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Quelle wikipedia.de: Leipzig ca. 1970
Edith wurstelt weiter. Die sechs Mitarbeiter, von denen einige schon seit Vorkriegszeiten bei der Firma sind, ziehen mit. Die Geschäfte laufen nahezu normal weiter. Eine Zäsur für Edith ist es bestimmt, als ihr im Zuge der Regelung der Erbschaft nahegelegt wird, ihren Bruder für tot erklären zu lassen. Dreissig Jahre nach der Vermißt-Meldung, siebenundzwanzig Jahre nach Kriegsende und fast zwanzig Jahre nach der Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen ist dies kein unbilliges Ansinnen. Für Edith wird es ein Schlag gewesen sein, zuzustimmen, daß der Bruder für tot erklärt wird. Was ist nun mit Vaters Auftrag, den sie doch um alles in der Welt ausführen muss, ist er doch das einzige, wofür sie lebt. Es belastet sie. Gleichzeitig spürt sie, daß sie es nicht kann. Die Firma führen, so wie ihr Vater es konnte. Nur durch die Loyalität der Angestellten geht noch alles irgendwie seinen Gang. Aber Edith spürt, daß ihr Vater nicht zufrieden wäre, mit dem, was da abläuft. Tag für Tag sehnt sie den Bruder herbei, der ihr die Last abnehmen und schon alles richten werde. Aber den hat sie gerade für tot erklären lassen müssen.
Beginnt sie da schon, zu trinken?
Die nächste Zäsur folgt im Jahre 1975.
Jetzt endlich, drei Jahre nach Karl Happenbecks Tod hat der Rat der Stadt Leipzig gemerkt, daß da etwas ist, was nicht sein darf. Ein Großhandel, noch dazu mit Edelmetallen und Schmuckwaren in privater Hand, das passt nicht ins Bild der sozialistischen Gesellschaft. Schon garnicht in den neunzehnhundertsiebziger Jahren, als sich die SED bemühte, das Feld privat wirtschaftender Unternehmen, soweit wie nur irgendmöglich auszudünnen.
Im Falle der Firma „Happenbeck Großhandel mit Edelmetallen und Schmuckwaren“ ist das sehr einfach. Edith hat keine Genehmigung dafür, die Firma zu führen. Der Gewerbeschein aus 1927 und die Erlaubnis von 1947 lauten auf ihren verstorbenen Vater. Natürlich wird ihr auch kein neuer Gewerbeschein erteilt, sondern sie erhält die Anweisung, den regulären Geschäftsbetrieb einzustellen und die Firma abzuwickeln.
So entlässt sie die Mitarbeiter und bleibt allein zurück. Allein in den immer etwas dunklen, hohen Räumen im dritten Stock in der Leipziger Katharinenstr. Bald verlässt sie diese nur noch, um Nachschub an Alkohol zu besorgen oder wenn sie bei ihrer Wohnung in einem der Plattenbauten am Brühl mit der Treppenreinigung dran ist. 
Bild von: www.bruehl-leipzig.net
In der übrigen Zeit wandert sie durch die Geschäftsräume, sich mit Alkohol betäubend und auf den Bruder wartend, der nach seiner Heimkehr alles wieder ins Lot bringen werde.
Doch der Bruder kommt nicht mehr heim. Sie hat ihn auch noch für tot erklären lassen. Was ist jetzt mit ihrem einzigen Lebensinhalt, des verstorbenen Vaters Auftrag?
Spätestens ab da trinkt sie regelmässig.
Edith muss eine auffällige Gestalt gewesen sein, damals in der Katharinenstraße, in der Leipziger Innenstadt. Sicherlich gut, aber altmodisch gekleidet. Für Putz und Mode gab es in Karl Happenbecks Welt nach dem verlorenen Kriege und dem vermissten Sohn keinen Raum mehr. Und so trägt Edith die Kleider ihrer frühverstorbenen Mutter auf. Weil sie es nicht anders kennt, ändert sich daran auch später nichts.
Wahrscheinlich wirkte sie älter, als sie damals mit noch nicht 50 Jahren war und mit der Zeit hat man ihr wohl auch das Trinken angesehen.
Haben sich die Nachbarn am Brühl gewundert über diese Frau, die „komisch“ gekleidet, nur zum Treppereinigen kommt und sonst nie daheim ist? Haben sich die Leute im Konsum gewundert über diese Frau, die regelmässig zum Alkoholkauf erschien? Haben sich die Juweliere gewundert, über diese seltsame Frau, die immer mal wieder bei ihnen erschien, um ein Schmuckstück oder eine Goldmünze zu verkaufen?
Währenddessen schlich die Zeit dahin.
Edith erledigte das unbedingt nötigste, wie Treppemachen. Man sollte ihr doch nichts nachsagen können. Ansonsten lebte sie davon, immer mal wieder ein Stück aus dem Inhalt von des verstorbenen Vaters Tresoren zu verhökern. Und davon, sich mit Alkohol zu betäuben. Nachts, wenn sie genug getrunken hatte, schwebte sie durch die Räume im dritten Stock der Katharinenstraße. Der Bruder war gekommen und hatte das Geschäft zu neuen Höhen geführt, allen Widerständen zum Trotz. Sie, Edith, wieder eine feine Dame in einer feinen Gesellschaft, erfreute sich Avancen unzähliger Freier aus besten Kreisen. Wie von ihrem Vater einst prophezeit. Ein letzter Schluck und sie sank mit diesen Träumen in den Schlaf.
Erwachte sie am folgenden Mittag, war da wieder nur das realsozialistische Elend um sie herum. Der inzwischen unerfüllbar gewordene, aber übermächtige Auftrag des verstorbenen Vaters. Der Bruder, der nicht heimkehrte.
Sie wanderte von der Katharinenstraße schnell zum Brühl, um mal eben bei ihrer Wohnung die Treppe zu machen, tauchte kurz im Konsum neben dem Sportgeschäft am Brühl auf, an der Kasse im Körbchen zwei Flaschen „Nordhäuser“ und zwei Flaschen Apfelsaft. Auf dem Rückweg zur Katharinenstraße sah sie nichts und niemanden mehr. Nur das erste Glas, halb und halb aus Nordhäuser Doppelkorn und Apfelsaft steht ihr vor Augen. Als sie es zitternd von ihres Vaters Schreibtisch hebt und trinkt, kommt ihre Welt wieder ins Lot. Nach weiteren Gläsern schwebt sie wiedermal durch die Räume. Träumend in vergangenen Zeiten dirigiert sie unsichtbare Angestellte. Nach Mitternacht und nachdem die eine Flasche Nordhäuser in Apelsaft und dann in Edith aufgegangen ist, heisst sie mit einem Knicks im Flur ihren heimkehrenden Bruder willkommen, kippt um und schläft neben Schirmständer und Mülleimer auf dem Boden ein.
Heute sind die Nachbarn längst entschwunden, die Plattenbauten am Brühl waren bereits abgerissen, als ein erster Blick in die Akte gelang. Der Konsum ist ebenso lange aus der Leipziger Innenstadt verschwunden und die Juweliere von damals auch. Auch in wortreichen Berichten von vor 1989 in der Katharinenstrasse ansässiger Anwohner kommt Edith heute nicht mehr vor.
Trotz allem Absonderlichen ihres Lebens im Vergleich mit dem normierten sozialistischen Alltag, war sie wohl nicht auffallend genug. Auffallen, das wollte sie wohl auch nicht. Nur der Bruder sollte endlich kommen.
Erst fast zehn Jahre später fällt beim Rat der Stadt Leipzig mal auf, daß es nach der verfügten Geschäftsauflösung im Jahre 1975 keine weiteren Nachrichten dazu gab. Keine Aktennotizen, keine Abschlußbilanz, nichts.
Im Jahre 1984 sieht man nach.
G. Westerby
Fortsetzung: Die Akte Happenbeck III - Der Prozess
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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