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Bundesverdienstkreuz für einen Krankenhausaufenthalt
„Eigentlich verdiene ich ein Bundesverdienstkreuz für meinen Aufenthalt hier“…. Dies ist der erste Scherz, den B. seit langem macht. B. liegt seit über fünf Wochen im Krankenhaus. Die Begriffe „Ohnmacht“, „Ausgeliefertsein“ und „Demütigung“ haben seither eine neue Bedeutung für sie bekommen.
B. ist Ende dreißig und schwanger. Aufgrund ihrer komplizierten Krankheitsgeschichte ist dies wohl ihre letzte Chance auf ein eigenes Kind. Umso größer ihr Schreck, als sie in der 20. Woche vom Frauenarzt direkt ins Krankenhaus gefahren wird, weil sich der Muttermund geöffnet hat. Seitdem liegt sie dort und was sie dort seither an Desorganisation, Bevormundung und herablassender sowie empathiefreier Behandlung erlebt hat, lässt sie daran wundern, dass es Menschen gibt, die Krankenhäuser physisch und psychisch gesund verlassen.
Das Grundproblem erblickt sie im zeitlich überforderten, ungenügend oder falsch qualifizierten und insgesamt zu jungen Personal. Wie oft wollten die Schwestern B. das falsche Medikament geben oder sie samt (nicht vorhandenem) Kind entlassen? Wie oft bat sie um etwas, das einige Minuten beansprucht hätte, und bekam es anderthalb Stunden später, wenn es schnell ging?
Angelogen wurde sie bereits am dritten Tag, als die junge (kaum zwanzigjährige) Schwester sie fragte, ob sie etwas gegen eine andere Zimmernachbarin hätte. Diese passe im Alter besser zu ihr und sei ganz lieb. B., unter dem psychischen Schreck des geöffneten Muttermundes stehend, mit flatternden Nerven wegen der Ungewissheit, ob sie ihr Baby wird behalten können oder nicht, fragt zwar nach, ob dies nötig sei, wird aber abgebügelt mit „Sie ist ja so nett und passt besser zu Ihnen als Ihre jetzige Zimmergenossin“. Die ist nämlich etwa 23 Jahre alt. Die neue Frau (ist mindestens fünfzig Jahre alt!) ist sichtlich beeindruckt von den Schwestern, denn sie ist sehr schweigsam. Erst einige Stunden später, als es schon später Abend ist, stellt sich heraus, dass die neue Nachbarin Verdauungsprobleme hat. Denn die Schwester kommt rein und lässt aus einem am Bauch befestigten „Ballon“ Luft heraus, die im Raum bestialischen Gestank verbreitet. Die Sorge um ihr Baby, die Unwissenheit, ob etwa die Ärzte, die sie in drei Tagen nur einmal untersucht haben, darauf warten, dass sie eine Fehlgeburt erleide sowie der animalische Gestank führen dazu, dass es B. schlecht wird, sie sich übergeben will, dass sich Kontraktionen einstellen. Nachdem sie trotz Schlafmittel, trotz offenen Fensters (Temperatur kaum über Null) und größtmöglicher Selbstbeherrschung nicht schlafen kann und die Nachtschwester mehrfach um Abhilfe bittet, wird sie auf eine andere Station verlegt. Dass sich der Muttermund unter solch nervlicher Anspannung weiter öffnet und die Fruchtblase die Gebärmutter fast verlässt, erscheint als logische Folge.
Immerhin wird sie am nächsten Morgen sofort operiert und eine Cerclage durchgeführt. B. kommt danach auf ein Einzelzimmer. Ihrem Mann, beruflich viel unterwegs und daher auf Ruhe bedacht, wird zugesichert, ihre Frau bliebe natürlich im Zimmer, denn es gäbe keinen Grund, sie zu verlegen. Kaum eine Woche später gilt dies nicht mehr und zwei Auszubildende wollen B. in ein Doppelzimmer verlegen. B. kann diese davon zwar abhalten, doch kommen sofort zwei Schwestern. Diese reden gleichzeitig und aggressiv auf sie ein und argumentieren damit, dass das Einzelzimmer anderweitig benötigt werde, dass sie über die Organisierung der Station bzw. ihre eigene Verlegung nicht zu entscheiden habe und dass es schließlich trotz der Abmachung mit ihrem Mann keinen Vertrag über das Einzelzimmer gäbe. B., die gerade erst angefangen hat, wieder Hoffnung zu schöpfen, bricht daraufhin in Tränen aus. Denn sie hat noch ihr Erlebnis mit der anderen Frau im Kopf, deren Gestank sie fast um ihr Kind brachte. Erst ihr Weinkrampf, der stundenlang nicht zu stoppen ist und die Schwestern ganz offensichtlich eine Abreibung des Stationschefs befürchten lässt (der durch seine Operation Unmögliches möglich gemacht hat), bringt die beiden Schwestern von ihrem Vorhaben ab.
„Darüber/das haben nicht Sie zu entscheiden!“ Dies ist ein Satz, den B. häufig hört. Dass der Satz legitim ist, wenn ihn ein Arzt äußert und es um eine medizinische Entscheidung geht, versteht sich von selbst. Doch ist er ein oft eingesetztes Kampfinstrument von Krankenschwestern, die damit ihre vermeintliche Autorität demonstrieren, ihre Machthoheit über Entscheidungen durchsetzen und insgesamt Diskussionen abwürgen (wollen). B., promovierte Naturwissenschaftlerin, seit Jahren in der Industrie mit Personal- und Budgetverantwortung tätig, sieht in dieser Schwangerschaft ihre letzte Chance auf Nachwuchs. Es ist offensichtlich, dass sie sich selbst unter Druck setzt. Doch sind es diese Sätze, ausgesprochen von achtzehn- bis zwanzigjährigen Schwestern, die sie wie ein dummes Kind dastehen lassen. Dabei geht es mitunter nur darum, wo sie eine Flexüle für die Infusion bekommt. Seit mittlerweile sechs Wochen im Krankenhaus, kennt B. ihre Venen in- und auswendig. Sie weiß, wo das Blut besser fließt, wo es stärker weh tut, wo die Flexüle sie so behindert, dass sie alleine selbst ihre Intimhygiene nicht erledigen kann. Doch verzichtet sie nach sechs Wochen darauf, auf diesem Nebenschauplatz auch noch Kämpfe auszufechten. Es gibt wichtigere Schlachtfelder.
„Job“ oder „Beruf“ – dies scheint den Unterschied auszumachen. „Beruf“ steht „Berufung“ nahe. Begreift jemand seine Arbeit als „Beruf(ung)“, geht es ihm gewöhnlich tatsächlich darum, sie im Sinne aller Beteiligten optimal zu erledigen. Ins Zentrum rückt dann der Patient und dessen Wohl. Dann geht es darum, den Patienten seine an sich schon ausgelieferte Situation nicht spüren zu lassen. Ihm mit Empathie zu begegnen, ihm Interesse entgegenzubringen und auf seine Bedürfnisse zu achten. Und es gibt Krankenschwestern, welchen dies tatsächlich ein Anliegen ist und die ihren Beruf ergriffen haben, weil sie zur Heilung von Kranken beitragen wollen. B. sehnt ihren Dienst herbei, weil sie weiß, dass es diesen Schwestern tatsächlich darum geht, für sie Umstände zu schaffen, die ihr und ihrer Schwangerschaft gut tun. Jene, die ihre Arbeit als abzuleistenden „Job“ begreifen, der möglichst wenig Anstrengung abverlangen soll, glauben, sich autoritär durchsetzen zu müssen.
Schafft es ihr Baby, dann wegen der Ärzte und trotz der meisten Schwestern.
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Ich glaube, dass nicht einmal den Schwestern der Vorwurf der mangelnden Einstellung von Anfang an zu machen ist.
Fast überall da, wo möglichst effektiv und ökonomisch gearbeitet werden muss, fällt das Menschliche hinten runter. Tja, wohl sogar im Gesundheitswesen. Zuerst erfährt das wohl der Kassenpatient. Denn der muss zuerst nach ökonomischen Gesichtspunkten durch die Anstalt gewunken werden. Häufig denke ich mir, dass der Job den Charakter der Menschen korrumpiert. Und wenn eine Krankenschwester vor ihren Vorgesetzten vielleicht in Erklärungsnöte kommt, warum sie nicht soundsoviele Patienten je Stunde sondern eben nur soundsoviele "abzufertigen" schafft, geht sie dieser Erklärungsnot nächstens eben lieber aus dem Weg. |
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da vermuten sie nicht nur richtig.
ich bin noch jung - 21 - und habe vor dem studium ein jahr lang in einem universitätsklinikum in westfalen gearbeitet, erst als zivi, später als hauswirtschaftliche hilfskraft. die zustände dort zerbrechen menschen - mitarbeiter wie patienten. der allgemeine druck ist unfassbar hoch: zeit, leistung, rechtfertigung für exponentiell anwachsende fehler. alles kommt zusammen. so sehr ich die angst und das unwohlsein des patienten verstehen kann, so zynisch klingt es doch auf der anderen seite, wenn nicht gerade zimperliche schwestern als ungeeignet für ihren beruf abgestempelt werden. denn es gibt nicht nur einfache patienten. den fehler in der arbeitseinstellung der personen zu suchen, halte ich für verfehlt. dass teilweise katastrophale in krankenhäusern herrschen - in allen belangen, außer vielleicht in den betriebswirtschaftlichen zahlen, "gott sei dank" -, ist systembedingt. der ökonomische teufelskreis nimmt die menschliche komponente nicht mehr ernst. und so werden menschen zu maschinen. in jeglicher hinsicht. |
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Ich danke für eure Kommentare. Doch denke ich nicht, den Vorwurf mangelnder und unprofessioneller Einstellung zu schnell gemacht zu haben. Die aufgezählten Beispiel sollten gerade beweisen, dass eine Vielzahl von Exemplaren und Personen gibt, woran man das Gesagte sehen kann. Auch die positiven Beispiel habe ich extra auf den Schluss aufgehoben, damit nicht behauptet wird, ich würde mich nur auf die Negativbeispiele konzentrieren und die anderen verschweigen. Natürlich gibt es Schwestern, die aufopferungsvoll und liebevoll sich um einen kümmern und den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten wollen. Doch scheint mir dies insgesamt eine Minderheit zu sein und bei den meisten fragt man sich, ob sie schon einmal darüber nachgedacht haben, dass sie für die Patienten da sein sollten.
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@zachor
Ja, es gibt sicher auch die, welche sich einen Idealismus selbst im schwersten bewahren. Da muss ich gerade wieder an den bewegenden "Tatort" von vor einer Woche denken. Täter war dort ein Arzt, der regelmäßig seine Quartalsbudgets gewaltig überzog, weil er es mit seinem Berufsethos nicht vereinbaren konnte, Patienten nur nach Kassenlage zu behandeln. So hat er sich trotzdem noch Zeit genommen und Medikamente verschrieben - auch wenn das Geld längst alle war. Da überzogene Budgets von den Ärzten aus eigener Tasche bezahlt werden müssen, hat er zur Kompensation seiner Verluste Privatpatienten überhöhte Rechnungen ausgestellt. Es fiel einem (mir) schon schwer, hier keine Empathie für den "Täter" zu empfinden. Gut, das war nur ein Film. Aber die Folie, auf der sich das Krimiszenario abspielte, hatte wohl einigen Realitätsbezug. |
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Hab den Film auch gesehen. Fand ihn zwar etwas unrealistisch, aber interessant. Und ich weiß auch allg. um die Zustände im Gesundheitswesen und den Krankenhäusern. Dennoch denke ich, dass meine Kritik insgesamt berechtigt ist, denn vieles (der herablassende und entmündigende Umgang mit den Patienten etwa) lässt sich nicht mit dem Kosten- und Effizienzdruck erklären, sondern nur dem Charakter und der Einstellung der jeweiligen Person.
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Am Wetter werdet ihr merken das ihr nicht in Cuba im Krankenhaus liegt.
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Dass der Job den Menschen korrumpieren kann, habe ich auch so erfahren. Doch die Frage ist, ob wir nicht dadurch, dass wir Menschen sind, uns genau diese Frage stellen sollen, sobald wir das an uns selber merken.
Und wenn jmd. einen Job mit sozialem Charakter annimt, dann sollte es in seiner/ihrer Natur liegen, diesen auch den Erwartungen entsprechend tagtäglich immer wieder zu meistern. Deshalb habe ich eine besondere Hochachtung vor allen, die einen solchen Job ausüben - ob Arzt, Krankenschwester, Altenpfleger. Nur wenn jmd. merkt, dass er/sie nicht in der Lage ist, dem Druck standzuhalten, und dem Kranken/Schwachen/Ausgelieferten auch in dieser Situation Hilfe zu leisten (und das kann manchmal "nur" ein Lächeln sein) und dann nichts ändert - und solche Fälle kennen wir alle -, aus "Mangel" an Alternativen, dann geht mir das Verständnis flöten. Es ist möglich, sich bei der Berufswahl - passiert ja i.d.R. auch extrem früh - zu irren, und später fest zu stellen, dass der Beruf einen nicht ausfüllt oder ärgert oder überfordert. Doch wenn das erkannt ist, dann sollte m.E. konsequentes Handeln folgen. Es gibt / gab kaum eine Gesellschaft, in der es so leicht war, einen 2. oder 3. Beruf zu ergreifen, sich bei der Umschulung unterstützen zu lassen, wie heute in Dt. Dass statt dessen die Frust am Schwächeren ausgelebt wird hängt wohl auch mit der z.Zt. so verbreiteten Jammermentalität zusammen. Daher kann ich die obigen Erläuterungen, wg. Druck im Gesundheitswesen nur teilweise nachvollziehen. Klar, als Anfänger hat man es sicherlich schwer, schnell, genau UND freundlich zu arbeiten. Doch dafür hat man doch den Anfängerbonus, nicht wahr? |
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Danke, elfeier, für den Kommentar.
Zur Frage: klar geht es hier nicht um Anfänger. Es geht um die, die vermutlich ein Stück Brot mit derselben Empathie verkaufen würden wie sie ihre Patienten behandeln. Und da ich das für falsch halte, wollte ich es thematisieren. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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