G.Westerby

Eine Art Held

16.11.2009 | 15:01

DDR-Fernsehfunk reloaded

Zitat:

§ 23 Aufgaben des Verwaltungsrates
(1) Der Verwaltungsrat beschließt über den Dienstvertrag mit dem Intendanten. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates vertritt das ZDF beim Abschluss des Dienstvertrages und zum Abschluss sonstiger Rechtsgeschäfte mit dem Intendanten sowie bei Rechtsstreitigkeiten zwischen dem ZDF und dem Intendanten.
(2) Der Verwaltungsrat überwacht die Tätigkeit des Intendanten.
(3) Der Verwaltungsrat legt dem Fernsehrat den Entwurf der Satzung des ZDF vor. Er hat das Recht, Änderungen der Satzung vorzuschlagen.
(4) Der Verwaltungsrat beschließt über den vom Intendanten entworfenen Haushaltsplan, der dem Fernsehrat gemäß § 20 zur Genehmigung zuzuleiten ist. Das Gleiche gilt für den Jahresabschluss.
Zitiert aus ZDF-Staatsvertrag vom 31. August 1991 in der Fassung vom 01. 06. 2009 (Originaldokument als pdf).

Wo bitte findet sich in dieser abschließenden Aufzählung der Aufgaben des ZDF-Verwaltungsrates die Einflussnahme auf redaktionelle Belange, insbesondere auf die Besetzung des Chefredakteurspostens?
Richtig, nirgends!
Nichtsdestotrotz nehmen sich gerade wieder einmal ein paar Provinzpolitiker heraus, den ihnen unliebsamen Chefredakteur mit fadenscheinigen Argumenten absägen zu wollen.

Sieht so „öffentlich-rechtliches“ Fernsehen aus, das laut § 5, Absatz 1 des oben zitierten Staatsvertrages folgendes zu beachten hat:
„In den Sendungen des ZDF soll den Fernsehteilnehmern in Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern.“?

Wo bleibt das verfassungsrechtliche Gebot der „Staatsferne“?

Oder klingt das alles nicht eher wiedermal nach „Schwarzer Kanal 2.0“, nach "Staatsfunk", nach „Volksaufklärung und Propaganda“?
Nicht zu vergessen, diese Kasperletheaterpossen werden mit Zwangsabgaben der Bürger finanziert.
Aber es geht in dieser Posse noch nicht einmal darum, jemanden als Chefredakteur zu installieren, der der Union nahe steht. Es darf auch ein SPD-Mann sein. Hauptsache, er widersetzt sich den fortwährenden Versuchen der politischen Einflußnahme nicht in so hohem Maße, wie Nikolaus Brender.

G. Westerby

 
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Kommentare
Adam Ant schrieb am 18.11.2009 um 20:41
"Wo bitte findet sich …"

§ 27 Abs. 2 b (ebd.)
Der Intendant beruft den Chefredakteur "im Einvernehmen mit dem Verwaltungsrat".

"Nicht zu vergessen, diese Kasperletheaterpossen werden mit Zwangsabgaben der Bürger finanziert.."

Man kann sich bei der GEZ über vieles aufregen, auch dass sie bspw. ihre Adressen aus dem "gepflegten" Datenbestand einer gewissen AZ Direct GmbH bezieht.

Die IDEE eines unabhängigen, meinetwegen über Gebühren finanzierten Rundfunks (s.a. BBC), ist an sich aber nicht schlecht und böte theoretisch die Möglichkeit zur Ausübung einer echten "4. Gewalt". Praktisch sieht das freilich anders aus. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll im Grunde die Handlungen genau jener kritisieren und überwachen, die ihn beaufsichtigen – das ist ein strukturelles Problem.

Nebenan wurde zu diesem Thema ein interessanter Vortrag verlinkt. An dessen Ende erzählt der Redner noch etwas über die Broschüre "Der Wert des ZDF" - 80 Seiten aus dem Jahr 2006. Zu der Zeit war sogar Tilgner noch dabei (s.S. 10, Bild links unten).

"Aber es geht in dieser Posse noch nicht einmal darum, jemanden als Chefredakteur zu installieren, der der Union nahe steht. Es darf auch ein SPD-Mann sein. Hauptsache, er widersetzt sich den fortwährenden Versuchen der politischen Einflußnahme nicht in so hohem Maße, wie Nikolaus Brender."

Brenders Vertrag als Chefredakteur bei den Einäugigen vom 2. hatte eine Laufzeit von 10 Jahren, wenn ich nicht irre. Davon können mittlerweile die meisten Leute in befristeten Arbeitsverhältnissen nur träumen – so what?

Thomas Leif meinte neulich:
"Der Kern des Konflikt um Nikolaus Brender ist meiner Ansicht nach kein Links-Rechts-Schema oder die Frage, wie einer politisch steht, sondern die Positionierung von Brender, der sagte, dass er künftig Beschwerden von Lobbyisten und von bestimmten politischen Gruppen, die zu weit gehen, öffentlich machen will. Damit hat er im Grunde, sozusagen das Machtzentrum der Parteien, die Einfluss nehmen wollen auf das Programm, angegriffen und hat sie an ihrem wichtigsten Punkt getroffen."

"Künftig"?
Schade eigentlich, dass es "Blender" erst jetzt einfällt.
G.Westerby
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