G.Westerby

Eine Art Held

21.05.2010 | 18:52

Strehla – Entscheidungen – und die netten Eheleute Schreiber


Foto: © G.Westerby 2010

Strehla ist eine mittelalterlich geprägte Kleinstadt an der Elbe, wenige Kilometer nördlich von Riesa.
Die Stadt und wohl auch die meisten der rund viertausend Einwohner sind unheimlich stolz darauf, daß sich auf Marktplatz und Zentrum seit rund dreihundert Jahren nichts geändert hat.
Sonst wohl auch nicht oder jedenfalls nicht auffällig viel.

Foto: © G.Westerby 2010

So ist es ruhig in Strehla. Sehr ruhig. Auch an einem wochentäglichen Mittag zählt man selten mehr als drei, vier Leute, sechs Autos und einen streunenden Kater auf dem Platz vor dem Rathaus.


Foto: © Westerby 2010

Man muss schon laut auf der Theke trommeln, wenn man um diese Zeit in dem/der Bäckerladen-Radfahrerpension mit Vorgeschichte aus Schlesien eines der wirklich exquisiten Backwerke samt Kaffee zu verzehren möchte oder ein Frühstück, das aber auch nach 14 Uhr noch als Buffet anstandlos serviert wird.
(Diese Werbung ist nicht bezahlt, nur ausdrücklich der Dank des reisenden Gastes für Qualität und freundliche Bedienung)

Trotz dieser fast schon dörflich zu nennenden Idylle gibt es in Strehla ein Schloß aus dem 15. Jahrhundert, erbaut auf den Mauern einer noch älteren Festung.

Foto: © Westerby 2010

Vor so fünf- oder achthundert Jahren, da war Strehla nämlich wer unter den Elbbauerndörfern der Umgebung. Auch wurde es bereits im Jahre 1002 erstmals urkundlich erwähnt, das benachbarte Riesa mit heute knapp zehnmal soviel Einwohnern hingegen erst im Jahre 1119.
In jenen Zeiten war Strehla ein strategisch wichtiger Elbübergang und die erwähnte Festung wurde in Pfeilschussweite von der Furt errichtet. Als bedeutenter Wegpunkt mittelalterlicher Handelsstraßen steppte damals in Strehla der Bär, wie man es heute bezeichnen würde. Das ging im Lauf der Zeiten und Jahrhunderte immer so weiter. Bis zum Jahre 1836.

Wohl weil der sächsische König auch so ein neumodisches Spielzeug in seinem Lande haben wollte, wie er es kürzlich bei seinem bayrischen Kollegen zwischen Nürnberg und Fürth bestaunen konnte, genehmigte 1835 die sächsische Staatsregierung den Bau und Betrieb der Leipzig-Dresdner Eisenbahn. Die Streckenplanungen sahen die Errichtung einer Eisenbahnbrücke über die Elbe in Strehla vor.
Große Aufregung im damaligen Strehlaer Stadtrat. Gar fürchterliches hatte man gehört von diesen Feuer und Rauch speienden Ungetümen, die da zwischen Nürnberg und Fürth hin und her rasen und Geschwindigkeiten von gar dreissig Kilometern pro Stunde erreichen sollten. Dem Luftdruck bei solch enormen Tempo könne der Mensch keinesfalls gewachsen sein. Die neben der Strecke grasenden Kühe würden von dem gewaltigen Sog unweigerlich mitgerissen und gar grauslich verstümmelt werden. Ob nach heftigen Diskussionen oder in aufgeregter Einhelligkeit, ist noch ungeklärt, der Stadtrat von Strehla lehnte den Eisenbahnbau ab. Mit solch Teufelswerk wollte die kleine, aber gewichtige Metropole an der Elbe nichts zu tun haben.

Die Eisenbahnplaner waren flexibel, die Strecke wurde umprojektiert, die Elbbrücke entstand wenige Kilometer stromaufwärts in dem an Strehla gemessen völlig unbedeutenden und erst 1632 mit dem Stadtrecht beliehenen Marktflecken Riesa.

Aber jetzt zog der schon zitierte Bär um und steppte fortan in Riesa. In der Folge entstanden dort Elbhafen, Stahlwerk, Reifenfabrik, Nudelfabrik, Zündholzfabrik und so einiges mehr, von dem vieles sogar die sogenannte „Wende“ der Jahre 1989/90 überlebte und zu dem seither auch einiges hinzukam. Elektronikindustrie, Automobilzulieferer, Chemie.
Keine Illusionen, als Helmut Kohl von „blühenden Landschaften“ in den neuen Bundesländern schwärmte, schwebte ihm wohl nicht Riesa vor seinem geistigen Auge. Auch heute ist es kein Paradebeispiel dafür und sind nach 1990 mehr Arbeitsplätze weggefallen, als neu entstanden. Wirklich schön ist es auch nicht.
Aber gegen die ruhige Idylle am wochentäglichen Mittag auf dem Strehlaer Marktplatz mit drei, vier Leuten, sechs Autos und einem streunendem Kater ist Riesa’s Fußgängerzone zur gleichen Zeit eine quirlige Welt.

Die Furt in Strehla wird heute nicht mehr genutzt, moderne Kraftfahrzeuge sind nicht so watfähig, wie mittelalterliche Planwagen. Auch SUV's nicht. Die Stadt ist heute mit einer Personen- und Autofähre mit dem anderen Flußufer verbunden. Wenn mal nicht Hochwasser oder Eisgang auf der Elbe herrschen. Dann heisst es nämlich für die Strehlaner, die hinüber wollen, nach Riesa fahren und dort von der Auto- und Fußgängerbrücke aus die Eisenbahnbrücke bestaunen. Von deren Geschichte wissen heute wohl die wenigsten. So, wie wohl auch die wenigsten wissen, daß sich in der Endphase des II. Weltkrieges, noch vor dem propagandistisch verwerteten Treffen an der Elbe in Torgau, US-Amerikanische und Russische Truppen zuvor wohl erstmals in Strehla begegneten.

Rückwärts gewandte, unglückliche Entscheidungen scheinen aber bei den Stadtoberen von Strehla auch nach über hundertfünfzig Jahren immer noch eine gewisse Kontinuität zu besitzen. Warum das so ist und was damit die netten Eheleute Schreiber zu tun haben , das erklärt Ihnen der Kollege Thomas Trappe in seinem zum Grimme-Online-Award (herzlichen Glückwunsch dazu!!!) nominierten Blog genauer.

G. Westerby

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Kommentare
Alien59 schrieb am 22.05.2010 um 06:18
Gut zu lesen - und davon hatte ich noch nie gehört. Ja, immer diese gefährlichen Maschinen.

Magda erinnerte an anderer Stelle daran, dass solche guten Texte oft unkommentiert bleiben, daher schreibe ich wenigstens ein paar Zeilen, damit klar ist, dass ich ihn auch gelesen habe!
G.Westerby
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