G.Westerby

Eine Art Held

17.06.2010 | 20:33

Pirna und der Apfel

Pirna ist ein beschauliches Kleinstädtchen, etwas elbaufwärts hinter Dresden. Der Elberadweg und vor allem die hervorragend sanierte historische Altstadt sorgen für regen Zustrom an Touristen, die im Sommer bis zum späten Abend die Gässchen, Lädchen und natürlich die Freisitze bevölkern. Pirna wirkt gemütlich, am frühen Abend sogar etwas provinziell, wenn gegen 18:00 Uhr die meisten kleinen Geschäfte ihre Pforten schließen. Alles in allem sehr symphatisch, diesen Eindruck wird der mit Reisebus auf dem Weg zur Festung Königstein befindliche Tourist von seinem Zwischenstopp mitnehmen. Der auf dem Elberadweg Reisende von seiner Rast auf dem Pirnaer Marktplatz ebenfalls.

Doch Pirna hat ein Problem und damit ist nicht gemeint, daß das Konzept „autofreie Innen-/Alt-stadt“ noch nicht bis nach Pirna vorgedrungen ist. Obwohl es ist schon lästig, wenn man abends mit einem Bierchen auf dem Kneipenfreisitz hockt und in Armeslänge daneben die örtliche Jugend mit tiefergelegten und verspoilerten Gefährten Schaufahren veranstaltet.


Zumal wahrscheinlich nicht alle dabei verwendeten Abgasanlagen so ganz TÜV- und lärmschutzkonform sind.
Ja, es ist auch lästig, wenn man tagsüber durch die Altstadtgässchen von Lädchen zu Lädchen schlendert, hinter einem beunruhigendes Motorengrummeln ertönt. Kaum tritt man einen Schritt zu Seite, schießt auch schon der rote Kombi auf seinen Edelfelgen mit aufheulendem Motor an einem vorbei.

Alles nicht nett, darüber sollten die Pirnaer Stadtväter wirklich nochmal nachdenken.
Aber das ist noch nicht das wirklich ernste Problem, das Pirna hat.

Das große Problem ist aber auch nicht, daß aus Nobellimousinen mit Pirnaer Kennzeichen überdurchschnittlich oft Fahrer mit schwäbischem Akzent steigen.

Oder daß man offensichtlich aus besagtem Kennzeichen besonders lustige Kombinationen zaubern kann.

Eine Auswirkung des Problems fällt einem erst auf, wenn man länger und genauer hinschaut, als ein Tourist. Die Anzahl der üblicherweise von Vietnamesen betriebenen Läden mit Geschenkartikeln, billigen Klamotten und asiatischem Schnickschnack ist erstaunlich gering, gleichfalls die Anzahl der Dönerbuden. Das örtliche „Döner-House“ scheint sogar einen deutschen Betreiber zu haben. Internet- und Telefonshops, spezialisiert auf Billigtelefonate nach Afrika und nach Nahost fehlen ganz. Die betreffende Klientel offensichtlich auch. Man kann sich zwei Tage in der Stadt aufhalten und nicht eine Kopftuchträgerin sehen.

Pirna, das auch das „Tor zu sächsischen Schweiz“ genannt wird, gelangte um die Jahrtausendwende in die Schlagzeilen durch die rechtsextremistische Organisation „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS), die nach Durchsuchungen und Festnahmen im Jahre 2001 durch den damaligen Innenminister des Freistaates Sachsen verboten wurde. Bemerkenswert ist, daß diese Untersuchungen durch das Landeskriminalamt durchgeführt wurden und Polizeibeamte aus der Region weder informiert noch involviert waren. Man sah in Dresden damals das Verhältnis der regionalen Bevölkerung mit den Neonazis als zu eng an.

Im Jahre 2004 gab es erneut Durchsuchungen in Pirna, die in der Erkenntnis gipfelten, daß der Zusammenhalt der SSS in verschiedenen Nachfolgegruppierungen aufrecht erhalten wurde. In 2006 wurde einer der ehemaligen Anführer der verbotenen Organisation zu acht Monaten Haft verurteilet, weil er, so das Urteil, „...entscheidend am Fortbestand der 2001 verbotenen Organisation mitgewirkt hat“.

Wirklich geändert hat sich seither wohl nicht viel, siehe auch die vorstehenden Anmerkungen zur örtlichen Kleingewerbeszene.

Richtig deutlich wird das aber, wenn man bei seinem abendlichen Bierchen auf dem Freisitz folgender Szene zusehen „darf“: Eine Gruppe von vier oder fünf „Herren“ mit sehr sehr kurzem Haarschnitt, markant gekleidet in schwarze Kapuzenpullis mit großen „Eisernem Kreuz“ auf dem Rücken und schweren schwarzen Stiefeln läuft über den Marktplatz und begegnet dort einem der „Honoratioren“ mit dem schwäbischen Akzent und dem Pirnaer Kennzeichen an der Nobellimousine. Man kennt sich offensichtlich gut und hält einen kleinen Schwatz. Die ortsansässigen Zuschauer finden offenbar auch nicht, daß der Herr im grauen Business-Anzug in der Gruppe etwa so unauffällig ist, wie eine Tarantel auf dem Quarkkuchen. Alles ganz normal hier, so scheint es.

Neben diesem Problem sind abendliches Schaufahren vor den Freisitzen der Altstadt oder von roten Kombis gehetzte Touristen doch eher Marginalien.

Was das jetzt mit Obst, konkret mit Apfel zu tun hat? Eine Erkenntnis der verschiedenen Untersuchungen in Pirnas ganz rechter Ecke ergab äußerst enge Verflechtungen mit der NPD und deren Funktionären. Der sächsische NPD-Häuptling ist Holger Apfel und der ist wegen einer antisemitischen Hetzrede heute im Dresdner Landtag bis zum 17. Dezember des Hauses verwiesen worden.

Landtag des Freistaates Sachsen, Dresden

Da hat er jetzt wohl viel freie Zeit. Wahrscheinlich auch für Pirna.

G. Westerby

 
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Kommentare
Gustlik schrieb am 17.06.2010 um 20:54
Unsere "Einkaufsmeile" wird liebevoll "Ho-Chi-Minh-Pfad" genannt. Döner (2,50€) gibt es, aber keine Bratwurst mehr. Tiefergelegte, die ihre Platzrunden drehen haben wir auch, dazu noch lärmende Motorräder, die sich am Kyffhäuser abfahren. Die NPD sitzt im Kreistag.

Schon eine seltsame Mischung. So richtig wird uns wohl diese "Eigendynamik" in einigen Jahren treffen. Der typische Rollatorfahrer ist nur die Vorhut und meckert über den holprigen Granit aus China. (Warum ist eigentlich die Armut nicht sooo präsent?)
rolf netzmann schrieb am 18.06.2010 um 03:44
informativ und dazu mit einer Prise Humor geschrieben, das gefällt mir....das Problem ist einfach die schleichende Bereitschaft der Bevölkerung, nicht nur in Pirna, Neonazis in Nadelstreifen als normal anzunehmen, in 4 von 12 Bezirksverordnetenversammlungen Berlins gibt es Fraktionen der Nazis, 3 x NPD, 1 x Republikaner , wie die NPD im Dresdner und im Schweriner Landtag demokratisch legitimiert, weil gewählt..:(
G.Westerby
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