G.Westerby

Eine Art Held

26.11.2009 | 08:34

Inhalte Inhalte Inhalte!

Zur allfälligen Diskussion über die Zukunft der Medien bietet JA im offline-Freitag von dieser Woche, neben Artikeln, die auch online erschienen sind, eine Übersicht über verschiedene Modelle der Bezahlung für Journalismus im Internet. Die haben alle ihr gutes und auch alle ihre Pferdefüßchen.
Sie sind, wie alles was da derzeit diskutiert und auch ausprobiert wird, zu kurz gedacht, da sie von bestehende Strukturen und Denkmodellen ausgehen. Daher funktionieren sie alle auch nur ein bißchen und ein bißchen nicht, so, wie eine Übertragung bisheriger Medienmodelle in die crossmediale und offene Welt des Internets eben auch nur ein bißchen und ein bißchen nicht funktioniert.
Es bleibt abzuwarten, was bei Rupert Murdoch’s Versuch mit einem Bezahlmodell herauskommt, viel Hoffnung sollte er sich aber wohl eher nicht machen. Schließlich hat so etwas ähnliches der SPIEGEL schon mal durchexerziert. Bis Anfang der 2000er Jahre konnte man in dessen Archiv kostenfrei recherchieren, soweit dieses damals digitalisiert war. Dann sollten Beiträge aus dem Archiv plötzlich etwas kosten. Und dann machte man mit SPIEGEL-Wissen einen großen Schritt in die andere Richtung und verknüpfte mit dem Archiv des Nachrichtenmagazins weitere Quellen, wie z. B. Wikipedia und das wieder kostenfrei.

Es ist halt ein Lernprozess, in dem sich aber eine fundamentale These noch nicht durchgesetzt zu haben scheint.
Dauerhaft erfolgreich kann nur ein neues ganzheitliches Konzept mit neuen Strukturen und auch neuen Wegen der Wertschöpfung sein, eine nur angepasste Übertragung alter medialer Konzepte, wie z. B. eben die Abbildung der Zeitung auf ihrer Internetseite ist da nicht ausreichend. Das Konzept des FREITAG ist da ein hochinteressanter Schritt, aber eben ein Schritt auf einem Weg, an dessen Anfang wir stehen.

Das Erfolgsmodell Zeitung bestand einst darin, dem Leser Neuigkeiten zu präsentieren, ihn dafür einen kleinen Obulus zahlen zu lassen und ihm dabei noch Werbung unterzujubeln. Und im Prinzip ist war dies, mit oder ohne Obulus des Konsumenten, das grundsätzliche Geschäftsmodell aller Medienanbieter, die wirtschaftliche Interessen verfolgen.
Genau diesen Mechanismus versucht man nun ins Internet zu übertragen und das scheitert daran, daß die gleiche Informationen halt an anderer Stelle kostenlos zu erlangen sind und daran, daß die Einnahmen aus Werbung marginal sind, gegenüber den geschätzt 50.000,- EUR für eine ganzseitige Anzeige in der FAZ.

Dabei von einer reinen Umsonstkultur zu sprechen, greift zu kurz. Auch der Internetnutzer ist bereit, für Dinge zu bezahlen, die er haben möchte, allerdings i.d. R. dann nicht, wenn es die nebenan kostenlos gibt.
Die große Bezahlallianz aller Medienanbieter wird sich nicht herstellen lassen. Selbst wenn dies gelänge, genügte ein einziger Abonnent, der die per Abo bezogenen Inhalte anschließend kostenfrei im Netz veröffentlicht und sich mit derWerbung auf seiner dann besucherstarken Seite refinanziert.

Der interessante Punkt ist, kostenwürdige Inhalte anzubieten. Erst dann kann über Bezahlsysteme nachgedacht werden.
Das gilt sowohl on- als auch offline und geschieht in beiden Bereichen eben nur unzureichend.

Aus Gründen der Aktualität.
Eine Tageszeitung, die aus einem Mantel mit überregionalen und internationalen Nachrichten und einem Lokalteil besteht, ist bei Drucklegung in großen Teilen schon veraltet und findet daher nur noch diejenigen als Käufer, die die neuesten Meldungen, aus welchen Gründen auch immer, nicht beim Frühstück über google-news und vielleicht gar auf der Webseite eben dieser Zeitung, gelesen haben.

Aus Gründen der Uniformität.
Die Meldungen des Mantelteiles der Tageszeitung von morgen stehen heute, oftmals nahezu textgleich, auf den Webseiten der Medien. Journalismus, der nur das Ab- und Umschreiben von Agenturmeldungen beinhaltet, ist jedoch keiner.
Zu einer nahezu deckungsgleichen Aussage kommt eine Studie, die Streifzug in seinem Beitrag „Studie zum Journalismus“ hier eingeführt hat.
 
Prof. Geribert Jakob und das Autorenteam der Forschungsgruppe Medien kommen unter dem Titel „Begrenzter Journalismus“ aber noch zu anderen interessanten Erkenntnissen.
Eines davon ist, obwohl die Auflagen der Printmedien schrumpfen, sind Wochenzeitungen davon eher nicht betroffen. Ob’s stimmt, wird uns vielleicht JA sagen können. Vorstellbar scheint es. Im Gegensatz zur Tageszeitung, die auf die neuesten Neuigkeiten setzt und dabei vom Internet regelmässig überholt wird, beinhalten Wochenzeitungen ja in aller Regel längere Berichte, mehr oder minder umfassend recherchiert und Abhandlungen, die nicht ausschließlich einem Aktualitätsdruck unterliegen.

Eine weitere ist, daß im Zuge von echten oder eingebildeten Sparzwängen in allen Medien Maßnahmen ergriffen werden, die nachhaltig die Qualität beschädigen. Das beinhaltet sowohl das oben angesprochene Abtippen von Agenturmeldungen als auch im besonderen Maße die Verlagerung von sachfremden Arbeiten auf das journalistische Personal. Diese sinkende Qualität ist auch in der Freitags-Community oftmals thematisiert worden. So entstehen aber natürlich keine kostenwürdigen Inhalte.

Es gibt einen Punkt, in dem die regionale Tageszeitung auch dem Internet überlegen ist. Eine regionale Berichterstattung können weder die großen überregionalen Medien noch das Internet wirklich leisten. Dies hat die ZEIT kürzlich erkannt und bietet nun Sonderseiten über Sachsen an, um ihre zu geringe Leserschar im Osten Deutschlands  zu vergrößern. Die FAZ will das gleiche Problem damit lösen, daß sie dem Freistaat Sachsen als einzigem neuen Bundesland einen eigenen Korrespondenten spendiert. Und JA ruft schon mal nach Regionalbloggern, reagiert dann aber nicht auf den einsetzenden "Ansturm von Angeboten".

Es gibt einen Punkt, in dem Printperiodika dem Internet überlegen sind, nämlich genau das, was vorstehend als Gründe für die offensichtlich ungebrochene Attraktivität von Wochenzeitungen anzunehmen ist.

Es kommt auf die richtige Kombination von Qualitätsinhalten mit den crossmedialen Strukturen an. Die Agenturmeldung über den Sack Reis in Indien als Beispiel, sollte es nur dann in den Printbereich schaffen, wenn dazu eine Hintergrundanalyse zu Säcken und Reis geliefert werden soll und kann. Diese dürfte dann im Internet wohl auch etwas kosten.

Diese Kombination ist vom Einzelmedium nur begrenzt zu leisten. Print und Internet ist in den derzeitigen Strukturen verzahnbar, TV/Radio und Internet ebenso. Wirkliche Kooperationen von TV/Radio mit Print sind ein logischer Schritt und der wird auch schon angegangen, aber noch nicht konsequent. Ich lese, was ich in den TV-Nachrichten sehe und im Internet wiederfinde, oftmals wortgleich. Das ist nicht kostenwürdig. Die wirklich mediengerechte Umsetzung der Information ist ein weiterer Schritt. Oder eben der Verzicht. Wenn sich der Sack Reis schlecht bebildern lässt, dann steht die Nachricht darüber eben nur im Internet. Die Hintergrundanalyse zu Säcken und Reis kann indeß durchaus ihr TV-Pendant haben, welches nach Erstveröffentlichung weiter im Internet zu sehen ist, ggf auch kostenpflichtig.

Ein weiterer Punkt neben der Schaffung kostenwürdiger Qualitätsinhalte samt mediengerechter Präsentation ist eine sinnvolle Erweiterung von Geschäftsfeldern, die sich jedoch mit Sicherheit nicht darin erschöpfen darf, über die Webseite der Zeitung Computerspiele verkaufen zu wollen. Sinnvolle Komplementärangebote sind jedoch zukünftig zur Erlöserzielung unverzichtbar. Die Buch- und Video-Editionen von Zeitungen sind da ein erster Schritt, zu dem auch die Beilage eines Englischkurses auf CD in der FAS (Dez. 2008) gehörte. Ein FREITAG’s-TShirt mit JA’s Konterfei scheint also einen Versuch wert.

Ein Restpotential an offline-Zeitungslesern wird genauso bleiben, wie es weiterhin Plattenspieler und Vinylplatten gibt. Die Zeitungen, die diese in zehn Jahren in den Händen halten, sollten aber bitte nicht mehr so aussehen, wie heute.

G. Westerby

PS: Marie und Paul 1908 - wer kann Hinweise geben?

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.11.2009 um 10:13
Das Abtippen von Meldungen die von 2-3 Agenturen geliefert werden ist genau die Ursache der Gleichförmigkeit, eben auch das Anzeichen ihrer starken Dominanz bei der Bereitstellung der Informationen zumindest im Printbereich. Das hat wohl dazu geführt das nur noch Online Nachrichten lesen einfacher und bequemer ist. Weil zu Beginn die Agenturen über Yahoo und Google selbst ihre Berichte kostenlos geschaltet haben mussten Tageszeitungen nachziehen. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Genau davon können Wochenzeitungen profitieren indem sie wirklich gute Inhalte produzieren bei denen Themen wirklich "In-debt" veröffentlicht werden.
Streifzug schrieb am 26.11.2009 um 16:28
"Ein FREITAG’s-TShirt mit JA’s Konterfei" kann die Lösung sein. Momentan werden hauchdünne Folien entwickelt, welche als Datenträger fungieren. Dort kann der jeweils aktuelle Freitag drahtlos eingespielt werden. Der Trager selber bekommt die Informationen in eine zugehörige Datenbrille gespiegelt, während Passanten die Nachrichten direkt auf der Freitag-TShirt-Folie lesen können. Ein must have.
G.Westerby
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