G.Westerby

Eine Art Held

20.09.2009 | 19:49

Ausflüge nach Afghanistan

„Mit 13.000 der Zug begann, einer kam heim aus Afghanistan“

Theodor Fontane schrieb diese Ballade anläßlich der Vernichtung von rund 17.000 Mann englischer und indischer Truppen, Gefolge, Frauen und Kindern am Chaiber-Pass im Januar 1842, im ersten anglo-afghanischen Krieg, nach Berichten des einzigen Überlebenden, dem britischen Militärarzt Dr. Brydon.


Kurz danach kam die Britische Ostindien-Kompanie zu dem Schluss, dass die fortgesetzte Besetzung Afghanistans zu riskant und kostspielig sei und britisch-indische Truppen zogen sich aus dem Land vollständig zurück.
Im zweiten Anglo-Afghanischen Krieg wurde 1880m in der blutigen Schlacht von Maiwand wieder ein britisch-indisches Heer vernichtend in Afghanistan geschlagen. Die im April 1880 gewählte neue britische Regierung unter William Ewart Gladstone beschloss 1881 den Abzug der Truppen.
Im dritten Anglo-Afghanischen Krieg im Jahre 1919 erfolgte im Frieden von Rawalpindi die provisorische Anerkennung Afghanistans als souveräner und unabhängiger Staat durch Großbritannien.
Ziel der misslungen „Ausflüge“ war nicht etwa die Verbreitung von Christentum oder Demokratie, sondern der „The Great Game“ genannte Machtkampf zwischen Großbritannien und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien.

Mit bis zu 115.000 Mann versuchte die ehemalige Sowjetunion im 10 Jahre andauernden Sowjetisch-afghanischen Krieg  ein kommunistisches Satellitenregime in Kabul zu unterhalten. Erst im Jahre 1989 wurde diese Expansion nach über 15.000 Gefallenen auf sowjetischer Seite beendet. Gestützt wurden die gegen die Sowjetunion kämpfenden afghanischen Gruppierungen durch Staaten des Westens und des Nahen Ostens, wie die USA und Saudi Arabien, die Bewaffnung und Ausbildung der damaligen „Freiheitskämpfer“ finanzierten. Ziel dieses misslungen russischen „Ausfluges“ nach Afghanistan war die Ausdehnung des sowjetischen Herrschaftsbereiches in Zentralasien.

Heute finden sich wieder Namen und Orte in den Medien, wie Dost Mohammed, Kabul, Mazar-i-Scharif, Chaiber-Pass. Wie vor 150 Jahren eben. Oder vor 25 Jahren. Oder wie in Berichten aus dem Jahre 326 vor Christi, als Alexander mit  zwei Heeren ins Tal des Flusses Kabul vorstieß und das Land zwischen Kabul und Indus als Provinz Gandhara in sein Reich einfügte. Dieses zerfiel jedoch nach seinem Tode im Jahre 323 vor Christi schnell wieder.

Seit 8 Jahren stehen nun US-, NATO- und auch deutsche Truppen am Hindukusch. Das ist ein Zeitraum, der länger ist, als Erster und Zweiter Weltkrieg jeweils waren. Besonders in Deutschland wird immer noch  gern versucht, den „Ausflug“ als humanitäre Hilfsaktion zu bemänteln. Als Krieg indeß hatte es begonnen. Als Bündnisfall der NATO.  Als Krieg gegen den Terror, nach den Anschlägen auf das World Trade Center im Jahre 2001.
Wobei „Krieg gegen den Terror“ ein Absurdum ist. Terror ist kein feindliches Heer, sondern eine Kampfform und wenn schon Krieg gegen..., dann gegen diejenigen, die diese Kampfform  anwenden. Diese, gern unter dem Schlagwort „Al Kaida“ zusammengefasst, sind nun aber am wenigsten die Gegner der NATO-Truppen in Afghanistan. Keiner der „Al Kaida“ zugerechneten Attentäter war Afghane und auch der große Buhmann Osama-bin-Laden wird eher im benachbarten Pakistan vermutet. Ebenso darf vermutet werden, daß eine zentrale Al-Kaida-Organisation nicht wirklich existiert, sondern es sich um einen von westlichen Medien, Geheimdiensten, Militärs geschaffenen Mythos handelt.
Oder um es mal anders zu betrachten, mit der gleichen Logik, mit der die NATO in Afghanistan kämpft, hätte Israel in den 70er Jahres des 20. Jahrhunderts Krieg gegen Deutschland führen können, als sich die Terroristen der RAF mit palestinensischen Terrorgruppen verbündeten.

Verwiesen wird  gern auf die im Lande gebauten Schulen und auf die gerade abgehaltenen Wahlen, die wohl so demokratisch wie gefälscht waren. 

Man spricht von Getöteten, statt von Gefallenen und versucht, besonders im bundesdeutschen Wahljahr, alles, um zu vermeiden, den Einsatz in Afghanistan als Krieg zu bezeichnen.
Verschwiegen wird auch gern, daß erst unter dem Schutz der NATO-Truppen Afghanistan zum weltgrößten Opiumproduzenten wurde. Die bis 2001 herrschenden Taliban hatten unter Androhung drakonischer Strafen den Opiumanbau auf die Mengen gedrosselt, die sie für den Waffeneinkauf brauchten.
Und gern unerwähnt wird gelassen, daß der Kriegsplan, die strikte Trennung vom „Krieg gegen den Terror“ in der „Operation Enduring Freedom“ von den humanitären Aufbaubemühungen der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe ISAF nicht funktioniert. Dieser zarte Unterschied wird von den Afghanen nicht mehr wahrgenommen, die Menschen dort im Lande sehen ausländische Truppen, die in Kabul eine Marionettenregierung stützen. Wie weiland die Sowjetunion.

Worum geht es wirklich?
Immer noch um das gleiche, wie seit Alexanders Zeiten. Um Einfluss in der Region.
Wichtigster Grund ist die günstige strategische Lage des Landes als Knotenpunkt zwischen Europa und Asien, woraus eine große Bedeutung Afghanistans als an Russland vorbeiführender Weg zum Meer für die vornehmlich Öl und Gas exportierenden Ex-Republiken der Sowjetunion abzuleiten ist.
Lukrativ sind zudem die Waffengeschäfte der Rüstungsindustrie, die durch den Krieg erst ermöglicht werden und deren Profit die Steuerzahler der westlichen Welt finanzieren.
Der Krieg im Irak, basierend auf offensichtlich erlogenen Berichten über Saddam Husseins  Massenvernichtungswaffen, folgt der gleichen militär- und wirtschaftsstrategischen Logik.

Und es geht um die, politisch gewollte, Selbsttäuschungen des Westens.
Zum einen, indem angenommen wird, ein Krieg in Afghanistan sei zu gewinnen.
An dieser Stelle hätte schon ein Blick in die Geschichtsbücher genügt. In den USA vielleicht auch ein Blick auf die Geschichte des Vietnamkrieges.
Zum anderen, indem angenommen wird, die westliche Form der Demokratie sei die universelle Regierungsform für die Welt. Übersehen wird dabei, die Menschen in Zentralasien, wie in Asien überhaupt, haben grundsätzlich andere Formen des Zusammenlebens. Indem man aber den Afghanen mit geradezu kolonialer Arroganz nicht die Möglichkeit lässt, eine eigene Regierungsform zu finden, konterkarriert man diese Demokratie-Export-Bestrebungen umso mehr. Und verschlimmert die Situation im Lande täglich.
Andererseits kann natürlich ein Politiker in einer sogenannten westlichen Demokratie auch nicht zugeben, daß diese Form nicht geeignet und gewollt ist. Damit würde er sich ja selbst ad absurdum führen.

Gern wird den Befürwortern eines schnellen Truppenabzuges aus Afghanistan entgegen gehalten, daß, wenn man jetzt abzöge, alles umsonst gewesen sei.
Das ist so.
Der Unterschied zwischen einem sofortigen Abzug und einem in zehn Jahren, wie das Verteidigungsminister Jung plant, bemisst sich nur in der dann umso größeren Anzahl gefallener deutscher Soldaten. In nichts sonst.
Die Briten brauchten von 1839 bis 1919 drei Kriege mit insgesamt sieben Kriegsjahren, um das einzusehen und von ihren „Ausflügen nach Afghanistan“ abzulassen.
Die Sowjetunion hatte nach 10 Jahren genug von ihrer Expedition an den Hindukusch.
Wie lange brauchen die USA, die NATO, wie lange braucht Deutschland noch für diese Erkenntnis?

G. Westerby

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 20.09.2009 um 19:58
Irendwie ein Wahnsinn, dass sich an doch so eher simplen strategischen Überlegungen un den daraus folgenden Kriegen seit Zeiten Alexander des Großen nichts geändert hat und wir sind in der Gegenwart ein Teil dieses Wahnsinns -wenn auch unter einem humanen Mäntelchen der bewaffneten Nächstenliebe umhüllt -geworden. Danke für den tollen Blog!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.09.2009 um 23:13
Schön komprimiert geschrieben zu einem Thema bei dem es um immer mehr geht: mehr Soldaten, mehr tote Zivilisten, mehr Geld für den Krieg.

Auf der Homepage der NATO werden z.B. die Kosten für den Einsatz der AWACS Flugzeuge aus Geilenkirchen auf bis zu 100 Millionen angegeben. Wegen der Beteiligung deutscher Soldaten beträgt der Anteil der Kosten für Deutschland ca 16%, 16 Millionen, - nur für den AWACS Einsatz. Die Zeit beziffert die Kosten auf rund 4,2 Millionen Euro was mich bei der Reaktionsstrategie des Herrn Joffe nicht wundert...

Die Bundeswehr mit ihrer PR wartet mit einer Mängelliste im Tagesspiegel auf, www.tagesspiegel.de/politik/international/afghanistan/Bundeswehr;art15872,2902219. Zum Beispiel Dingo (Preis 650.000–2.000.000) und der Mungo 3 (Preis ab 280.0006 -600.000) sind nur STANAG 3. Diese Ausrüstungen bleiben dann oft im Einsatzland um dann im Budget für "Wiederaufbauhilfekosten" als Hilfsleistung aufgezählt zu werden. Das ändert aber nichts an der Tatsache das Unternehmen wie Kraus-Maffei die eigentlichen Profiteure dieser Einsätze sind. Und die liefern auch an HIT (Heavy Industries Taxila, im benachbarten Pakistan...

Der ISAF-Einsatz von 2002 bis 2008 hat bisher mindestens 2,9 Mrd. € gekostet. Demgegenüber wurden nach Angaben der Bundesregierung bislang lediglich etwa 700 bis 800 Mio. € für den Wiederaufbau ausgegeben, davon ungefähr 160 Mio. € für die Polizeiausbildung.
Joachim Petrick schrieb am 01.12.2009 um 22:42
Die AWACS werden nun wieder abgezogen, ohne je einen Einsatz geflogen zu haben, weil Überflugrechte von Anrainerstaaten Afghanistans nicht zustande kamen.

Wenn das keine politische Korruption zugunsten des militärisch- industriellen Komplexes ist?, was dann?
tschüss
JP
G.Westerby
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