, der Gestank könnte in meine Kleidung ziehen. Er kam dran und bezahlte seine Billigbrötchen und zwei Bier mit einem Euro und einem Leergutschein. Der Euro war komplett versifft und kam von sonst woher und ich begann mir vorzustellen, in welchem Zustand der Obdachlose die Entscheidung getroffen hatte, in den Supermarkt zu gehen. Ich stellte mir eine Reihe von Fragen. Was war der Mann früher einmal? Wann geschah es, dass er sich so fallen ließ, dass nur noch der Tod ihn auffangen kann? In welchen Umständen lebt er? Wann hat er zuletzt etwas Richtiges gegessen? Wie sah er als Kind aus? (Ich stellte mir eine zerknitterte Schwarz-Weiß-Fotografie vor, auf dem ein kleiner blonder Bube lachend seinen Ball hält.) Was wird er tun, wenn er wieder draußen ist? Wann wird er sterben? Kann man ihm helfen?
Als ich dran war und ich gestehe, dass ich in respektvollem Abstand wartete, bevor ich meine drei Teile auf das Band legte, da entschuldigte sich die Kassierin und hielt sich mit beiden Händen ihren Pullover vor Mund und Nase. Sie versuchte seit Minuten wieder einmal richtig zu atmen, wie ich vermutete. Ich fragte sie, ob es denn wieder gehen würde. Dann sagte ich: "Was muss passieren, dass ein Mensch sich so gehen lässt?" Es interessierte sie nicht, die philosophisch-soziale Fragestellung nach dem Point-Of-No-Return, dem Sturz unterhalb eines allgemein als noch vertretbar eingestuften Existenzniveaus. Dieser eben erlebten Existenz konnte man ja nur noch kopfschüttelnd ein "Unglaublich!" nachwerfen. Der Gestank war immer noch allgegenwärtig und sie antwortete nur verzweifelt und zornig: "Ausgerechnet zu mir muss der kommen!" Ich bekundete Mitgefühl. Mein Gedanke, dass hinter diesem Menschen ein Mensch und kein Tier steckt, würde in dieser Situation von anderen nicht wahrgenommen werden. Ich fühlte mich für den Rest des Abends schlecht: Was hatte ich getan, um die Situation zu verbessern. Was tue ich, um einer gestrandeten Seele, die nichts mehr fertigbringt, auf den Weg zurück in ein halbwegs gesellschaftlich anerkanntes Gefüge zu bringen? Kann ich dazu eigentlich einen Beitrag leisten, oder sollte ich mich lieber um meine eigenen Probleme kümmern? Kann dieser Mensch überhaupt "gerettet" werden?
Am Ende war mir der Gestank der Fäkalien egal. Aber Ekel hatte ich immer noch.
Erlebnis Nummer Zwei: Ausländer beschimpft deutsche Frau als "Schlampe"
Diesmal an Kasse Zwölf angestanden, war vor mir ein vermutlich Afrikaner, der relativ gutes Deutsch sprach und seine kleine Tochter dabei hatte. Ich bemerkte, dass er die vor ihm stehende deutsche Frau von vielleicht Vierzig sehr übel beleidigte. Ich hörte "Schlampe" und noch bösartigere Drohungen heraus. Sie schien sich zu wehren und rief "Geh weg!" und "Hör auf mich so zu nennen!". Kannte er sie? Offenbar nein. Das erste, was mir dabei besonders auffiel, war, dass viele Deutsche sofort auf "du" gehen, wenn sie einen, den sie als Ausländer identifizieren, vor sich haben. Dann ist die Schwelle offenbar sofort gefallen, und als jemand der nicht in unser "Wir" eingeschlossen werden kann, weil er ja als Ausländer von "außen" kommt, wird sofort geduzt. Darin steckt sehr große Respektlosigkeit. Er ist ja in "unser" Land gekommen und hat sich jetzt "unserem Land" auch zu fügen. Und unter "unserem Land" verstehen wir wie selbstverständlich "unsere Kultur" und mit ihr verknüpfen wir naturgemäß uns selbst. So viele Kausalsprünge hat da der normalerweise deutschkritische, deutsche Politik verachtende, an allem deutschen herummeckernde, mit seinem deutschen Nachbarn über jeden Quark bis hin zum Gericht streitende, der kaum seine eigene Sprache richtig beherrschende und dies auf die Rechtschreibreform schiebende Durchschnittsdeutsche gemacht. Aber als Deutscher darf er das. Es war mir unangenehm, wie der Afrikaner gegen die Frau fluchte und ich überlegte, ob ich ihn beruhigen sollte. Wie dies immer so ist, interessiert sich die sonstige Umgebung nicht um solche Erscheinungen, sondern hält sich zurück: "Tu niemandem etwas Gutes, so geschieht dir auch nichts Böses." Ich fand es völlig geschmacksfrei, wie er der Frau mit Prügel drohte und sie fragte, ob sie einen Mann hätte. Unter ständigem Beobachten der Situation kam ich an der gegenüberliegenden Kasse dran und fragte die dortige Kassiererin, was denn da drüben los sei. Sie erzählte es mir. Offensichtlich hatte der Mann mit seiner Tochter seine vier Artikel auf das Band gelegt und ist nochmal schnell zum Eisstand gegangen. Als er zurückkam, hatte die deutsche Musterfrau die Sachen von ihm zurückgeworfen und sich vorgedrängt. Es ging ihr wohl zu langsam. Die Kassierin, die die Art und Weise der deutschen Einkäuferin offensichtlich ebenfalls missbilligte, sagte wörtlich "zurückgeschmissen" und äußerte dann, was mich zurück auf den Boden der deutschen Realität zog: "Tja, DIE können auch ganz anders werden, wenn man DIE so behandelt. Da brauch die Frau sich gar nicht zu wundern, wenn sie DIE auch noch provoziert." Ein weiteres Mal kommt der xenophobische Grundtenor vieler Deutscher zum Tragen, auch dort, wo er vielleicht gar nicht im Bewusstsein verankert ist. Es ist ein im Unterbewusstsein verankerter Strich zwischen denen die "außen" sind und jenen, die "zu uns" gehören. Ausgedrückt wird diese gezogene Linie durch die Verwendung eines generischen Plurals. Es waren aber nicht "die vielen Ausländer", die auch die verständnisvolle Kassierin bezeichnete, sondern es war dieser einzelne Mann mit seiner Tochter aus einem anderen Land stammend, der hier seine Ehre angegriffen fühlte und sich der Provokation erwehrte.
Das Problem trat aber näher an mich heran, als ich glaubte. Ich begriff, dass ich mich fast eingemischt hätte, dass ich versucht war, die generelle Vorverurteilung "der Ausländer" mitzumachen. Ich dachte nämlich, dass dieser Mann mit seinem Benehmen zielgerichtet provoziert, dass er damit das Klischee über die "temperamentvollen" Südländer oder Afrikaner erfüllt und hier den Bogen klar überspannte. Ich kannte die Geschichte nicht und war voreingenommen, auch aufgrund seiner Hautfarbe. Ich ging nach Hause mit dem unguten Gefühl, trotzdem ich mich richtigerweise nicht eingemischt hatte, doch auch den Glauben daran gehabt zu haben, ich hätte mich einmischen müssen; gerade weil ich ihn gedanklich als Ausländer kategorisierte.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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