G.Westerby

Eine Art Held

06.01.2010 | 06:43

Hochmut

Hochmut kommt vor dem Fall, sagt der Volksmund.
Ein gängiger DDR-Witz ging wohl so: „sagt Honecker in einer Rede: Gestern standen wir vor einem Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter!“
Bei der deutschen Wikipedia ist es wohl auch bald soweit.
Die im Herbst 2009 gestartete alljährliche Spendenbettelei erbrachte nicht nur die gewünschten Millionen und auch die nicht in erhoffter Zahl, sondern obendrein einen wahren Kritik-Tsunami.

Löschpraxis, Relevanzkriterien, selbstherrliches Agieren von Administratoren und eines sogenannten „harten Kerns“ von Aktivisten waren Ziele der Kritik und vergraulen wohl schon heute mehr der ach so gesuchten neuen Nutzer=Autoren, als sie Nutzen bringen.

Nehmen wir als Beispiel die freiwillige Feuerwehr Ihres Vorortes. Ja genau, den Feuerwehr-Verein, wo Ihr schusseliger Nachbar, der in Bußgeldstelle arbeitet, auch noch im Vorstand ist. Die freiwillige Feuerwehr, die Ihnen und Ihrer Familie das Leben rettete, nachdem Ihr Haus in der Silvesternacht von unsachgemäss abgeschossenen Böllern in Brand gesetzt wurde. Sie finden es jetzt total wichtig, daß es die gibt, stimmts? Verständlich, wenn nicht, gäbe es ja Sie und Ihre Familie auch nicht mehr.
Der deutschen Wikipedia ist das aber völlig egal. Denen ist nicht wichtig, ob es diese freiwillige Feuerwehr gibt. Oder Sie.
Nach den Kriterien der deutschen Wikipedia sind freiwillige Feuerwehren nicht relevant genug, um darüber Artikel zu schreiben. Zitat aus dem Katalog der Relevanzkriterien:
Berufsfeuerwehren sind normalerweise relevant. Alle anderen Feuerwehren, Landes-/Regionalverbände etc. des Technischen Hilfswerkes sind dagegen normalerweise nicht relevant.

Wollen Sie also jetzt, schon aus Dankbarkeit, noch unter uns zu weilen, einen Wikipedia-Artikel über die Ihr Leben rettende Freiwillige Feuerwehr verfassen, ist es völlig egal, wie gut Sie den recherchiert und geschrieben haben. Unter Verweis auf das Manifest der Relevanzkriterien in der WikiBibel werden die oben erwähnten Administratoren ihn gnadenlos löschen. Immer wieder. So lange, bis Sie entnervt aufgeben und sich schwören, nie wieder in Ihrem Leben diese de.wikipedia.org-Seite zu benutzen.

Nur am Rande, das klingt alles garnicht soweit weg von der FREITAGs-Community, wo es wohl auch einen sogenannten „harten Kern“ von Nutzern geben mag, die sich ebenso ungefragt, wie diktatorisch und sinnfrei zu Geschmacks- und vor allem zu Gesinnungsrichtern aufschwingen und damit leider hin und wieder auch Erfolge haben, was das Mobbing ihnen unliebsamer Autoren angeht.

Hochmut kommt vor dem Fall. Die deutsche Wikipedia feiert den millionsten Beitrag, der übrigens unverzüglich zur Löschung vorgeschlagen wurde und überhebt sich mit der Anmaßung "Wir sind längst das wichtigste Nachschlagewerk".

Der vorstehend beschriebene Kritik-Tsunami und der skizzierte diktatorische Umgang mit Inhalten sprechen für den Platz am Abgrund. Blickt man hinter die Kulissen, offenbart sich, aller Arroganz und allem Hype zum Trotz, eine derartige Inkompetenz., daß der zweite Teil des Honeckerwitzes nicht mehr weit sein kann. Dafür möge folgendes Beispiel dienen:

Veit Osterland*, promovierter Musikwissenschaftler und langjähriger Dozent an der Universität von Musterstadt, entdeckt in der deutschen Wikipedia einen sehr kurzen Artikel über einen außerhalb von Fachkreisen nahezu unbekannten Komponisten, bei dem außer dem Geburtsdatum nichts stimmt und dessen falsche Inhalte offensichtlich aus eben so falschen Online-Quellen abgeschrieben worden sind, ohne jegliche Überprüfung. Osterland fühlt sich aus seiner Sicht ohne weitere Recherchen auch nicht im Stande, selbst sofort einen wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Artikel zum Thema zu publizieren, möchte jedoch verhindern, daß offensichtlich falsche Angaben einfach weiterverbreitet werden, ja auch, weil er sie nicht von seinen Studenten wiedergekäut hören möchte. Osterland stellt daher in der Wikipedia einen Löschantrag und begründet diesen sorgfältig.
Zwei Tage später kann er sich online ansehen, daß eben dieser Löschantrag durch einen Administrator als „unbegründet“ verworfen wurde.
Noch gibt Osterland nicht auf und wendet sich an diesen Administrator.
Dieser gibt offenherzig zu, von Musik und Komponisten und so überhaupt keine Ahnung zu haben, sondern sich selbst nur mit Unternehmern der entsprechenden Epoche zu befassen und daher sei aus seiner Sicht der Artikel, so wie er ist, in Ordnung und bliebe so stehen.
Das dies der letzte Tag war, wo Osterland die Wikipedia als Informationsquelle nutzte und daß er am folgenden Tag den Bankeinzug seiner kürzlich im Rahmen der aktuellen Wikipedia-Bettelkampagne erfolgten Spende von 50,- Euro als ungerechtfertig zurücküberweisen ließ, wird niemanden verwundern.

Es ist etwas faul in Wikipedia, meinen Sie jetzt, nachdem Ihre Lebensretter und der promovierte Musikwissenschaftler als nicht relevant eingestuft wurden?
Nun ja, es soll da, unbestätigt – nur ein Gerücht, ein Zitat vom Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (VORSICHT – wikipedia-link, aber man hofft ja, daß die wenigstens über ihren „Paten“ zutreffende Angaben haben), geben: „In german wikipedia, yesterday, we was on the brink. Today, we would go even further!”

G. Westerby


* Namen und Details geändert, Person und Vorgang sind dem Autor bekannt

 
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Kommentare
Hermanitou schrieb am 06.01.2010 um 10:24
"Während das englischsprachige Original mehr als drei Millionen Artikel zu teils sehr trivialen Themen vorweisen kann, sollen beim deutschsprachigen Ableger Relevanz-Kriterien sicherstellen, dass nur lexikalisch sinnvolle Einträge veröffentlicht werden." Irgendwie klingt das Ganze nach schwäbischer Kehrwoche. - Oder nach deutscher Ordnung. Aber auf jeden Fall nach Ausschluß des größten Teils potentieller Mitmacher, oder - wie die Wikipedia-Macher selbst sagen - "für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar".
G.Westerby
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