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Für einen Samstag im April ist diese Nacht einfach zu kalt. Wind peitscht Regen durch die Straße, als Steffen (32, Name vom Autor geändert) um kurz nach 23 Uhr aus der Haustür tritt. Seine Altergenossen sitzen jetzt zuhause mit ihrer Familie vor dem Fernseher oder toben durch die Diskotheken der Stadt.
Steffen aber muß jetzt zur Arbeit. Er duckt sich unter dem Regen und läuft zur Haltestelle der Straßenbahn. Etwas mehr als eine halbe Stunde wird seine Fahrt dauern. Die Bahn kommt. 
Im hinteren Teil tobt eine grölende Gruppe angetrunkener Jugendliche. Die wenigen anderen Passagiere halten Abstand. Nach der Hälfte von Steffens Fahrt kehrt Ruhe ein. An der Zentralhaltestelle stürmt die Gruppe aus der Bahn, wohl um sich ins Nachtleben der Innenstadt zu stürzen. Als nächstes durchquert die Straßenbahn ein Stadtviertel, welches von den Menschen in der Stadt auch als „Little Istanbul“ bezeichnet wird. Mißtrauisch beäugt man sich unter den Fahrgästen. Steffen fühlt sich unwohl. Mißmutig wendet er sein Gesicht zum Fenster. Die Straßenbahn leert sich mit jedem Halt mehr, die Endstelle liegt in einem Vorort. Kurz vor der Stadtgrenze verlässt auch Steffen die Bahn.
Der Regen hat aufgehört, aber der Wind ist noch da und bläst Kälte durch die Nacht. Steffen stapft jetzt über ein spärlich erleuchtetes Werksgelände, auf dem ganz hinten in einer Ecke neben einer Halle Lieferwagen geparkt sind. Aus einem Versteck am Auto fischt Steffen den Schlüssel und steigt in den Transporter. Nach mehreren Fehlversuchen startet der Dieselmotor schließlich und Steffen rollt mit dem Transporter auf die Ausfahrt zu. Es ist kurz nach null Uhr am Sonntagmorgen.
Nach einer halben Stunde Fahrt erreicht Steffen ein Gewerbegebiet am Rande eines kleinen Ortes im Umland der Stadt. Zwischen dunklen Produktionshallen und Bürogebäuden sticht ein hellerleuchtetes Gelände ins Auge. Die Einfahrt ist weit offen und vor den Rolltoren des Gebäudes parken bereits zwei andere Transporter und ein roter Kleinwagen. Steffen fährt den Transporter neben die anderen beiden und stellt den Motor ab.
Er geht auf den Personeneingang des Gebäudes zu und betritt die Halle. Macht eine grüßende Handbewegung zu dem Nachtschichtleiter, der hinter der Glasscheibe seines Kabuffs verharrt. Steffen öffnet ein weiteres Rolltor zum inneren Bereich der Halle und ruft einen kurzen Gruss, der von zwei Stimmen beantwortet wird. Deren Besitzer bleiben hinter langen Holzkonstruktionen verborgen. Steffen wählt seinen Stapel Lieferscheine aus und geht an seinen Platz in der Halle. Er schaltet die Bündelmaschine ein, damit die warmlaufen kann. Dann legt er seine Jacke ab. Auf der langen Holzbank sortiert er die Lieferscheine, auf denen die Namen und Anschriften von Tankstellen, Bäckerein, Hotels, Kiosken und kleinen Läden stehen, die am Sonntag öffnen. Dann holt er sich einen Rollwagen und fährt ihn zu einem mitten im Raum stehenden Palettenstapel. Darauf Zeitungsbündel. 
Die FAS, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Zwanzigstückweise in Plastikfolie gehüllt, zusammengehalten von weißen Kunststoffbändern. Steffen lädt sich seine Bündel auf den Rollwagen. Flucht leise, als er weitere FAS-Bündel beiseite legen muss, um an die darunter liegenden Bündel der Sonntagsausgabe des Berliner Tagesspiegel zu kommen. Er transportiert die Bündel zu seinem Platz, legt sie auf die Holzbank und schneidet sie auf. Sortiert nun nacheinander zuerst die größere und schwerere FAS, dann den Tagesspiegel zu den Lieferscheinen, gemäß der darauf vermerkten Anzahl. Die Arbeit geht ihm schnell von der Hand, man sieht, er macht das schon länger. Fünf Jahre, um genau zu sein. Seit fünf Jahren fast jeden Samstag. Seine Freundin damals, am Anfang fand sie es schick, immer mal mit durch die Nacht zu fahren. Dann nervig. Eines Tages war sie weg. Ihre Nachfolgerinnen, so wenige es waren, fanden es viel schneller nervig.
Es ist zwanzig nach eins, als Steffen mit seinen Zeitungen fertig ist, seine Jacke nimmt und zum Ausgang geht. Nach ihm haben noch einige Männer die Halle betreten und nach kurzem Gruß ebenso schweigsam angefangen, Zeitungen zu sortieren. Sieben Transporter zählt Steffen neben dem roten Kleinwagen des Schichtleiters, als er sich vor der Halle eine Zigarette anzündet. 
Jetzt beginnt das Warten. Der Schichtleiter ruft drinnen was von „halb zwei“. Damit ist die Abfahrtszeit des dritten Printproduktes, das mit auf diese nächtliche Reise gehen soll, gemeint.
Die Redaktion der in der hundert Kilometer entfernten Landeshauptstadt erscheinenden Morgenpost ist immer bestrebt, auch die letzte klitzekleine Neuigkeit mit ins Boulevardblatt zu pressen und dehnt dabei den Redaktionsschluss, soweit es nur irgend geht. Steffen blickt auf seine Uhr. Kurz nach halb zwei. Die MoPo braucht eine Stunde, ist also halb drei da. Mit Auslegen und Bündeln wird es kurz vor drei Uhr werden, bevor Steffen seine Auslieferungstour starten kann.
Wenn er ein Auto hätte, könnte er später zuhause losfahren, wäre nicht auf diese letzte Straßenbahn des Tages angewiesen. Aber Steffen hat kein Auto. Er könnte sich auch die Unterhaltung nicht leisten. Schon garnicht bei Spritpreisen von einsvierzig pro Liter. Nacheinander kommen die anderen Fahrer vor die Halle. Man raucht und redet. Die Zeit will nicht vergehen. In versperrten Gitterboxen im Vorraum der Halle lagern Zeitschriften der etwas anderen Art. Deren Cover rufen zotige Witze bei den Männern hervor.
Dann fegt ein Kombi durch die Einfahrt. Kennzeichen aus der Landeshauptstadt. Die Mopo ist da. Der Schichtleiter quittiert die Lieferung, während die Männer eilig die lose im Wagen liegenden Zeitungsbündel auf eine Palette stapeln. Ein Gabelstapler bringt die Palette in die Halle und ebenso eilig wie eben, reissen die Männer die Bündel wieder herunter, tragen sie zu ihren Arbeitsplätzen. Die MoPo hat keine vornehme Plastikhülle. Zwei gekreuzte Packbänder und eine Unterlage aus braunem Packpapier unter jedem Bündel. Steffen sortiert MoPos zu seinen Lieferscheinen. Nur schnell jetzt! Das Rattern der Bündelmaschinen beginnt, mit denen die fertig konfektionierten Stapel mit Plastikstreifen zusammengebunden werden. Dann landen sie mit Schwung auf den Rollwagen. Ein Kollege ist bereits fertig, schiebt seinen Wagen aus der Halle. Wenige Kunden hat er auf seiner Tour, aber eine Strecke von zweihundertfünfzig Kilometern durch das Umland zu fahren, um auch dem letzten Getränkeshop im kleinsten "Hinterkleinbutzendorf", der am Sonntag öffnet, seine drei MoPos und je eine FAS und einen Tagesspiegel zu bringen.
Steffen hat es geschafft. Er rollt jetzt seinen Wagen mit den Zeitungsbündeln aus der Halle und verlädt sie in den Transporter. Vor und auf dem Beifahrersitz fast bis zur Decke der Fahrerkabine, der Rest in den Laderaum. Schnell den Rollwagen zurück in die Halle und dann rollt Steffen auch schon vom Hof des Pressevertriebs.
Knapp fünfzig Kunden wird er in den nächsten Stunden beliefern. Tankstellen, die auch nachts geöffnet haben und an denen sich oftmals Betrunkene drängen. Tankstellen, Läden und Bäckereien, an denen er aus einem riesigen Schlüsselbund den richtigen für die Warenschleuse finden muss. Bäckereien und Läden, wo das Zeitungspaket mit kühnem Schwung vor der Tür landet. Fünfzig Kunden in dieser Stadt und einigen Vororten, Steffen wird rund hundertdreissig Kilometer gefahren sein, wenn er morgens den Transporter wieder auf dem Betriebsgelände abstellt.
Wochentags beginnt die Nachtschicht früher für ihn. Dienstags und Donnerstags schon gegen neun Uhr abends. Wenn er da in den Transporter steigt, klappert er erstmal die Hälfte seiner dann rund achtzig Kunden ab, um die Remittenden einzusammeln und diese zurück zum Pressevertrieb zu bringen. Auf so einer Tour in der Woche, mit achtzig Kunden und all den Tageszeitungen, die von Montag bis Samstag erscheinen, mit all den Wochenzeitungen, wie dem FREITAG, all den Illustrierten und Fachzeitungen, allein vier oder fünf für Hundebesitzer hat Steffen mal gezählt, mit all den Romanheftchen und Zeitschriften zu TV-Serien, mit all den Teenie- und Kinderblättern werden Laderaumvolumen und die zulässige Zuladung des Transporters von rund einer Tonne Gewicht bis an die Grenzen ausgereizt. Wenn Steffen dann morgens an seiner Haltestelle auf die Straßenbahn wartet, steht meist schon die Sonne am Himmel und ist es oftmals schon acht oder neun Uhr. 
Als Steffen an diesem Sonntagmorgen beim ersten Kunden ankommt, schaut er auf die Uhr. Gleich halb vier. Wenn nichts dazwischen kommt, ist er wahrscheinlich zwischen halb und um sieben Uhr mit seiner Tour fertig. Wenn ihm nicht Baustellen den Weg verlegen oder nächtliche Brände oder Unfälle ihn zu Umwegen zwingen, oder die Polizei ihn wieder mal irgendwie für verdächtig hält und kontrolliert. Und wenn ihm nicht einer derjenigen, die zuviel gefeiert haben und dennoch danach noch nachts autofahren müssen, in den Wagen kracht.
Steffen kippt das Paket vor die Tür der in tiefer Dunkelheit daliegenden Tankstelle und fährt weiter.
Wenn er dann nach seiner Tour in einer der am Sonntagmorgen leeren Straßenbahnen sitzt, wird er sich wiedermal fragen, wie sein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn damals, vor fünfzehn Jahren die Dachdeckerei, in der er angefangen hatte zu lernen, nicht pleite gegangen wäre. Danach hörte es für ihn irgendwie auf. Ein anderer Ausbildungsplatz fand sich nicht. Er ging zum Bund, machte danach verschiedene Jobs, aber landete immer wieder beim Arbeitsamt. Wurde in Kurse und Fortbildungen gesteckt. Jobte wieder. Bis er dann vor fast fünf Jahren diese Arbeit als Fahrer bekam. Und Steffen wird sich, während er schläfrig in der langsam dahinzuckelnden Straßenbahn sitzt, auch fragen, ob er sich, wenn das damals mit der Ausbildung nicht schief gegangen wäre, heute auch sechs von sieben Nächten pro Woche um die Ohren schlagen müsste, für rund tausend Euro im Monat.
Während seine Altergefährten dann am hoffentlich sonnigen Sonntag mit dem Rad fahren oder entspannt im Biergarten sitzen, wird er schlafen. Danach werden wieder die Stunden schnell vergehen, bis er los muß. Am Sonntagabend um dreiundzwanzig Uhr. Auf die Tour für den Montag.
G. Westerby
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Einen Sonderpreis in der Kategorie "Alltagsliteratur". Merci.
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Gut erzählte Alltagsgeschichten - finde ich auch sehr lesenswert.
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Sehr lesenswerter, vorzüglich erzählter Text über das wirkliche Leben. Prima!
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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