G.Westerby

Eine Art Held

27.02.2010 | 21:18

Blechbüchse

Eine Blechbüchse kann manchmal Überraschungen bieten, vor allem, wenn sie nicht im Supermarktregal liegt, sondern im öffentlichen Raum steht.

Fotografierer 27.02.2010 - westerby

Ein besonderes Exemplar zieht derzeit in Leipzig die Augen der Passanten und die Objektive zahlloser Kameras auf sich.

Die Leipziger Blechbüchse.
Unter diesem Namen war das 1968 als damals grösstes Warenhaus der DDR eröffnete KONSUMENT nicht nur in der Stadt bekannt, auf Grund der charakteristischen und inzwischen als Denkmal geschützten Aluminiumfassade.
Nach 1990 wechselte das Objekt mehrfach die Besitzer, zuletzt versuchte sich KARSTADT darin mit einer Interimslösung bis 2006. Danach stand das Gebäude bis auf einige zeitweilige Kunstausstellungen, leer und soll nun, im Zuge der leicht krisenverzögerten Errichtung der „Höfe am Brühl“, abgerissen werden und Platz für das Parkhaus des neuen Einkaufstempels machen.
Nicht so die Fassade, die wird derzeit demontiert und soll später eben jenes Parkhaus zieren.

Kaufhaus am Brühl 27.02.2010 - westerby

Unwirklich, geradezu unheimlich steht das teilweise von der Fassade befreite Gebäude im Licht der Nachmittagssonne, während die Schatten nach ihm zu greifen scheinen.

Nicht glattes Mauerwerk, eines der letzten Relikte des II. Weltkrieges in Leipzig zeigt sich, wo das „Blech“ bereits entfernt wurde. Das „Kaufhaus am Brühl“ (Ansicht von 1908) wurde 1943 durch Bombenangriffe schwer beschädigt und daraufhin geschlossen.
Nach dem Krieg verzichtete man auf einen vollständigen Wiederaufbau und die aufwendige Wiederherstellung der ursprünglichen Sandsteinfassade. Unter der Aluminiumfassade entstanden von 1966 bis zur Eröffnung vier fensterlose Verkaufsebenen, nur im Erdgeschoss und im Dachgeschoss gab es Tageslicht. Das auf Grund der Fassade sehr markante Gebäude wurde schnell zu einem Leipziger Wahrzeichen.

Der Abriß ist, wie auch der Abriß der sich ehemals an das Kaufhaus anschließenden Reihe von Plattenbauten, in Leipzig nicht unumstritten. Am Sinn der an dieser Stelle vorgesehenen Einkaufsmeile bestehen Zweifel. Befürworter von Abriß und Neubau argumentieren unter anderen, daß auf diesem Wege das Stadtbild wieder an die historische, im II. Weltkrieg weitgehend zerstörte Bebauung der Straße „Am Brühl“ angeglichen wird. Nun könnte man gar trefflich über den Zeitrahmen des Wörtchens „historisch“ philosophieren. Das Argument, die Plattenbauten wären unvermietbar gewesen, wird an anderer Stelle in der Leipziger Innenstadt mit ordentlich sanierten und daher vollvermieteten Gebäuden gleich Art ad absurdum geführt.

G. Westerby

 

Nachfolgende Artikel zum Thema:

Blechbüchse - Die Fortsetzung vom 09.04.2010

Blechbüchse zum Dritten: Die Demo vom 17.04.2010

Blechbüchse zum Letzten: Das Ende vom 17.07.2010

 

 
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Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 27.02.2010 um 22:03
lieber westerby, danke für die fotos!
kenne sie das kunstprojekt, es hieß irgendwas mit heimat, als in den leerstehenden wohnungen der nun abgerissenen plattenbauten mehr oder minder prominente dias zeigten und erzählten? die performances waren zweitrangig, aber die wohnungen?! da hätte so vielgetan werden müssen (etagen-wannenbäder gab es da), das hat keinen investor interessiert. dass sie jetzt einerseits sehenden,andererseits blinden auges den handel in der innenstadt komplett lahmlegen werden bzw.verlagern, ist tatsächlich ein skandal. zumal in unmittelbarer nachbarschaft eines gemessen an den beständen viel zu klein dimensionierten bildermuseums.
ich glaube nicht an die fertigstellung des komplexes. eher wird der tunnel fertig.
herzlich
kk
G.Westerby schrieb am 27.02.2010 um 23:27
Mir fällt die spitze Frage ein, wieviele Wohnungen, die zuvor noch Klo auf halbe Treppe hatten, wohl in den letzten 20 Jahren in den NBL saniert wurden? Aber der Streit über die Blöcke ist müßig, weg ist weg und "schön" ist auch irgendwie anders, als die waren.
Das Kunstprojekt, war das nicht irgendwas von/mit "FischerArt"?
Da die Finanzierung wohl steht, wie unlängst zu lesen war, werden die "Höfe" auch gebaut werden und noch vor dem Tunnel fertig werden, man kann sich ja jetzt schon einmieten.
Gruß
GW
kay.kloetzer schrieb am 27.02.2010 um 23:43
nee, fischer-art war's nicht,das hätte ich nicht betreten. brrrr.
also einen tag, nachdem die sache mit der kölner baustelle aufflog, war hier schon zu lesen, dass sowas den tunnel nicht betrifft. so schnell lässt sich das gar nicht rauskriegen, also nicht für die LVZ.

gut, da ich zu fuß eh schneller bin, werde ich ihn nicht nutzen, den tunnel. aber ich bin ja immer mal in der innenstadt und frage mich: wer soll da einkaufen? ist doch jetzt schon leer. die springen ab, 120 pro ...
G.Westerby schrieb am 27.02.2010 um 23:55
Den Tunnel betrifft es nicht, aber nicht weil der lokale Lieferant von Fischeinwickelpapier das schreibt, sondern weil er
a) nicht am Rhein liegt (-;
und
b) während der Bohrphase alle Gebäude an der Strecke voller Sensoren steckten
und
c) doch keiner geklaut hat, oder?

Was aber alles noch nichts dazu sagt, zu welchem Preis der wann fertig wird oder welchen tieferen Sinn er haben könnte, außer als Egotrip für ExOBMs.

"F-Art": Ich bin erfreut, Deiner Meinung zu sein.
GW
kay.kloetzer schrieb am 28.02.2010 um 00:08
ja gut, aber glaunst du das? der bahnminister muss das, seine letzte aufgabe nach olympia, durchbringen. ich wäre kaum überrascht, würden sie demnächst, mit üebrraschenden erzfunden argumentierend, die bohrungen einstellen und montessori-kindergärten ansiedeln.

und entre nous: niemnd in dieser stadt kann f-a leiden. wie schafft der das, überall present zu sein?
G.Westerby schrieb am 28.02.2010 um 05:53
Moin moin (sorry, musste mal kurz weg...)!
Wieso "Bahnminister" und was hat der mit Olympia...? Hm?
Aber ich glaube auch zu erinnern, daß schon vor der ganzen Buddelei seitens DB feststand, daß da nie ein ICE durchfährt.

f-a: Nun, er kennt die richtigen Leute, die schmücken sich mit ihm und seinen "Werken" und würden nie zugeben, daß sie ihn auch nicht leiden können. Jedenfalls nicht vor einer Kamera.

Aber das ist jetzt alles schon sehr weit weg von der "Blechbüchse", wir setzen diese Lpz-Inside-Diskussion wohl besser per Nachrichten fort und nicht per Kommentar.
Doris Brandt schrieb am 28.02.2010 um 11:13
Moin Westerby. Danke für die Einblicke. Der Abriss von ehemaligen Karstadt-Hochhäusern scheint richtig hoch im Kurs zu stehen. In Hamburg dreht es sich ja um das Frappant (garantiert ohne versteckte Sandsteinfassade)
frappant.blogsome.com/
Mit dem geplanten Ikea wird hier wohl eine blaue Blechbüchse entstehen. Ironie des Schicksals.... Gruß aus HH.
uri schrieb am 28.02.2010 um 13:25
danke für diesen beitrag, westerby.
ich bin in leipzig geboren und quasi mit dem konsument/der blechbüchse aufgewachsen.
kindheitserinnerungen habe ich noch an das SB-restaurant im obersten stockwerk. die fensterplätze waren immer sehr begehrt und es gab broiler mit pommes frites... und es war viel moderner als das kaufhaus in der petersstrasse.
das konsument-warenhaus wurde übrigens vom [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Konsum_%28Handelskette%29]KONSUM[/url] betrieben, das in der peterstrasse von der [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Handelsorganisation]HO[/url] geführt.

grüsse
uri schrieb am 28.02.2010 um 13:26
ärgerlich, dass das mit den links nicht so geklappt hat, wie ich wollte...
sorry
G.Westerby schrieb am 01.03.2010 um 22:37
Das mit den Links in Kommentaren kann ich auch nicht.
Kindheitserinnerungen an das Restaurant im DG waren übrigens auf der Straße DAS Thema, während eifrig mit Handy und so "fotofiziert" wurde. Was war da sooo toll?
GW
uri schrieb am 03.03.2010 um 20:21
hallo GW,

meine erinnerungen an das restaurant im obersten stock stammen aus ende der sechziger/ anfang der siebziger jahre. da war ich noch ziemlich klein :-). aber im ernst, ich denke, ende der sechziger, anfang der siebziger jahre war das konsument und auch das SB-restaurant wirklich sehr modern und unterschied sich meiner ansicht nach (vom warenangebot natürlich abgesehen)in seiner konzeption kaum von ähnlichen westdeutschen kaufhäusern, die in der gleichen zeit entstanden sind.
grüsse uri
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