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„Verehrte Kollegin G***!
Anläßlich Ihres
45-jährigen Betriebsjubiläums
Wird Ihnen auch im Namen der
Betriebsgewerkschaftsleitung
Dank und Anerkennung für
Aktive Mitarbeit bei der Lösung der betrieblichen
Aufgaben und Ihre jderzeit hohe
Einsatzbereitschaft ausgesprochen.
Sgh., 7.4.1987
i.A. St***
Betriebsgewerkschaftsleitung“
Eine nette Geste: Frau G., deren Name hier nichts zur Sache tut, blickt auf eine Tätigkeit von 45 Jahren in einem und demselben Betrieb zurück. Die Gewerkschaftsleitung beschließt, ihr dazu mit einem Buch zu gratulieren. Eine menschliche Geste. Die Gratulation findet sich eingeklebt in einem Buch, das ich gestern für 50 Cent auf einem Trödelmarkt, dem größten des Ostens, erstand.
Wieviele Fragen doch so ein Buch aufwerfen kann! Wer war Frau G., die etwas fertigbrachte, was uns heute unmöglich erscheint, nämlich ein Menschenalter im selben Unternehmen zu verbringen? Welches Unternehmen mag das wohl gewesen sein? War das in der BRD oder der DDR? Für die BRD spricht, dass keine Floskeln und typische Anredeformen benutzt wurden („Genossin“). Für die DDR spricht, dass es sich beim Buch um eine deutsch-ungarische Gemeinschaftsausgabe von 1985 handelt. Das Buch war nur für den Vertrieb in den sozialistischen Ländern zugelassen, demnach in der BRD wohl nicht zu kaufen. Dabei handelt es sich um eins der Lieblingsbücher meiner Kindheit: „Aus der Geschichte der Dummheit“. Der Verfasser war „der geistreiche Kulturhistoriker István Réth-Végh (1870-1959“ (Klappen- oder Paratext). Der Inhalt des Buchs: die Vielfalt menschlicher Dummheit und wie manche (oder auch: viele) davon bis heute weiterleben. Es geht darin um Manifestationen von Aberglauben (die Zahl 13), um Hexenwahn, Teufelsaustreibung, Zaubermittel und wie sie hergestellt wurden etc. Der ganze Kosmos dessen, wie die Menschen sich weigerten, selbst und eigenverantwortlich zu denken und Verantwortung zu übernehmen. Die Negativfolie des Buchs, seine unausgesprochene Aufforderung war die philosophische Ermunterung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, Vorgaben und Dogmen kritisch zu hinterfragen, mit offenen und dennoch zugleich wohlmeinenden Augen durch die Welt zu gehen. Ich zumindest las das Buch damals, in den 1980ern, in diesem Sinne.
Und nun begegnet mir das Buch, das ich lange schon suche, denn das alte überlebte die vielen Umzüge nicht, erneut. Mit dieser Gratulation auf dem Titelblatt, von der ich nicht weiß, ob sie mich berühren soll oder ob ich mich ihretwegen aufregen soll. Denn da ist diese Frau G. , die kurz vor der Pensionierung stehen muss. Wir befinden uns in der zweiten Hälfte der 1980er. Frau G. musste wohl in etwa 1942, mitten im Krieg, wenn andere eine Ausbildung oder Studium beginnen, ins Berufsleben einsteigen. Womöglich hat sie sich einigermaßen hochgearbeitet, doch zu mehr als einer „i.A.“ Unterschrift des Betriebsrates und einer kühl-distanzierten Anrede „verehrte Frau G.***“ hat es nicht gereicht. Kein menschlicher Ton, nirgends.. Auf jeden Fall ist sie dem „Betrieb“ über 45 Jahre lang treu geblieben. Und bekommt zum Abschied nach einem Arbeitsleben, das anderen als gesamtes Leben nicht zur Verfügung steht, ein Buch namens „Aus der Geschichte der Dummheit“ geschenkt. Eigentlich eine menschliche Geste, die es heute wohl kaum mehr gibt, da es solche Erwerbsbiographien nicht gibt. Und dennoch eine Hinterhältigkeit sondergleichen, jemandem auf diese Weise mitzuteilen, was man von ihm hält. Nachdem man die Person – ob im Namen des Kapitalismus oder des Kommunismus ist einerlei – so lange ausgebeutet hat.
Frau G. muss 1987 etwa 65 Jahre alt gewesen sein. Heute ist oder wäre sie ca. 88-90. Zu wünschen bleibt, dass sie ob des Giftes in diesem Geschenk nicht zu viele Tage verloren und nach einem beispiellos langen Arbeitsleben ihren Ruhestand genossen hat.
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In der Nachbarkiste, also neben der menschlichen Dummheit, eine Reihe gut erhaltener Exemplare aus dem einzigartigen Verlag „Volk und Welt“. Darunter die dreibändige, mit rotem Umschlag versehen Ausgabe von Scholochows „Der stille Don“. Ich öffne den ersten Band und ein Zettel fällt mir in die Hand: „Ein kleines Andenken zum 30-jährigen Betriebsjubiläum von Ihren Arbeitskolleginnen und Kollegen“. Unterschrieben von Rosmarin H., Christel B. usw. Letze Zuckungen eines einstigen Leselandes. Bandweise 50 Cent.
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Bücher können Geschichten erzählen, auch ausserhalb ihrer Zeilen. Wer hat es gelesen, wer vorher in der Hand gehalten? Was hat der Vorbesitzer beim Lesen empfunden, lag es auf dem Nachttisch oder stand es in der zweiten Reihe im Regal?
Steht dann noch eine solche Widmung in dem Buch, tauchen, wie bei Ihnen, andere Fragen auf. Bücher als Zeitzeugen der Geschichte, die zu Gedanken anregen, was will der Leser, Blogger, Schreiber mehr.... :) |
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das ist aufregend, wahre fundstücke! wobei ich gar nicht aus dem kopfschüttlen herauskomme: 50 cent pro band? es ist ein jammer
würden heute zu betriebszugehörigkeitsjubiläen (die in diesen fällen ja eher jahrestage waren) bücher verschenkt - ich möchte mir gar nicht ausmalen, welche das wären. Hirschhausen? Sarrazin? Jaud? |
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Schöne Geschichte, Zachor! Weil ALLES darin ambivalent ist. Auch die Tatsache, dass Dir jetzt "dieses Buch begegnet", nach dem du (aus rein sentimentalen Gründen?) "so lange gesucht" hast. Ein "Lieblingsbuch" aus Deiner Kindheit, als "Dummheit" (Aberglaube) noch - so stelle ich mir das vor - auch einen bestimmten Zauber/ Faszination besaßen. Ausgerechnet in dem Buch, welches eine "unausgesprochene Aufforderung war die philosophische Ermunterung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen", hat die 'Widmung' eines Menschen, seines langen, ununterbrochenen, wohl auch 'konfliktfreien' Arbeits- also Ausbeutungslebens etwas zynisches. Und dass der Subtext "Dogmen kritisch zu hinterfragen" diesen Menschen erst am Ende seines Lebens erreichen...
Und dann der 'Ausverkauf' solcher Erwerbsbiographien. Die heute nur noch 50 Cent wert sind. Die auf dem Trödelmarkt ausrangiert werden. Und überhaupt: Büchergeschenke zum Jubiläum? Gibt's das überhaupt noch? |
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Danke für die Blumen.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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