G.Westerby

Eine Art Held

06.04.2010 | 22:19

"Ein bißchen Krieg"

Der Herr Unteroffizier a. D zu Guttenberg, der sich gerade selbst vom „kriegsähnlichen Minister“ zum jetzt „umgangssprachlichen Kriegsminister“ befördert hat, verbittet sich Kritik an seiner Afghanistan-Strategie.

Kritik an seinen Strategien verbat sich auch schon mal ein deutscher Gefreiter regelmässig vehement.

Als Strategie wird der zielgerichtete Einsatz von Gewalt oder die zielgerichtete Gewaltandrohung zu politischen Zwecken bezeichnet. Nun mag dem Uffz. zu Guttenberg unbenommen bleiben, sich was zu verbitten, indeß man fragt sich nur, welche Strategie denn bitte, während von der nicht mehr so neuen deutschen Ostfront nicht mal mehr taktische Erfolge zu vermelden sind. Nach massiven Schlägen der Taliban gegen die deutschen Linien sendet Brigadegeneral Frank Leidenberger, der ISAF-Kommandeur für Nordafghanistan, Durchhalteparolen, wie "Wir geben nicht klein bei, wir werden weiter kämpfen und wir werden gewinnen!" an die Führung in Berlin.
Ähnliche Meldungen hat auch ein Generalfeldmarschall Paulus noch am 29. Januar 1943 aus Stalingrad an die Führung in Berlin funken lassen.

Eine von politischen Notwendigkeiten dominierte und daher militärisch inkompetente Führung ist es, die da heute vom Berliner Feldherrenhügel aus operiert. Hinzu kommt, daß man möchte, was nicht geht. „Ein bißchen Krieg“ ist genauso unmöglich, wie ein bißchen schwanger. Oder ein bißchen Strategie. Genau das aber probiert man in Afghanistan seit demnächst zehn Jahren. Über lange Jahre hatte die deutsche Politik auch Erfolg damit, sich selbst, den Medien und dem Wahlvolk etwas vorzumachen. Man sprach von „Stabilisierungseinsatz“, „Aufbaumission“, von Brunnenbau und Mädchenschulen. Da die Lage im Einsatzgebiet der deutschen Truppen über lange Zeit ruhig blieb, schien die Rechnung aufzugehen. Ein Zeichen dieser Zeit, in Wahlkämpfen fand das Thema "Afghanistan-Einsatz" kaum statt. Ein weiteres, 39 Bundeswehrangehörige sind nach offiziellen Angaben im Einsatz in Afghansitan verstorben, nur zwanzig davon jedoch „gefallen“. Die andere Hälfte verunglückte beim unsachgemässen Hantieren, an russischen Fla-Raketen, oder an Leichenteilen auf den Kotflügeln ihrer Geländewagen.

Nachdem nun Taliban und andere „Aufständische“ durch die Massierung des US-Militäreinsatzes in ihren traditionellen Kampfgebieten im Süden des Landes unter Druck geraten, weichen sie aus und schlagen anderswo zu. Im bisher ruhigen (Bundeswehr-) Norden Afghanistans.
Der erste Schlag wurde zwar militärisch richtig mit einem Luftschlag auf die entführten Tankwagen beantwortet. Da dies aber so garnicht zum Konzept von „ein bißchen Krieg“ passen wollte, folgten Selbstbeschuldigungen, öffentliches Gezeter und nutzlose Untersuchungsausschüsse darüber, wer sich wann zwischen Bundeskanzleramt und dem nun umgangssprachlichen Kriegsministerium mit welchen Protokollen wie verteidigt habe.

Da die US-Amerikaner mit ihren weiter aufgestockten Truppen in ihren Zonen Afghanistans auch weiter marschieren, erfolgte ein nächster Schlag des Gegners im deutschen Areal. Drei Bundeswehrsoldaten sind gefallen. Auch weil die Bundeswehr in Folge des „ein bißchen Krieg“-Konzeptes nur über nahezu friedensmässige Ausrüstungen verfügt. Nicht ein einziger Kampfpanzer, nicht ein Kampfhubschrauber stehen den Truppen an der afghanischen Front zur Verfügung. Nicht, weil es die nicht gäbe, sondern weil die Politik, und zwar parteiübergreifend, dieses nicht gewollt hat. Mit Panzertruppen und Kampfhubschraubern hätte es doch nicht mehr nach Brunnenbau ausgesehen.
Zehn Jahre, so lange hatten auch die Russen „ein bißchen Krieg“ in Afghanistan probiert, bis sie 1989 abzogen. Und vor ihnen die Engländer. Und ganz früher auch schon mal Alexander der Große und Dshingis Khan. Abgezogen sind sie alle wieder. Trotz Kampfhubschraubern und Panzertruppen, auch das muss hier gesagt werden.
Von Strategie, die mit langfristigem Denken und Planen zu tun haben sollte, ist beim deutschen Afghanistaneinsatz nichts weiter sichtbar, als eine vietnamkriegsähnliche Exit-Strategie. Schnellsmögliche Afghanisierung des Konflikts und dann schnell weg, auch wenn man auf dem Berliner Feldherrenhügel eben das nicht so deutlich sagen möchte.
Bis dahin fallen weiter deutsche Soldaten an der neuen deutschen Ostfront. Weil sie ungenügend ausgerüstet und unzureichend ausgebildet sind.
Weil die deutsche Politik dies so wollte.
Für was? Für wen? Warum?
Für die „Stabilisierung Afghanistans“, für Dirk Niebels Sprechblase „Friedensdividende“ und andere synonymisierende Wortblasenschöpfungen politischer Mandatsträger.
Sehr wahrscheinlich stellt die einzige erstrebenswerte "Friedensdividende" für Afghanen doch ein Afghanistan ohne Besatzungstruppen dar. Das haben sie im Laufe der Geschichte seit Alexander dem Großen auch immer wieder erreicht. Gegen Briten und Russen und nun eben gegen ISAF-Truppen.

Macht man sich in Berlin und Washington wirklich noch Illusionen über mögliche Entwicklungen in Afghanistan nach dem Abzug der ausländischen Truppen?
Unterschiedlichste ausländische Interessen, von Iran und Pakistan bis USA werden auch danach im Lande verfolgt werden. Die verschiedenen Stammes- und Interessengruppen werden die Machtverhältnisse untereinander mehr oder minder offen auskämpfen und früher oder später eine tragfähige Balance erzielen. Sollten sie dafür zu lange brauchen oder sich zu sehr und zu offensichtlich von entfernten ausländischen Interessen leiten lassen, besteht durchaus die Möglichkeit, daß radikalislamistische Gruppierungen einen Gottesstaat wieder auferstehen lassen, was insbesondere dem Nachbarn Iran gefallen und dessen Unterstützung finden dürfte. Nichts, was deutsche oder andere ausländische Truppen im Lande getan haben, tun oder noch tun werden, wird an dieser Entwicklung etwas ändern.
Auch des Uffz. zu Guttenbergs Afghanistan-Strategien nicht.

G. Westerby

 
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