1. Mohammed Afzal
Mohammed Afzal muss ein bekannter Mann sein. Sollte man meinen. Ganz allein und als erster schoß er am 26. September 1986 unweit des Flugplatzes Dschalalabad drei sowjetische Kampfhubschrauber ab. Mit Stinger – Raketen. Waffen, die die USA erst kurz zuvor den tapferen afghanischen Widerstandskämpfern geliefert hatten. Bereits einige Wochen nach dem Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan war der Sicherheitsberater des damaligen US – Präsidenten Carter nach Pakistan gereist, um mit dem dortigen Staatschef die Unterstützung der afghanischen Rebellen (oder auch Mudschaheddin) zu vereinbaren. 30 Millionen US-Dollar offerierten die USA und leider nur zweitklassige „ausländische“ Waffen, wie ein Artikel in der deutschen „Das Beste aus Readers Digest“ – Ausgabe vom Januar 1989 bedauert (den Artikel im Original können Sie hier lesen). Auch erfahren wir darin, daß es der massiven Einflußnahme von Jack Wheeler von der Freedom Research Foundation und anderer bedurfte, damit, gegen den massiven Widerstand der CIA dann in der zweiten Regierungsperiode von Ronald Reagan endlich die tapferen Freischärler am Hindukusch, diese Mudschaheddin, mit modernen westlichen Waffensystemen beliefert werden konnten. Über diese „Freedom Research Foundation“ ist so wenig zu erfahren, daß es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein geheimdienstlich gesteuertes Institut handeln dürfte. Dazu passt auch die offizielle Lebensgeschichte von Jack Wheeler, danach Bergsteiger, Abenteurer und eben Philosoph. Aber das focht damals „Das Beste aus Readers Digest“ nicht an, wenn man es denn überhaupt wusste.
Ende 1987 traf sich Reagan mit Abgesandten einer afghanischen Allianz und sicherte einem Rebellenführer namens Younis Khales weitere Unterstützung zu. Und siehe, so belehrte uns die „Das Beste aus Readers Digest“ – Ausgabe vom Januar 1989 einstmals, die tapferen Mudschaheddin setzten mit ihren modernen Waffen (und wohl ein paar „Rambos“ als Ausbilder) den Sowjets so zu, daß diese 1988 in Friedensverhandlungen eintraten und ihre Truppen bis 1989 aus Afghanistan abziehen sollten. Das „sowjetische Vietnam“. Das erwähnt „Das Beste aus Readers Digest“ natürlich nicht, indeß man spekulierte wolllüstig über das Schicksal der kommunistischen Regierung in Kabul, hatten doch die Mudschaheddin nach weiteren Waffen verlangt und bereits während des sowjetischen Abzuges Kräfte im Bereich der Großstädte zusammengezogen.
In dem zitierten Artikel am Rande erwähnte Bedenken in CIA- und Militärkreisen, in wessen Hände hier hochmoderne Waffensysteme geraten sollten, wurden als „Bürokratenstarrsinn“ gegeisselt, ebenso die Überlegung, wes Geistes Kind wohl die Leute seien, die man, nur mit dem Ziel, dem „Hort des Bösen“, der Sowjetunion zu schaden, nahezu wahllos finanzierte.
Der Bundesbürger im Januar 1989 konnte nach der „Das Beste aus...“-Lektüre sein Haupt beruhigt auf’s Kissen betten. Wieder war ein Hort des Bösen ausgemerzt, eine Zitadelle des Kommunismus würde bald geschleift werden.
Wahrscheinlich hat Osama Bin Laden diesen Artikel, wenn er je Gelegenheit hatte, ihn zu lesen, damals ausgeschnitten und noch heute hängt er, leicht vergilbt, an der Wand jener Höhle im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, in der sich der Al Quaida – Führer versteckt und seine Altersleiden pflegt. Immerhin ist er, wenn noch am Leben, nun auch über 50.
Was danach geschah.
Natürlich stürzten die Mudschaheddin die in Kabul verbliebene kommunistische Regierung. Aber erst, nachdem 1991 die Sowjetunion endgültig zusammengebrochen war und die Regierung in Afghanistan nicht mehr unterstützen konnte. Nahezu sofort verdrängten die „tapferen Freiheitskämpfer“ ihre „Einheit“ und begannen sich um die Macht am Hindukusch zu balgen. Im Jahre 1996 hatte dann schließlich die radikalste Gruppierung, die „Koranschüler“ gesiegt und erhängten nach Folter und Verstümmelung den ehemaligen kommunistischen Staatsführer an einer Strassenlaterne. Willkommen im Lande der „Taliban“
Die von „Wendehysterie“ und Soli-Zuschlag geplagten Alt- und Neubundesbürger bekamen davon nichts mit. Wir wissen es nicht, aber „Das Beste aus...“ dürfte auch nicht darüber berichtet haben. Wohl auch nicht von der Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban. Religiöse Kunstwerke, rund tausend Jahre älter, als der von den „tapferen Freiheitskämpfern“ vertretene Islam, das war wohl zuviel für die „Mudschaheddin“. Auch blieb im allgemeinen wohl unerwähnt, daß in Afghanistan spätestens seit 1996 Angehörige anderer Religionen als des Islam gefälligst ein gelbes Abzeichen an der Kleidung zu tragen hatten. Afghanistan versank in der Bedeutungslosigkeit, gleich nachdem es seine Funktion als „sowjetisches Vietnam“ erfüllt hatte.
Szenenwechsel
Rauch und Feuer über New York. Explosionen. Herabstürzende Steinbrocken, Gebäudeteile. Staubwolken. Rennende Menschen. Tränen. Blut. Ein Hochhaus stürzt ein. Dann noch eines. Das World Trade Center in New York hat aufgehört zu existieren und über dreitausend Todesopfer auch. Nicht genug! Ein Flugzeug stürzt ins Pentagon bei Washington. Feuer. Rauch. Tote. Ein weiteres stürzt ab. Oder wird abgeschossen. Wieder viele Tote.Der Luftraum über den USA leert sich. Präsident Bush wirkt missgelaunt, als er auf Grund desssen das Vorlesen in einer Grundschule abbrechen muss. Verschwindet mit der Air Force One und bleibt sprachlos. „America under attack“ sind die „breaking news“ von CNN, indeß die homepage des Senders bleibt für Stunden unereichbar.
Erstmals in ihrer Geschichte sind die Vereinigten Staaten von Amerika Opfer eines Angriffs auf ihrem eigenen Territorium geworden. Und das geführt von einem Präsidenten, dem bei Übermittlung der Nachricht erstmal das Schulbuch aus der Hand fiel. Fast naheliegend, daß das Land der Bösen mit „A“ anfangen würde. Und so hatte wohl so manch einer „Albania“ auf der Zunge, bis von irgendeinem für Washingtoner Verhältnisse übermässig informierten Berater wohl das „Stopp“ kam. Immerhin hatte „Albania“ schon Barry Levinson in seinem Film „Wag the dog“ von 1997 verwurstet. Das nächste auf der Liste schien dann wohl Afghanistan zu sein. Und ja, wirklich, die Taliban-Mullahs hatten die Zeit zwischen 1989, dem Ende der sowjetischen Besatzung und ihrer Rolle als tapfere Freiheitskämpfer bis zum 9-11 weidlich genutzt, um sich unbeliebt zu machen im Westen. Bloß das dies bis dahin keinen interessierte. Wir vermuten, auch „Das Beste aus...“ nicht.
Aber jetzt! Al Quaida! Osama bin Laden! Mullah Omar! Der Hort des Bösen! Dort am Hindukusch, weit hinter der Türkei liegt er jetzt, da die Sowjetunion seit 10 Jahren nicht mehr existiert und sich in ihrem Gebiet ähnliche Vorherrschaftskämpfe abspielen, wie bis 1996 in Afghanistan.
Die Nato erklärt den „Bündnisfall“ nach dem Angriff auf die USA und eine multinationale Streitmacht, natürlich unter Führung der USA marschiert in Afghanistan ein. Die Taliban werden vertrieben. Unter massiver Beteiligung und Unterstützung anderer ehemaliger Mudschaheddin, die jetzt die Morgenluft dafür wittern, aus den Gebirgstälern, in die die Taliban sie abgedrängt hatten, heraus und an die Macht in Kabul zu gelangen. Darunter auch der Usbeke Abdul Raschid Dostum, der durch seine tätige Mithilfe 1996 erst den Taliban die Massakrierung von Mohammed Nadschibullah, dem ehemaligen kommunistischen Staatsführer ermöglichte.
Und seither hält eben auch die Bundeswehr in einer Art erweiterten Vorneverteidigung ihre Stellungen am Hindukusch. Damit die Buddha-Statuen-Sprenger nicht als nächstes über den Kölner Dom oder die eben wieder aufgebaute Frauenkirche herfallen. Oder so.
Schlagzeilen der Woche (15. KW 2009)
„Westen empört über afghanisches Sex-Gesetz“
Der „Westen“ echauffiert sich über ein Gesetz, das afghanische Frauen dazu verpflichtet, sich mindestens viermal pro Woche von ihren Gatten begatten zu lassen. „Wow!“ sagt da der Durchschnittsbundescouchpotato und erwägt ernsthaft die Konvertierung zum Islam. „Wow!“ denkt sich manch anderer, wir haben wirklich tolle Freunde, für die wir in den Krieg ziehen und vergisst, daß die Hindukusch – Vorneverteidigung ja dem Schutz von Frauenkirche und Kölner Dom diene. Oder so.
„Merkel in Afghanistan!“
Ganz überraschend ist „der Rock, der durch Deutschland geht“, am Hindukusch aufgetaucht. Haben wir Wahlkampf? Wir haben! Und die neudeutschen Helden der neudeutschen „Ganz-Vorne-Verteidigung“ nicht besucht zu haben, wäre beim Stimmenfang wohl eher abträglich. Oder so.
„Neue Strategie für Afghanistan“
und
„USA schrauben ihre Ziele in Afghanistan zurück“
„Der Einsatz am Hindukusch soll deshalb geprägt sein von einem Dreiklang von Militäraktionen, zivilem Wiederaufbau und „good governance“ (transparente und effektive Regierungsführung).“ schreibt der Tagesspiegel. Und „Die „Afghanisierung“ des Landes müsse vorangetrieben werden“ sagen Merkel und Sarkozy. Und Obama wohl auch. Die „Afghanisierung“ des Landes, in dem die Sowjetunion „ihr Vietnam“ erlebte. Das gemahnt an die vom US-Kongress verordnete „Vietnamiesierung des Konflikts“ in Indochina, die 1975 zur kommunistischen Machtübernahme in Vietnam, Cambodia, Laos führte. Die USA hatten sich aus einem Krieg zurückgezogen, den sie nicht konsequent als Krieg führen wollten. Wie prekär die Lage in der Region ist, zeigt sich nicht nur daran, daß kurz nach Merkels Abflug eine Rakete im deutschen Lager einschlug, auch der unlängst erfolgte Angriff von Taliban auf eine Polizeischule in Lahore, Pakistan
und die Tatsache, daß die Taliban die Grenzgebiete zwischen Afghanistan und Pakistan soweit beherrschen, daß sie dort bereits wieder die Scharia eingeführt haben, lässt nach allen Erfahrungen der Vergangenheit die „Afghanisierung“ des Landes und des Konflikts als genau den falschen Weg erscheinen, wenn man die ursprünglich gesetzten Ziele einer Befriedung und Demokratisierung erreichen wollte. Indeß, der Medienhype nach 9-11 ist längst verraucht, der Konflikt in Mittelost ein lästiger Klotz am Bein der Regierungen der von der Finanzkrise verheerten westlichen Welt, der sich dem Wahlvolk auch nicht mehr kommunizieren lässt. Eine auf raschen „Exit“ abzielende Strategie ist da mit Sicherheit willkommen, denkt man an kommende Wahlkämpfe. Das diese das erhebliche Risiko in sich trägt, daß das streng islamische Pakistan in den Strudel der „Koranschüler“ gerät, stört dabei erstmal niemanden. Jedoch Pakistan ist Atommacht, daran ändern auch alle wohlfeilen Absichten des Präsidenten Obama erstmal nichts. Sind es bald die Taliban auch? Und wo sind eigentlich diese dem Westen freundlich zugetanen Freiheitskämpfer geblieben, die „Das Beste aus Readers Digest“ – Ausgabe vom Januar 1989 so hingebungsvoll porträtierte? Oder gab es die etwa nie, sondern waren sie nur das geringere Übel, gegenüber einer ihren Machtbereich in Mittelost ausweitenden Sowjetunion? Ein Übel, das sich verselbständigte, wie so manche Besen in der Hand von Zauberlehrlingen? Ein Übel, von dem uns kein Zauberermeister befreien wird? Wird „afghanisiert“, um sich möglichst schnell davonschleichen zu können? Ist das Thema „Vorneverteidigung am Hindukusch“ eigentlich schon abgeschrieben?
Ja. Und man ist in bester Gesellschaft. Zuvor hatten schon die Chinesen, die Inder, Alexander der Grosse und die Briten Afghanistan als unregierbar abgeschrieben. Ach ja, die Russen wohl auch. Nur das eben diesmal religiöse Fanatiker mit einem profunden Hass auf alles Nichttalibanesische zurückbleiben, die von Massenvernichtungsmitteln nur eine fragile Grenze und zwei mehr als fragile Regierungen trennen. In diesem Sinne, besuchen Sie Europa.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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