G.Westerby

Eine Art Held

12.01.2010 | 19:50

In Memoriam

In Memoriam AOL.

“Üsch bünn drünn” stöhnte nahezu orgiastisch Boris Becker, lange vor allen Besenkammern, in den frühen 2000er Jahren aus der TV-Mattscheibe. (Wer's nochmal braucht - AOL-Boris, nicht die Besenkammer => youtube).
AOL meinte, damit die Deutschen für die damals noch bedeutendste Online-Community begeistern zu können.

Einst im Jahre 1988 angetreten als „America OnLine“ mit dem Ziel, (US-) Amerika online zu bringen, war in den 1990ern auch in Europa und in Deutschland AOL, hier übersetzt als „Alles OnLine“ für viele Internetnutzer der erste Weg ins worldwideweb, endete die erste E-Mail-Adresse auf „@aol.com“.
Irgendwie, irgendwann war wohl jeder mal bei AOL. Außer denen natürlich, die zu jung sind, sich zu erinnern und ihre erste E-Mail-Adresse wahrscheinlich nach 2001 von gmx & co. bezogen und außer denen, die es natürlich schon immer besser gewusst haben und/oder Nerds (Quelle: wikipedia) des MouseNet (Quelle: wikipedia) waren.

Mal ganz ehrlich, damals, am Anfang, da nervten doch auch die Einschränkungen noch nicht, weil man sie noch nicht als solche begriff. Spezielle Zugangssoftware musste auf dem Rechner laufen, bei Büro-Rechner UND Laptop und gleichen AOL-Zugängen hatte man es schon mit einem zwar lösbaren, aber mittelschweren Problem zu tun.
Die damals noch überschaubare, aber dennoch weite Welt des Internet, die Chatrooms von AOL, Buddy- und Adresslisten, schon die AOL-spezifischen Inhalte boten eine eigene neue Welt. Länderübergreifende Buddy-Beziehungen scheinen länger gehalten zu haben, als jemals gedacht und werden heute noch gepflegt, glaubt man aktuellen Presseartikeln.

Mit dem Aufkommen erster kostenfreier, weil werbefinanzierter E-Mail-Adressen begann in Deutschland das Ende von AOL. Immerhin waren für Software und Mitgliedschaft stolze Monatsraten zu entrichten. Die Höhe bewegte sich, der Erinnerung nach, in DM pro Monat in der Größenordnung, die heute in Euro für einen Internetaccount inklusive Internetadressen und Speicherplatz+Traffic für Web-Seiten, zuzüglich zahlloser E-Mail-Adressen, pro Jahr fällig wird.

Das war ein ernster Teil des Problems. Trotz Boris unermüdlichem Einsatz an der TV-Front entflohen in den späten 1990ern und früheren 2000er Jahren viele AOLer den auferlegten Kosten durch Hinwendung zu nun auch verfügbaren preiswerteren Internetzugängen und zu den kostenlosen Anbietern von E-Mail-Adressen. Deren Pionier in Deutschland war wohl gmx.de. Über Webbrowser eröffnete sich neben dem www auch die entstehende, werbefinanzierte und damit für die Nutzer kostenfreie Foren-Gemeinde zu tausendundeinem Thema.
Alles ohne spezielle Zugangssoftware.
In den späten 1990ern fanden in den deutschen Dependancen einer US-FastFoodkette regelmässig AOL-Treffen statt. Böse enttäuscht davon zurückkehrende AOLer, die sich noch lange über die dabei offensichtlich gewordene Offline-Lebensuntüchtigkeit ihrer „Buddys“ aus der AOL-Liste grämten, waren ein weiterer Teil des Problems.

AOL, dieser erste Weg ins weltweite Netz für viele, schwand dann irgendwie aus dem Bewusstsein.

Für viele längst ExAOLer kam daher auch die Nachricht überraschend, daß AOL im März 2007 in Deutschland das Internet-Zugangsgeschäft an Hansenet = ALICE verkauft hat.
Wow!
Gab es wirklich noch soviele AOLer in DLand, daß sich dieser Deal lohnen könne?
Offensichtlich doch und AOL’s sehr späte Abkehr von kostenpflichtigen Accounts, restriktiver Konzentration auf eigene Inhalte und Nutzerkontrolle durch Zugangssoftware war den Frühflüchtern natürlich zumeist verborgen geblieben.
Im übrigen, t-online, alice & co setzen auch heute noch auf das Konzept „Kontrolle durch eigene Zugangssoftware“, was sich zwar leicht und legal aushebeln lässt, aber wieviel Promille Benutzer hebeln und wieviel installieren einfach und füllen damit die Datenspeicher der Zugangsanbieter?

Bye bye AOL!
Per 11.01.2010 bestätigte AOL auf Medien-Nachfrage, daß im Rahmen einer Umstrukturierung des Konzerns nun alle Filialen in Deutschland geschlossen werden.

In memoriam AOL.
Besonders die frühen, schon lange ehemaligen AOL-Nutzer werden diesem ersten Weg ins weltweite Netz ein Angedenken bewahren, auch und gerade, wenn sie sich vielleicht schon früh aus AOLs damaligen Klammern gelöst haben.
AOL war eine frühe Ikone des Internets. Zu seiner Zeit. Die war bei Boris Werbegestöhn eigentlich schon vorbei.
Gehässige Kommentierungen über verschlafene Marktentwicklungen und verpasste Chancen, nachträgliche Kritiken und Besserwisserei, wie sie derzeit in deutschen Medien erscheinen, offenbaren neben dem Mangel an Erfahrung und Wissen nur einen peinlichen Mangel an Pietät (Quelle: wikipedia), angesichts des aktuellen „Todesfalls“.

Requiescat in pace AOL.

G. Westerby
(AOL-Kunde bis ca. 1999)

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.01.2010 um 20:13
Namenlos: AOL-Kunde seit der Testphase bis ca. 2000.

Mich stört der Abgang dieses Dienstes nicht wirklich. Für eine Zeit war es ok, ganz witzig, neu, von einem stationären Arbeitsplatz befreiend. Aber irgendwann war es eben vorbei.
Jörg Augsburg schrieb am 12.01.2010 um 20:17
Sorry, aber diesem Angedenken kann ich nicht zustimmen. Ich möchte wirklich niemandem zu nahe treten, aber AOL galt in Web-Developer-Kreisen von Anbeginn als die pure Pest, weil der gefürchtete AOL-Browser praktisch alles falsch interpretiert hat, was nach sonstigen Standards eigentlich hätte funktionieren müssen. Und wenn Webmaster ein Lied von DAU-Usern singen konnten, dann ging es in der absoluten Mehrheit der Fälle um Leute, die eine AOL-E-Mail-Aresse hatten. Deshalb: Kein Mitleid von mir. (Und ja, ich weiß, dass es ja gerade die Nicht-Experten waren, die dann logischerweise bei AOL gelandet sind. Bei denen entschuldige ich mich. Das entschuldigt den Konzern nicht.) Burn, AOL, burn!
G.Westerby schrieb am 13.01.2010 um 07:36
Na ja, es steht ja schon im Beitrag: "...die, die es natürlich schon immer besser gewusst haben und/oder Nerds... waren...."
GW
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 11:37
Eine E-Mail-Adresse mit der Endung @aol.de galt zudem nicht als sonderlich seriös.
DocSenilus schrieb am 13.01.2010 um 13:40
Ohne AOL hätten viele - speziell auch ältere Menschen (und damit oft auch DAUs, ja, sicher) - ihre Scheu vor dem Internet nicht abgelegt und somit ist AOL auch zu einem großen Teil der Verdienst nicht abzusprechen, den Internet-Boom gefördert zu haben.
Was die angeblichen Fachleute so angeht, die AOL wegen seiner proprietären Features immer schon ablehnten (was seit der Version 8.0 mit Möglichkeit der Router- und DFÜ-Nutzung und Einbettung des Windows-Browsers I.Explorer kein Argument mehr war), so bleibt hier nur zu sagen, dass diese die Eigenheiten anderer Programme (z. B. Adobe & Co.) gerne akzeptierten wohingegen sie bei AOL - oft mangels Einblick (trotz guter Hilfetexte im Web) - andere Maßstäbe ansetzten.
Ich kann für meinen Teil nur sagen, dass die im AOL Programm eingebettete E-Mailfunktion das Beste ist, was ich bisher genutzt habe. Nicht alles an einem Produkt ist schlecht, nicht alles ist gut.

Mitleid ist im Kapitalismus fehl am Platze. Ich hätte mir gewünscht, dass AOL seine treuen Kunden mit weiterer guter Qualität und nicht über die Preise halten kann. Doch die Geiz-ist-geil-Mentalität nimmt in unserer Gesellschaft überhand.

Daher Goodbye AOL - hello AOL Webmail!

AOL Mailadressen können von allen Kunden - auch den Ex-Kunden weiter genutzt werden - GRATIS! Auch das ein gutes Feature!
gweberbv schrieb am 12.01.2010 um 20:46
AOL - das war doch mal was!? Das erste und einzige OnlineSpiel, nach dem ich jemals süchtig wurde, war damals exklusiv über AOL zugänglich. Und weil die Einwahl öfter mal nicht klappte, musste ich nebenher noch einen T-Online Account anschaffen, um mich dann da einzuwählen und dann AOL zu starten. Meine Güte, das waren Zeiten. Vor 2000 war das Internet irgendwie noch ein Abenteuer. Und so teuer, dass einem Hören und Sehen verging. Schön wars...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.01.2010 um 20:58
Ein wirklich schöner und informativer Rückblick. Ich war zwar nie dabei (epost/gmx/web), habe aber immer noch in meinem Adressbuch ein paar aol.com-boxen. Mal sehn ...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 11:39
Ich war mal bei epost, weil ich aus privaten Gründen solidarisch sein musste und eine lebenslange eMail-Adresse wollte. Leider gestand die Post ihren Kunden kein allzu langes Leben zu.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 16:24
So wars.
Tiefendenker schrieb am 12.01.2010 um 21:20
Mein "Mitleid" bezüglich des Ablebens von AOL hält sich ebenfalls in Grenzen. »grins«

Ich finde an dieser Meldung aber noch etwas ganz anderes bemerkenswert. In den 90ern kann ich mich erinnern hieß es, wer bei Gründung von AOL 10.000 Dollar in AOL-Aktien investiert hätte, sei inzwischen Millionär. Das wurde einem quasi wie Honig auf`s leckere Marktwirtschaftswunderbrot geschmiert, um zu belegen, wie toll der Kapitalismus doch sei. Inzwischen ist ein Riese wie AOl - ein Vorreiter der modernen Elektronikcyberwelt und dessen Rationalisierungseffekte in Wirtschaft und Gesellschaft - nun selbst Opfer dieser Rationalisierungslogik geworden.

Jaja, so kann sich der "Wert" dessen, was ein einstiges Vorzeigeunternehmen darstellte, relativieren...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.01.2010 um 11:36
Was ich nicht nachvollziehen kann, ist die Schadenfreude über den Zusammenbruch eines Unternehmens und damit über den Arbeitsplatzverlust von Menschen, die mit ihren kleinen Jobs sicher keine Millionäre wurden.
Abu Sharif schrieb am 13.01.2010 um 13:05
AOL war ein Spätkommer; vorher schon endeten die Adressen auf @compuserve.com, und wirklich abenteuerlich war - noch früher! - das Einwählen über Telefon von Deutschland aus als user bei @greennet.org in London. Da kamen Telefon-Rechnungen zusammen! @gruenton.org in Saarlouis, so ab 1990, war dann schon günstiger.
THX1138 schrieb am 13.01.2010 um 20:59
Im Jahre Zweitausend wurde die Fusion AOL Time Warner noch als der Börsenstar schlechthin gehandelt!

Und als das Medienunternehmen der Zukunft.

Es kam ganz anders.
Tiefendenker schrieb am 14.01.2010 um 13:18
@ Namenlos

Zu den Stichworten "Schadenfreude" und "Arbeitsplatzverlust"

Natürlich können einem zunächst mal alle Mitarbeiter, ja sogar die Chefs von AOL selbst, leid tun, weil sie so ihre Lebensgrundlage verlieren. Die haben ja sicher ne ordentliche Arbeit geleistet und ihr Bestmöglichstes gegeben. Daran hab ich keinerlei Zweifel. Das ist die betriebswirtschaftliche Ebene und gilt dann, wenn man die handelnden Subjekte allein als Opfer ihrer Umstände betrachtet, was sie ja auch tatsächlich sind - aber eben nicht nur.

Auf einer anderen, nämlich der gesellschaftlichen Ebene, müssen die Reproduktionsbedingungen (in unserem Fall die speziell kapitalistischen Gegebenheiten) tagtäglich auch neu reproduziert werden. Das tun ebenfalls die handelnden Subjekte. Nur wer in dieser Maschinerie mitspielt (s. auch Nokia, Opel, Karstadt, Quelle usw.) und das für richtig hält, solange er daran mitverdient, dann jedoch (mit Hilfe der Gewerkschaften und sogar Politiker wie Rüttgers, Koch etc.) den Reigen der Jammerlieder anstimmt (s. die gleichen Firmennamen), sobald er dieser Systemlogik selbst zum Opfer fällt, der zeigt damit nur, wie unreflektiert und unkritisch er sein eigenes Dasein und Handeln betrachtet.

Ich würde WENIGSTENS erwarten, dass diese Leute bewusstseinsmäßig aufwachen, das Scheitern eines Unternehmens nicht (nur) als das persönliche Versagen einzelner Personen (z.B. Chefs, Manager) betrachten, sondern vielmehr als Versagen der ganzen Systemlogik selbst zu erkennen und anstatt es auch noch ideologisch zu rechtfertigen endlich zur Disposition zu stellen - also ernsthaft nach Alternativen zu fragen! Liest man jedoch die Schilder der Gewerkschaftsdemonstranten ist davon leider Nullkommagarnichts zu lesen. Ganz im Gegenteil. Das Dogma der Arbeit wird hoch gehalten. Man gibt sich so borniert zu fordern, weiter für die Kapitalmaschinerie arbeiten zu dürfen, anstatt das anzuprangern und mit vereinten Kräften zu überwinden.

Solange es auf dieser Ebene keinen Fortschritt gibt, hält sich deshalb auch mein Mitleid in Grenzen, weil die Menschen Täter und Opfer ihrer eigenen Ohnmacht zugleich sind.
G.Westerby
„Die Täuschung der Öffentlichkeit durch Politik und Medien hat einen Grad erreicht, den ich für höchst gefährlich halte.“ ______________________________________________________________________
Mitglied seit:
3 Jahre 12 Wochen
Zuletzt aktiv:
17.07.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 130
Kommentare: 84
Mein Web:
Logbuch
04:26
JR's China Blog hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:10
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:59
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:33
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:29
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG