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Selten erscheint dieser Tage der Name von Herta Müller ohne, dass im gleichen Atemzug auch der ihres früheren Ehemannes, Richard Wagner, genannt würde. Im Gegensatz zu Müller, deren erster Erzählband von Experten gerühmt wird, ist das Frühwerk von Wagner hierzulande weitgehend unbekannt. Dies ist zu bedauern, weil insbesondere seine frühen Gedichte ein interessantes Beispiel für die rumäniendeutsche Enzensberger- und Friedrezeption in den 1970er Jahren darstellen. Dies verdeutlichen etwa mehrere Gedichte des Bandes „die invasion der uhren“ (Bukarest 1977).
„schon den ganzen tag über
lag ein schatten auf der markthalle
irgendein undefinierbares etwas
zeigt uns die kalte schulter
fühlt sich wie gar nichts an
reagiert überhaupt nicht
ist einfach unansprechbar“ (marktlage)
Die Reminiszenzen an des jungen Enzenbergers „An alle Fernsprechteilnehmer“ sind offensichtlich. Doch während Enzensberger unter den Bedingungen und Umständen bundesrepublikanischer Meinungsfreiheit vor dem unsichtbaren, alles lähmenden und tödlichen „etwas“ warnt, beschreibt Wagner hier das beschattete Ausgeliefertsein des Individuums in der grauen sozialistischen Realität. Im Gegensatz noch zum Agitprop und den stalinistischen Huldigungsgedichten rumäniendeutscher Dichter aus den 50ern (Alfred Margul-Sperber), wird hier einer Abwendung vom System das Wort geredet. Das anonyme, ungreifbare System ist „unansprechbar“. In der sozialistischen Einheitsgesellschaft ist ein selbstbestimmtes, selbst entworfenes Dasein nicht unmöglich, lautet die Kritik an den Zuständen in diesem Gedicht. Engagierte, systemnahe Lyrik sieht anders aus.
Das Gedicht „dialektik“ entzaubert die Hauptvokabel des „Diamat“, indem es den unentwegten gesellschaftlichen und politischen Fortschritt thematisiert und somit eine Absage an die Vision vom Erreichen eines sozialistischen Endpunktes der menschlichen Geschichte erteilt.
Die „notizen zum 1. mai“ beschreiben eine Flucht vor dem „wald von fahnen losungen und leuten“, das Unverständnis der jungen Generation, die mit den Klassenkämpfen der älteren Generation nichts anzufangen weiß und sie schließen mit der Forderung „dann machen wir schluß“.
Das ironische, mit „standpunkt“ überschriebene Gedicht beendet den Band:
„wir lassen uns nicht beirren
das vertrauen in die gegenwart
hält uns auf den gerüsten
wenn andere zu schielen beginnen
schreiben wir uns auf die brust
hier ist alles in ordnung
unsere bauten wachsen langsam
aber sie wachsen uns nicht über den kopf
wir sagen
jeder irrtum hat bewußtseinserweiterung
zur folge
auf den gerüsten hält uns
das was wir bauen“
Richard Wagners Lyrik hat zum Fall der Berliner Mauer bestimmt nicht viel beigetragen. Doch welches Gedicht kann das von sich schon behaupten? Diese Lyrik ist dennoch ein Teil der deutschen Literaturgeschichte, der unter Berücksichtigung der zeit- und lokalimmanenten Bedingungen bewertet werden muss. D.h. die Bedingungen einer Diktatur, die kein Aufmucken duldete, sind bei den Erwartungen und der Interpretation genauso zu beachten wie die 1975 erfolgte Zerschlagung der „Aktionsgruppe Banat“. Die politische Lyrik Wagners ist mit den Werken der rumäniendeutschen oder rumänischen Autoren aus der damaligen Zeit in Beziehung zu setzen und vor diesem Hintergrund zu beurteilen. Sie bleibt m.E. in ihrer literarischen, ästhetischen Qualität hinter dem (Früh)Werk von Herta Müller zurück. Dennoch gilt: eine nüchterne, neugierige Lesart, die zu bezwecken der Sinn dieses Beitrages ist, kann dazu führen, ein eigenes und eigentümliches Kapitel deutscher Literaturgeschichte jenseits marktschreierischer Polemik kennenzulernen. Falls es dem einen oder anderen Leser ein paar Mußestunden ermöglicht und ihn sogar innehalten und nachdenken lässt, hat es die wesentliche Aufgabe der Literatur erfüllt. Literatur, und die Lyrik zumal, ist Flaschenpost. Ungewiss, ob sie ihr Ziel je erreicht, falls sie denn eines hat.
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Richard Wagner war ein Dichter Systems.
Er trat 1972 in die Rumänische Kommunistische Partei ein. Ab diesem Zeitpunkt studierte er Germanistik in Temeschburg/Temeswar mit oder ohne Segen der Partei, aber mit einem roten Büchlein in der Tasche. Ob er das "System seines Genossen Ceausecu" in der Tat mit der "Metapher" verändern wollte, ist fraglich. Immerhin wollte er dichten - er hat gedichtet, mit Talent, und er hat die so genannte "Aktionsgruppe Banat" angeführt ohne Lust, Gedichte im Westen veröffentlichen zu wollen, im Gegensatz zu William Totok (heute wie Wagner und Müller in Westberlin lebend). Wagner wollte nur so tun "als ob". Ein "Dissident sein wollte Wagner - nach eigener Aussage - nicht. Er wollte nicht - mit ein paar gedruckten Gedichten und einigen weiteren imKopf - in den Westen abgeschoben werden. Er wollte in Rumänien bleiben - und als "Minderheit in der Minderheit" publizieren, als Journalist wirken etc. unter den Bedingungen des "kommunistischen Systems des Ceausescu", das Wagner bis 1985 tolerierte, obwohl es längst verbrecherich war. 1984 heiratete Genosse Richard Wagner die heutige Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die BRD betrachteten beide mit Skepsis. Ausreisen wollten sie nicht. Aber sie kamen trotzem, 1984 und 1985, nahmen Preise entgegen und Wagner nahm am Schriftstellerkongress in Münster(Westfalen) 1985 teil. Beide, Herta Müller und Wagner,kehrten freiwillig in die Ceausescu-Diktatur zurück. 1984 setzte sich ihr Mentor Nikolaus Berwanger, KP-Mann und Antifaschsit, Chef der banater Minderheit und Chef der Neuen Banater Zeitung in Temeschburg hier in die BRD ab. Eine neue Situation? Strategiewechsel? Müller und Wagner begannen mit einer potentiellen Ausreise in den bis dahin verschmähten Westen zu sympathisieren. Die Ägide Berwangers war weg. Irgendwann stellten beide einen Ausreiseantrag - darüber gibt es literarische Zeugnisse "Ausreisantrag, Begrüßungsgeld" - Belletristik mit diversen biographisxchen Ungenauigkeiten. Richard Wagner, der Dichter, der die Diktatur mit der Metapher verändern wollte? - schrieb auch ein Gedicht über die Lüge . Man ertrug die Lüge so lange, bis man selbst log. Nach 1987 ging es hier im Westen munter weiter - mit einer Selbstinszenierung als "Dissident", der man doch nicht sein wollte, wobei die echte Dissidenz anderer Widerständler einfach geleugnet wurde. Was wurde aus dem strammen Kommunisten Richard Wagner, der fast sein gesamtes politische Leben in dieser später als "illegitim und verbrecherisch" eingestuften KP verbrachte - ein ebenso strammer Anti-Kommunist, der heute opportunitisch ganz anderen Werten das Wort redet, u .a. auf der Achse des Guten des Publizisten Henrik Broder. Die Vergangenheit ist vergessen. Wer gegen Herta Müller und Richard Wagner ist, wer unbequeme Fragen stellt, wer nachforscht, der wird mit Anwälten und Gerichten bedroht - oder gleich der Securitate zugerechnet, der alten oder der neuen SRI. Die eigene Vergangenheit aber und das Heulen mit den Wölfen sollen unbekannt bleiben. Unterm Teppich! Alles Schnee von gestern! Bleiben wir bei der Dichtung - und pfeifen wir auf die Wahrheit. Carl Gibson |
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Leseprobe zu "Miss Bukarest. Roman." von Richard Wagner
Ich horchte Erika aus, so gut ich konnte. Es war nicht besonders schwer. Sie redete gern und viel. Ich mußte sie nur auf die richtigen Themen bringen. Aber seine Grenzen hatte das auch. Mein Interesse an Erika durfte sich nicht plötzlich verstärken. Es mußte alles bleiben, wie es war. Ich konnte mich nicht über Nacht Erika zuwenden. Das ging schon wegen Lotte nicht. Und auch Erika gegenüber wollte ich kein gesteigertes Interesse zeigen. Es konnte nur zu Mißverständnissen führen. Ich wollte mich ja nicht mit Erika zusammentun. Ich liebte Lotte. Und weil das auch Erika klar war, mußte sie sich doch fragen, woher mein Interesse kam. Also hielt ich mich zurück, und Saracu reichten die Informationen bald nicht mehr aus. "Schützt du sie vielleicht", fragte er mich eines Tages. Er meinte Erika. Ich schüttelte den Kopf, erklärte ihm mein Problem. "Wir wollen natürlich nicht deine Ehe zerstören", sagte er. "Wir brauchen eine Ergänzung." Und damit kam Saracu auf die Idee, Erika anzuwerben. Eine richtige Securisten-Idee. Er beauftragte Razvan damit. Dieser setzte bei Dieter an. Ausländerkontakte. Man habe nichts gegen sie, gegen Erika Binder, aber Gesetz ist Gesetz, und die Aufgabe der Sicherheitskräfte sei nun mal, darauf zu achten, daß das Gesetz eingehalten und die Staatsinteressen gewahrt werden, sagte Razvan. Ob sie vielleicht was gemerkt habe? Dieter sei bestimmt ein guter Kerl, aber was er denn für Freunde habe? Unter den Freunden stößt man manchmal auf die größten Überraschungen. |
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Was ist das, große Literatur vielleicht?
Oder schreibt so jedermann, der des Schreibens mächtig ist? Was weiß Richard Wagner von der "Securitate"? Nicht allzu viel! Er saß einmal eine Woche im Arrest, zusammen mit Kritiker und Übersetzer Gerhard Csejka, Schriftsteller Gerhard Ortinau und Journalist bzw. Poet William Totok. Totok wurde angeklagt und musste 8 Monate in den Temeschburger Knast Popa Sapca, wo später auch ich einsaß. Die Drei aber kamen frei. Was macht Richard Wagner aus dieser Episode? Einen Mythos! Er sei "in Haft" gewesen und von der Securitate verfolgt worden! Dass es nur ein paar Tage U-Haft waren, sagt er nicht. Das Ganze war 1975. Zehn Jahre später war Wagner immer noch Mitglied der RKP (nach seiner Auffassung der führenden politischen Kraft im Land! - Schreiben an KP-Mann Pacoste.) Er erzählte Herta Müller von dem Abenteuer. Und was machte Herta Müller daraus: Fiktion! Dort unten in der Temeschburger Securitate- Zentrale am Leontin-Salajan-Boulevard soll es Zellen geben, meinte Frau Müller. In der Tat! Wir, die Oppositionellen, saßen darin mehrfach - und über eine Woche hinaus. Carl Gibson |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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