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Selten hat mich ein Roman so gefesselt und berührt wie Agota Kristofs „Das große Heft“. Wenn ich darüber nachdenke, warum ich es so spannend fand, fällt es schwer, die vielen Facetten und Aspekte auf einen Nenner zu bringen. Noch am ehesten könnte der Ausdruck „Die Abwesenheit der Liebe“ es treffen, ohne ein Volltreffer zu sein.
Dabei ist im Buch viel von Liebe die Rede, aber nur von der körperlichen Liebe in ihren wirklich verschiedensten Spielarten: Sodomie, Kindesmissbrauch, Initiation, einvernehmliche Liebe usw.
Doch von der Liebe als einem Gefühl zwischen zwei selbstbestimmten Personen handelt das Buch nicht und kann es auch nicht. Denn es beschreibt das Leben und Überleben von zwei kleinen Jungs in Ungarn Mitte und Ende des Jahres 1944. Das Land ist von der Wehrmacht besetzt. Die beiden Jungs werden von ihrer Mutter (ob sie Jüdin und/oder politische Aktivistin ist, geht nicht eindeutig hervor) zur Großmutter aufs Land gebracht. Die Großmutter, eine geizige, alte, hasserfüllte Frau, von der man erzählt, sie habe ihren Mann umgebracht, nimmt die beiden nur widerwillig auf. So sind die beiden sich selbst überlassen und erleben in einer Zeit ohne Regeln und einem Land ohne Ordnung allerhand.
Anstatt Liebe herrscht Gewalt und Lüge über weite Strecken des Buchs. Gewalt, den Jungs angetan oder von den Jungs ausgeübt. Sie ist das einzige Mittel, in einer verrohten Welt, in der nichts ist, was es zu sein scheint, zu überleben. Um zu überleben, denken sich die Jungs „Übungen“ aus: Übung in Fasten, Übung in Grausamkeit, Übung in Schweigen. Sie wissen, dass das Einzige, woran sie sich halten können, das ist, was sie selbst gesehen und schonungslos direkt aufgeschrieben haben: „Die Wörter, die die Gefühle definieren, sind sehr unbestimmt, es ist besser, man vermeidet sie und hält sich an die Beschreibung der Dinge, der Menschen und von sich selbst, das heißt an die getreue Beschreibung der Tatsachen“. Erst allmählich erkennen sie, dass die Tatsachen verschieden gesehen werden können und etwa nach der Meinung von Einigen die Besatzungstruppen im Lande, die „behaupten, unsere Verbündeten zu sein, in Wahrheit unsere Feinde und diejenigen, die bald kommen und den Krieg gewinnen werden, sind keine Feinde, sondern im Gegenteil unsere Verbündete“. Solche Widersprüche durchziehen das Buch und tragen als Spannungselement zu spektakulären Wendungen bei.
Der Roman fasziniert darüber hinaus in sehr starkem Maße durch seinen Stil. Die Autorin benutzt weitgehend Hauptsätze, die direkt, schnörkellos und kurz sind. Fragen lockern den Text dagegen häufig aus und treiben die Handlung, die in kurze Kapitel aufgeteilt ist, voran.
Eine kurzweilige Lektüre.
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@ Zachor
Eine sehr gute Rezension eines tatsächlich bemerkenswerten Buches. Titelgebend ist ein Heft, in welches die Zwillingsbrüder alles eintragen, was sie als wahr erkennen. Die kindliche Erzählperspektive wäre unbedingt noch erwähnenswert und das emotionsbereinigte Beschreiben der vorgefundenen Realität. Diese kontrastiert mit den gefühlsgeleiteten Beweggründen der Zwillinge, sich in der Realität zurechtzufinden, sich ihr zu stellen. Ein absolut lesenswerter Roman. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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