Zachor!

Blog von Zachor!

10.03.2010 | 16:17

Die Abwesenheit der Liebe

 

Selten hat mich ein Roman so gefesselt und berührt wie Agota Kristofs „Das große Heft“. Wenn ich darüber nachdenke, warum ich es so spannend fand, fällt es schwer, die vielen Facetten und Aspekte auf einen Nenner zu bringen. Noch am ehesten könnte der Ausdruck „Die Abwesenheit der Liebe“ es treffen, ohne ein Volltreffer zu sein.

Dabei ist im Buch viel von Liebe die Rede, aber nur von der körperlichen Liebe in ihren wirklich verschiedensten Spielarten: Sodomie, Kindesmissbrauch, Initiation, einvernehmliche Liebe usw.

Doch von der Liebe als einem Gefühl zwischen zwei selbstbestimmten Personen handelt das Buch nicht und kann es auch nicht. Denn es beschreibt das Leben und Überleben von zwei kleinen Jungs in Ungarn Mitte und Ende des Jahres 1944. Das Land ist von der Wehrmacht besetzt. Die beiden Jungs werden von ihrer Mutter (ob sie Jüdin und/oder politische Aktivistin ist, geht nicht eindeutig hervor) zur Großmutter aufs Land gebracht. Die Großmutter, eine geizige, alte, hasserfüllte Frau, von der man erzählt, sie habe ihren Mann umgebracht, nimmt die beiden nur widerwillig auf. So sind die beiden sich selbst überlassen und erleben in einer Zeit ohne Regeln und einem Land ohne Ordnung allerhand.

Anstatt Liebe herrscht Gewalt und Lüge über weite Strecken des Buchs. Gewalt, den Jungs angetan oder von den Jungs ausgeübt. Sie ist das einzige Mittel, in einer verrohten Welt, in der nichts ist, was es zu sein scheint, zu überleben. Um zu überleben, denken sich die Jungs „Übungen“ aus: Übung in Fasten, Übung in Grausamkeit, Übung in Schweigen. Sie wissen, dass das Einzige, woran sie sich halten können, das ist, was sie selbst gesehen und schonungslos direkt aufgeschrieben haben: „Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen“. Erst allmählich erkennen sie, dass die Tatsachen verschieden gesehen werden können und etwa nach der Meinung von Einigen die Besatzungstruppen im Lande, die „behaupten, unsere Verbündeten zu sein, in Wahrheit unsere Feinde und diejenigen, die bald kommen und den Krieg gewinnen werden, sind keine Feinde, sondern im Gegenteil unsere Verbündete“. Solche Widersprüche durchziehen das Buch und tragen als Spannungselement zu spektakulären Wendungen bei.

Der Roman fasziniert darüber hinaus in sehr starkem Maße durch seinen Stil. Die Autorin benutzt weitgehend Hauptsätze, die direkt, schnörkellos und kurz sind. Fragen lockern den Text dagegen häufig aus und treiben die Handlung, die in kurze Kapitel aufgeteilt ist, voran.

Eine kurzweilige Lektüre.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 24.04.2010 um 01:22
@ Zachor
Eine sehr gute Rezension eines tatsächlich bemerkenswerten Buches. Titelgebend ist ein Heft, in welches die Zwillingsbrüder alles eintragen, was sie als wahr erkennen. Die kindliche Erzählperspektive wäre unbedingt noch erwähnenswert und das emotionsbereinigte Beschreiben der vorgefundenen Realität. Diese kontrastiert mit den gefühlsgeleiteten Beweggründen der Zwillinge, sich in der Realität zurechtzufinden, sich ihr zu stellen. Ein absolut lesenswerter Roman.
Zachor!
Nicht verzagen, erinnern!
Mitglied seit:
1 Jahr 51 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.04.2011
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 32
Kommentare: 409
Logbuch
04:14
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:05
SuzieQ hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:59
SuzieQ hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:58
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:58
ch.paffen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG