G.Westerby

Eine Art Held

23.06.2010 | 10:47

Meilensteine in Afghanistan

Mit der am 15. Juni 2009 von der Obama-Administration betriebenen Ablösung von General David McKiernan durch Stanley McChrystal als US- und NATO-Kommandeur in Afghanistan war ein historischer Meilenstein erreicht.

Foto: U.S. Navy Petty Officer 1st Class Mark O’Donald/NATO

Mit diesem Postenwechsel erfolgte erst zum zweiten Mal in der Geschichte der USA der Rauswurf eines kommandierenden Generals mitten im Krieg. Zuvor war das nur General MacArthur im Koreakrieg passiert,

Quelle: englische wikipedia

als dieser gegen in den Krieg eingreifende chinesische Truppen Atomwaffen einsetzen wollte.

Im Juni des Jahres 2010 hat der aktuelle Afghanistankrieg einen neuen Meilenstein der Geschichte erreicht. Er ist, noch vor dem achtjährigen Krieg zwischen Vietnam und den USA von 1965 bis 1973, mit seit 2001 nun neun Jahren der längste Krieg, den die USA jemals führten. Die sich wandelnden Zielsetzungen, aber auch die Ergebnisse beider Auseinandersetzungen ähneln sich stark, auch wenn man das und die eben gegen Null gehenden Erfolgsaussichten in Washington und eben auch in Berlin immer noch nicht sehen will.
Unterdessen scheint sich im aktuellen Afghanistankrieg ein weiterer Meilenstein anzubahnen. Robert Hastings hat den aktuellen US- und NATO-Kommandeur in Afghanistan für einen Monat begleitet und gestern einen Artikel im Rolling Stone veröffentlicht: „The Runaway General“.
Mehr als eine Merkwürdigkeit finden darin Erwähnung. So kannte Präsident Obama den Mann, den er zum Oberkommandieren in Afghanistan machte, kaum bis garnicht. Ein vom Weißen Haus sorgsam fotografisch dokumentiertes Meeting im Oval Office sei nicht viel mehr als eine „photo opportunity“ gewesen. Da hatte McChrystal den Afghanistan-Job schon. Offensichtlich folgt der General dem Clausewitzschen Denkansatz von „Krieg oder nicht Krieg“, entschied sich berufsbedingt für Krieg und verlangte als nächstes 40.000 Soldaten mehr, sonst sei der Erfolg der Afghanistan-Mission gefährdet.
Damit wurde es unangenehm für den im gerade vergangenen Wahlkampf sich als linksliberaler, webfaszinierter Softie gebenden Obama. Als nach drei Monaten klar war, daß Aussitzen nix bringen würde, hielt er eine markige Rede in West Point.
Und bewilligte 30.000 Soldaten mehr für Afghanistan.
Nicht 40.000. Er ist schließlich der Präsident. Unter Asiaten nennt sich so etwas „Gesicht wahren“.
Etwas, was zum Beispiel, dieser Schlenker sei gestattet, der nordkoreanischen Fußball-Nationalmannschaft nicht gestattet wurde. Ein 2:0 hätte auch ausgereicht und Bestand gehabt. Westliche Ignoranz anderer Kulturen hat da – und schaut man sich den Herkunftsstaat an – extreme Probleme geschaffen. Völlig unnötig, weil, wie gesagt, ein 2:0 hätte auch genügt. Aber wie Obama mit seiner Zusage von dreissigtausend bei geforderten vierzigtausend auch unter westlichen Bedingungen sein Gesicht zu wahren müssen meinte, muß nun der aktuell oberste nordkoreanische Klim Bim auf diesen Gesichtsverlust eines 0:7 reagieren. Im Westen wird man es wohl nur gerüchteweise oder garnicht erfahren.
Zurück zum Thema.
McChrystal, der laut Laufbahn vor seiner Ernennung für Afghanistan für geheimste „black ops“, schwarze Operationen zuständig war, hatte offensichtlich auch da noch nicht verstanden. So wie er seinen Stab aus, wie es Hastings nennt, handverlesenen Killern, Spionen, Genialitäten, Patrioten, Politikern und kompletten Fanatikern zusammenstellten durfte, die ihm aus vorherigen Verwendungen vertraut waren, wundert das nicht.
McChrystal ging letztes Jahr nach Afghanistan, um da Krieg zu führen. Krieg. Nach Clausewitz. Ein bißchen schwanger geht nicht. Ein bißchen Krieg auch nicht.
Für Obama und die politische Entourage in Washington ist das offensichtlich zuviel und zu ernst.
Zumal, glaubt man Hastings, der derzeitige US-Botschafter in Kabul ein pensionierter US-General und früherer Vorgesetzter von McChrystal ist, der sich mit dem ihm nun vorgesetzten Feldherrn McChrystal aber auch garnicht abfinden mag.

Diese Vorgeschichte und einige aus politischer Sicht mal vorsichtig als unsensibel zu bezeichnende Äußerungen McCrystals zu seinem Job und der Szenerie in Washington, die Hastings in seiner Reportage wiedergibt, scheinen über kurz oder lang zum nächsten Meilenstein des aktuellen Afghanistankrieges zu führen.
Noch bevor dieser  in 2012 den sowjetischen Versuch als längsten Afghanistan-Krieg der neueren Geschichte ablösen wird.
Es steht zu erwarten, daß McChrystal als dritter kommandierender US-General in der Geschichte der Vereinigten Staaaten von Amerika nach MacArthur und seinem direktem Vorgänger McKiernan in mitten eines Krieges abgelöst wird.
Früher konnte man auf eine „Lösung“ à la General Custer hoffen. Heute eher nicht mehr.
Custer’s 7. Kavallerieregiment war der historische Vorgänger des 7. US- Kavallerieregiments, das 1965 als Einheit  der 1. US-Kavalleriedivision zuerst auf nordvietnamesische Soldaten stieß.
Teile der 1. US-Kavalleriedivision stehen heute in Afghanistan.
Teile der Bundeswehr auch.
Nun passt das offensichtliche Schwanken zwischen heimatlicher „Umgangssprachlich-Krieg“-Doktrin und der üblichen Lavirerei politischer Gummibärchen wie Niebel, Westerwelle, Merkel und eben Obama gut zusammen mit dem empörten Aufplustern über McChrystals Spott über eben diese. Das Aufplustern überträgt der SPIEGEL willfährig ins Deutsche. Aber eben nur das.
Neben all dem Politgepluster wird nur zu gern unterschlagen, daß McChrystal die Lage in Afghanistan als kritisch betrachtet, es werde nie etwas geben, was wie ein Sieg aussehe, wie einer seiner Berater gegenüber Hastings formulierte.
Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muß man allerdings kein US-General in Afghanistan sein, dafür reicht ein Blick in die jüngere Geschichte.
Ob politisches Hickhack und offensichtliche Aussichtlosigkeit des Einsatzes Grund genug dafür sind, daß am Hindukusch weiter deutsche Soldaten sterben, darf bezweifelt werden.

G. Westerby

 
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