Mit Niederzimmern ist nicht etwa der Gewaltakt eines betrunkenen Schreiners gegenüber wehrlosen S-Bahn-Passagieren gemeint.
Auch in der Hooligan-Szene dürfte das Wort so unbekannt sein, wie in Schwarzen Blöcken.
Niederzimmern ist eine Gemeinde mittig im Nichts zwischen Erfurt und Weimar. Wie es nahezu üblich ist für Gemeinden im Nichts zwischen Irgendwo und Irgendda, ist Niederzimmern klein, arm und wenn man nicht selbst oder eben Oma und Opa dort wohnen, auch ziemlich bedeutungslos. Besondere highlights der Dorfgeschichte waren, daß im 30jährigen Krieg Gustav Adolf von Schweden mal in der Dorfkirche gebetet haben soll und Richard Wagner einmal übernachtet hat. Das war später und schätzungsweise nicht in der Dorfkirche.
Niederzimmern hat ein Problem, das derzeit nahezu alle Kommunen plagt, der so garnicht klimagewandelt dahergekommene Winter hat den Straßen im Ort hart zugesetzt. Ganz übel hat es wohl die Vieselbacher Straße erwischt, in der die Kraftfahrer in freiwilliger Selbstbeschränkung mit 20 km/h Schlangenlinien um die Krater fahren.
Der ehrenamtliche Bürgermeister, der sich wohl auch vom Landkreis nicht wirklich Hilfe bei seiner Problemstraße erhofft, hatte eine Idee, wie heute mehrfach zu lesen war. Auf der Webseite des Ortes werden die Schlaglöcher zum Kauf angeboten. Für 50,- Euro pro Stück gibt es dann ein verfülltes Schlagloch mit Erinnerungsplakette in der Straße. Den Text auf der Plakette darf sich der Spender wünschen. Also, wer noch kein Schlagloch hat, aber sich schon immer eines wünschte, bitte sehr: niederzimmern.de.
Vorteil dieser sehr speziellen Form von Public Private Partnership ist immerhin, Risiken wie aus Cross-Border-Leasing-Geschäften bleiben ebenso aus, wie public-private-Chaos, wie es bei der Mauteinführung zu beobachten war.
Der Nachteil, es ist nicht wirklich übertragbar, da die Anzahl der Schlaglöcher auf deutschen Straßen und Autobahnen die Anzahl potentieller Käufer um ein vielfaches übersteigen dürfte.
Aber vielleicht ist es kommerzialisierbar?
Trotz aller Kfz- und Mineraloel- und Ökosteuern und sonstiger Abgaben, trotz aller fest in kommunalen Haushalten eingeplanten Einnahmen aus dem prognostizierten Fehlverhalten der Bürger (Falschparken, Zuschnellfahren, etc), der Straßenzustand hat an vielen Stellen das Adjektiv „besorgniserregend“ bereits weit hinter sich gelassen.
Sollte man diese Straßen nicht einfach zu Sanierungszwecken vermieten?
Auf dem weißen Streifen an der sanierten Stopstraße steht dann eben „Gute Fahrt mit GRUNDIG“, auf dem dann grünweisen Zebrasteifen „Dresdner Bank“ und auf der Autobahn, auf dem Weg zur Raststätte „Diese Ausfahrt präsentiert Ihnen MINOL“.
Mal ehrlich, da stecken doch massenhaft völlig unerschlossene Werbeflächen drin. Neben all den plakatbeklebten Bushäuschen und anderer werblich aufgemotzter Stadtmöbelierung, neben Plakatwänden und Transparenten, die ob ihres massenhaften Auftretens kaum noch wahrgenommen werden, bieten sich doch hier ungeahnte Chancen und Möglichkeiten, zumal der Kunde völlig freiwillig hinsieht. Auch mal auf die Straße sehen, hat sich beim Autofahren als ungemein hilfreich erwiesen.
Und schon regiert das „alle werden glücklich“-Prinzip.
Die werbungtreibenden Unternehmen freuen sich über eine garantierte Aufmerksamkeit, die sie weder im Fernsehen noch mit Printwerbung bekommen, die Kommunen freuen sich über entlastete Stadtsäckel und die Autofahrer freuen sich über heile Straßen.
Heile Welt sozusagen.
Oder?
G. Westerby
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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