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Fotomontage: Westerby
Jörg Kachelmann sitzt seit Samstag unter der Anschuldigung der Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Da er der „Weatherman“ des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist, gilt für ihn offensichtlich nicht, was im Pressekodex steht. Bei der Berichterstattung über Ermittlungs- und Gerichtsverfahren gilt generell die Unschuldsvermutung, weswegen in der Regel keine Informationen in Wort und Bild veröffentlicht werden dürfen, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen.
Wie die NZZ berichtet, habe die Staatsanwaltschaft Mannheim nur widerstrebend überhaupt eine Pressemitteilung herausgegeben, ohne Namensnennung, jedoch „etwas sei zuvor durchgesickert“ und man habe reagieren müssen.
Ob an den Vorwürfen etwas dran ist, muß hier dahingestellt bleiben. Offensichtlich traut man sich aber seitens der Staatsanwaltschaft zumindest eine Anklagerehebung zu. Wäre dies anders, hätte wohl die Beweislage auch nicht für einen Haftbefehl gereicht.
Dies dürfte wohl das Ende der medialen Präsenz des "Weatherman" Kachelmann bedeuten, unabhängig davon, ob die Untersuchungshaft heute aufgehoben wird, unabhängig davon, ob überhaupt ein Prozess eröffnet wird, ganz zu schweigen, ob es zu einem Schuldspruch kommt.
Neu ist das in Deutschland nicht.
Ein Beispiel dafür ist der früherer TV-Moderator Andreas Türck. Nach Karrierestart im SWR wechselte er zu Pro7 und wurde in den späten 1990ern gezielt zum Starmoderator und Mädchenschwarm aufgebaut. 2004 wurde er der Vergewaltigung beschuldigt, was für die Medien damals ebenso ein gefundenes Fressen war, wie heute Kachelmanns Verhaftung. Nur drei Monate nach den ersten Vorwürfen und noch vor Prozesseröffnung war Türck bei Pro7 draussen. Über ein Jahr später wurde Andreas Türck in der Hauptverhandlung freigesprochen. Das war dann allerdings so gut wie keinem Medium eine Schlagzeile wert. Auf dem Bildschirm erschien der heute als Produzent für Web-TV-Formate arbeitende Türck nicht wieder.
Wie lange dauert es, bis sich die ARD entrüstet und von Kachelmann trennt? Ist doch mit Sicherheit eine gute Ablenkung von dem neuerlichen Schmiergeld-gegen-Medienpräsenz-Fall, in dem nun auch der NDR seinen „Mohren“ gefunden hat. In der Tagesschau wurde das Thema schon mal todgeschwiegen.
Schon vor über dreissig Jahren sah sich Heinrich Böll veranlasst, mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ diesbezügliche, zweifelhafte Praktiken deutscher Medien zu thematisieren. Geändert hat sich seitdem offensichtlich kaum etwas und wenn, dann nicht zum Guten.
G. Westerby
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Gut in Worte gefasst - mich erschrak die Art der Berichterstattung in diesem Fall.
Die Unschuldsvermutung scheint immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Aber wenn nicht mal der Bundesinnenminister sie mehr kennen will.... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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