G.Westerby

Eine Art Held

30.12.2009 | 18:29

Ihr Nachbar

Ihr Nachbar ist zwar nett und meist auch freundlich, aber doch etwas schusselig. Weil das so ist, bemerkt er erst, daß Sie ihm den im Juni ausgeliehenen Gartengrill noch garnicht zurückgegeben haben, wenn Sie dies Anfang November dann endlich mal tun, weil Sie das klobige Ding in Ihrer Garage nun doch nervt.
Soweit, so schön für Sie.
Leider erstreckt sich des Nachbarn Schussligkeit auf alle seine Lebensbereiche und er lebt sie auch in seinem Job recht ungehemmt aus. Da er als Beamter in der Bußgeldstelle der Stadt arbeitet, hat das regelmäßig häßliche Folgen. Auch Sie hatten schon mal gehörigen Ärger mit Ihrer Ehefrau, weil auf dem Blitzer-Foto von der Hauptstrasse neben Ihnen klar erkennbar die neue Praktikantin saß, Ihre Frau Ihnen alles, aber nicht das glauben wollte. Angeblich wären Sie an diesem Abend ja auch mit zerknittertem Hemd und verrutschter Krawatte nach Hause gekommen, erinnern Sie sich? Als Sie damals Ihren Nachbarn zur Rede stellten, wollte der erstmal von Panne nichts wissen und auch der Chef der Bußgeldstelle wollte nicht erkennen können, daß da irgendwelche Regularien verletzt worden seien.
Ihre Frau beruhigte sich erst wieder, als ihr der Ordnungsbürgermeister der Stadt einen Blumenstrauß überreichte und Sie die Praktikantin (Gott sei dank war es an dem bewussten Abend ja wirklich NUR die Praktikantin gewesen...) und deren Freund, einen jungen Amateurboxer, zum Abendessen eingeladen hatten. Danach stellte Ihre Frau dann endlich auch den erhöhten Überwachungsdruck durch die alberne und teure regelmässige Positionsverfolgung Ihres Handy wieder ein.

Im Prinzip genau das gleiche ist jetzt bei der CIA passiert.  Die haben einfach wiedermal ihren Job nicht ordentlich gemacht. Okay, okay, wann in den 60 Jahren ihres Bestehens hat die CIA das jemals fehlerfrei getan, werden Sie fragen. Da wird’s beim Nachzählen schon mal eng. Sieht man mal von den Anschlägen auf’s World Trade Center ab, aber auch da auch nur dann, wenn man der Mär anhängt, dies wär auch die CIA gewesen.
Weil das aber jetzt so passiert ist, weil da in Langley oder wo auch immer, irgendein CIA-Trottel nicht eins und eins zusammenzählen konnte, wird die halbe Weltbevölkerung jetzt zu Zwangsröntgen und openPublic-Striptease verurteilt, zumindest, soweit sie künftig Flugreisen unternehmen will.
Auf den ersten Blick sieht das wie purer Populismus und politischer Aktivismus aus, denn die eigentlichen Pannen, mangelhafte Kommunikation der US-Sicherheitsbehörden mit sich selbst und Verbündeten, hatten mit dem Einsatz/Nichteinsatz von sogenannten „Nacktscannern“ nichts zu tun.
Auf den zweiten Blick wird es die Stasi 2.0 – Fans in Regierung und Behörden freuen, bietet es doch einen hochwillkommenen Anlaß, den Überwachungsstaat wieder ein Stück auszuweiten.
Ein Nachlassen des Überwachungsdrucks, wie damals bei Ihrer Frau, ist in diesem Falle leider leider nicht zu erwarten.
Wenn diese Scanner an den Flughäfen wirklich im großen Stil eingeführt werden, könnten voyeuristisch angehauchte Zeitgenossen durchaus noch auf die Idee kommen, das Bedienpersonal zu beneiden. Aber da ist wohl eher Mitleid angebracht. Schließlich tapsen da ja nicht nur Claudia Schiffer und George Clooney durch. Sondern spätestens beim nächsten „Malle-Trip“ auch mal Ihr Nachbar.

G. Westerby

 
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Kommentare
goch schrieb am 30.12.2009 um 18:53
Die Überwachung der unzuverlässigen Bevölkerung ist nur ein Aspekt der Nacktscanner. Die umfassende Kontrolle der Menschen ist ein weiterer Gesichtspunkt, der darüber hinaus geht.
Wie weit können wir die Freiheitsrechte einschränken, ohne das das Volk aufmuckt, ein anderer.
Wir bereiten die Bevölkerung auf die Aufgabe ihrer Freiheitsrechte zugunsten beliebiger Anlässe vor, ein weiterer.
goch schrieb am 30.12.2009 um 18:56
P.S. ein spitzenmäßiger Artikel.
merdeister schrieb am 01.01.2010 um 12:55
Ich reise aus Prinzip nur nackt.
G.Westerby schrieb am 03.01.2010 um 09:18
Seelig sind die, die da...
...denn ihrer ist das Himmelreich.
GW
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