1
]
Im Februar diesen Jahres präsentierte das ZDF eine Sensation. Gemeinsam mit der New York Times hatte man die Spur eines der letzten gesuchten Kriegsverbrecher, des KZ-Arztes Aribert Heim verfolgt, auf die man durch einen wohl anonymen Hinweis gestoßen war. Diesen Recherchen zufolge lebte Heim nach seiner Flucht aus Deutschland in Kairo und soll dort am 10. August 1992 verstorben sein. Sein Sohn habe ihn im letzten Lebensabschnitt dort gepflegt, bestätigte dieser in einem Interview mit dem ZDF. Heim soll in Ägypten zum Islam konvertiert sein und seinen Namen in Tarek Farid Hussein geändert haben. Und über das Ableben dieses Tarek Farid Hussein gibt es eine angeblich beglaubigte Abschrift einer Sterbeurkunde.
Aber nicht nur das. Im Ergebnis ihrer Recherchen entdeckten die Reporter in Kairo eine verstaubte Aktentasche mit persönlichen Unterlagen Heims, die von einem ehemaligen Nachbarn aufbewahrt worden sein soll. Die enthaltenen Unterlagen, die vom deutschen Bundeskriminalamt (BKA) auf Echtheit geprüft werden, belegen, soweit die ZDF-Doku, daß Heim tatsächlich seit seiner Flucht in Ägypten gelebt habe.
Die Suche endete auf einem Kairoer Armenfriedhof, auf dem Heim bestattet worden sein soll, weil im Islam die von ihm gewünschte Spende seines Leichnams zu Forschungszwecken nicht statthaft sei. Die Grabkammern dieses Friedhofes würden jedoch nach kurzer Liegezeit neu vergeben, es sei daher nicht anzunehmen, daß man 17 Jahre später noch DNA-Material fände.
Soweit die ZDF-Dokumentation dazu.
Irgendwann nach der ZDF-Sendung verschwand Heim auch aus der Rubrik "meistgesucht“ auf der Internetseite des BKA.
In Österreich scheint man dieser Geschichte indeß nicht ganz Glauben zu schenken, das Bundeskriminalamt unseres Nachbarlandes fandet auf seiner Webseite weiterhin nach dem 1914 in Österreich geborenen Heim und bemängelt, daß amtliche Bestätigungen über eine Namensänderung Heims oder dessen Konvertierung zum Islam offenbar bisher nicht vorliegen. Auch die Grabstätte Farids sei von den ägyptischen Behörden nicht festgestellt worden.
Auch das Simon Wiesenthal Center sieht den Fall nicht ganz so unkritisch.
Im Landeskriminalamt Baden-Würtemberg ist man wohl auch nicht ganz überzeugt. Man fahndet zwar im Internet nicht mehr nach Heim, aber Verlautbarungen des LKA führten das ZDF dazu, sich in einem Kommentar vom 04.05.09 mit dem Titel „Seltsame Behauptungen zum Fall des KZ-Arztes Aribert Heim“ darüber zu mokieren, daß man von Ermittlerseite das vorgelegte Material nicht ganz so euphorisch betrachtet und dieses überprüft. Besonders eifrig ist man dabei allerdings von Behördenseite wohl auch nicht, wie das heute-journal vom 3. 07.09 in einem Bericht belegt.
Es bleiben auch wirklich einige Fragen offen.
Wieso zum Beispiel lässt der Sohn, der seinen Vater bis zum letzten Moment gepflegt haben will, eine Aktentasche voller persönlicher Dokumente Heims nach dessen Tod in Kairo?
Wieso hat der zum Islam konvertierte Heim nicht gewusst, daß er als Moslem seinen Körper nicht der Wissenschaft spendieren darf?
Und selbst wenn es so war, wieso landet der Leichnam des nicht unvermögenden Heim in einem Armengrab, das einige Jahre später keine Spurensuche mehr zulässt?
Und wieso bekommt das ZDF und die NYT ausgerechnet 17 Jahre nach Heims angeblichen Tod einen anonymen Hinweis?
Und wieso steht auf einmal der Sohn Heims für ein Interview zur Verfügung?
Könnte es sein, daß Heim noch lebt? Ausgeschlossen scheint das nicht, er wäre jetzt 95 Jahre alt.
Könnte es sein, daß vielleicht die 2001 gestartete „Operation: Last Chance“ des Simon Wiesenthal Centers, mit der man eine letzte große Anstrengung unternommen hat, gesuchten NS-Verbrechern habhaft zu werden, bevor diese sterben, dem da vielleicht noch in Kairo lebenden Heim irgendwann zu nahe kam?
Und man sich auf im Kreise seiner Unterstützer sagte, der sicherste Schutz vor weiteren Nachstellungen sei die Bekanntgabe seines Todes?
Zumal, auch nach 1992 gab es immer wieder angebliche Sichtungen Heims, vorwiegend aus Südamerika. Seine Tochter Waltraud lebt seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in Chile.
Könnte es sein, daß ZDF und NYT hier ihre ganz eigene Version der „Hitlertagebücher“ aufgetischt bekommen haben?
Aus den Medien ist der Fall derzeit verschwunden.
G. Westerby
UPDATE 02.11.09: Zumindest der letzte Satz stimmt so nicht mehr, die ZEIT hat inzwischen ein Interview mit Heims Anwalt veröffentlicht. Dieser geht zumindest bis zu eindeutigen Angaben über den Tod Heims davon aus, daß dieser am Leben sei.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen