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Der Umkehrschluss wäre: "Schaffung von Arbeitsplätzen durch Steuererhöhungen"!
Zunächst ein paar Zitate zur Begriffsklärung:
Der Grundansatz, durch Steuersenkungen Wachstum erzeugen zu wollen, sei grundfalsch, sagte Peter Bofinger der "Saarbrücker Zeitung".
(Sh. "Wirtschaftsweiser Bofinger höhnt über Steuersenkungen", echo-online.de, 9.12.2009.)
"Zehn Prozent der Steuerzahler zahlen mehr als fünfzig Prozent der Steuern!"
(Übliche Lüge zur Wählertäuschung und Umverteilung nach oben in den Talkshows usw.)
Geringverdiener für Steuersenkungen
Auffallend ist, dass der Wunsch nach Steuererleichterungen offenbar im direktem Zusammenhang mit den eigenen wirtschaftlichen Verhältnissen steht. Menschen mit geringem Einkommen, in unserer Befragung mit einem Haushalts-Nettoeinkommen von weniger als 1500 € im Monat, plädieren zu 49 Prozent für Steuersenkungen. In dieser Gruppe lehnen sie 45 Prozent ab. Bei Befragten mit höherem Einkommen hingegen (3.000 € netto und mehr im Monat), die ja vermutlich auch sehr viel mehr Steuern bezahlen als Geringverdiener, ist der Wunsch nach Entlastung hingegen kaum ausgeprägt. In dieser Gruppe wünschen sich nur 31 Prozent geringere Steuern, 69 Prozent lehnen die geplanten Steuersenkungen ab.
(Sh. "ARD Deutschlandtrend Januar 2010 – Keine Mehrheit für Steuersenkungspläne", tagesschau.de, 8.1.2010.)
Am dringendsten werden demnach wohl "Steuersenkungen" von jenen gefordert, die wegen ihres geringen Einkommens gar keine Steuern bezahlen. Sie betrachten nämlich ihre hohen Sozialabgaben als "Steuern", wie das auch im englischen Sprachgebrauch geschieht (z.B. "retirement tax"). Sie verwechseln "Steuern" mit ihrem Oberbegriff "Abgaben". Die Sozialabgabenquote ist aber in Deutschland besonders hoch, weil die Steuerquote hier im internationalen Vergleich so niedrig ist. Sie können also der FDP auf den Leim gehen, weil sie ihnen "Steuersenkungen" verspricht.
Auch wenn diese Einkommensschwachen überhaupt keine Einkommensteuer bezahlen, ist ihr Einkommen doch oft mit einer höheren Steuerquote belastet als das Einkommen eines Milliardärs, denn die Lohnsteuer und veranlagte Einkommensteuer machen zusammen nur knapp ein Drittel der staatlichen Steuereinnahmen aus (sh. "Steuereinnahmen nach Steuerarten", bpb.de), und der "durchschnittliche effektive Steuersatz" bei der Einkommensteuer von Personen mit einem Jahreseinkommen von mehr als 88.948 Euro liegt gerade mal bei 23,8 Prozent (sh. "Einkommensteueranteile", bpb.de, Stand 11.1.2010). Von der gesetzlichen Krankenversicherung können sich diese Besserverdiener befreien lassen, und zu den anderen Sozialversicherungen zahlen z.B. angestellte Einkommensmillionäre nur den minimalen Anteil ihres Einkommens bis zu den Beitragsbemessungsgrenzen.
Dagegen hat der "steuerfreie" Geringverdiener eine durchschnittliche Belastung mit Sozialabgaben von mehr als 20 Prozent, weil es hierfür keinen Freibetrag gibt, und sein Arbeitgeber zahlt auch noch einmal 20 Prozent, die das Einkommen ebenfalls belasten. Darüber hinaus hat der Geringverdiener eine höhere anteilige Belastung seines Einkommens mit den Verbrauchssteuern als der Einkommensmillionär, denn dieser kann einen hohen Anteil seines Einkommens auf dem internationalen Finanzmarkt anlegen, während das Einkommen des Geringverdiener fast vollständig in die Binnennachfrage fließt. Auch die zusätzlichen Steuereinnahmen des Staates fließen fast vollständig in die Binnennachfrage, schaffen also ebenfalls Arbeitplätze. Damit ist auch der Hohn von Bofinger auf die Steuersenkungen zur angeblichen Schaffung von Arbeitsplätzen zu erklären. In Wirklichkeit handelt es sich dabei um eine "Arbeitsplatzvernichtung durch Umverteilung nach oben" (sh. rossaepfel-theorie.de).
Die Lösung wäre unter anderem eine Rückkehr zum Spitzensteuersatz der Wirtschaftswunderjahre und der erfolgreichen skandinavischen Staaten mit deutlich mehr als 50 Prozent. Mit diesen und anderen Maßnahmen könnte auch der Mittelstandsbauch beseitigt und die Sozialabgaben gesenkt werden (sh. hier die Vorschläge im Anschluss an den Blog "Lohn-'Enthaltsamkeit' zur Umverteilung nach oben").
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Aufschlussreicher Artikel, wobei ich mir bei dem Mittelstandsbauch und dessen Wert noch nicht ganz sicher bin. Es wäre nett, wenn die Bedeutung/Definition dessen in diesem Zusammenhang erklärt würde. Das auch vor dem Hintergrund der Bedeutung innerhalb der Gesamtgesellschaft.
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@Namenlos Sinn und Zweck des "Mittelstandsbauchs" oder "Steuerbauchs" sind schon in dem zitierten Blog "Lohn-'Enthaltsamkeit' zur Umverteilung nach oben") angedeutet:
Guardian of the Blind hatte dazu geschrieben:
Den Tarifknick sieht man im Verlauf der folgenden, fast parallel laufenden Kurven für 2005 bis 2008 und 2010.
(Grafik sh. Wikipedia: "Historie_Einkommensteuer_D_Grenzsteuersatz.jpg".) Es handelt sich um den Anstieg des Steuersatzes im Verlauf der Progression nach dem Grundfreibetrag und Eingangssteuersatz bis zum Höchststeuersatz. Wie man sieht, begann die Progression noch in 1996 bis 1997 mit einem Eingangssteuersatz von 26 Prozent und stieg an bis zum Höchststeuersatz von 53 Prozent. Erst von 2005 bis 2008 wurde der Tarifknick voll wirksam. Um ihren Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent zu senken, haben sich die Neoliberalen mit einer Absenkung des Eingangssteuersatzes von 26 auf 15 Prozent gerechtfertigt. Allerdings war dessen Anstieg auf 24 Prozent so steil, dass schon ein Geringverdiener mit seinen Einkommensspitzen in diesen Bereich kam. Ein Durchschnittsverdiener liegt nun mit seinen Einkommensspitzen bei etwa 33 Prozent und hat im Vergleich zur Jahrtausendwende nur eine Steuerersparnis von drei Prozentpunkten, während die überbezahlten neoliberalen Meinungsmacher zusätzlich zu diesen Tarifvorteilen auch noch die Senkung ihres Spitzensteuersatzes um 11 Prozentpunkte als Steuergeschenk kassieren. Das ergibt für die Minister und Chefredakteure schon mehr als das gesamte Jahreseinkommen von zwei Hartz-IV-Empfänger oder Empfängern von Grundsicherung im Alter. Für einen Einkommensmillionär bedeutet das eine Steuerersparnis von 110.000 Euro je Einkommensmillion plus Solidaritätszuschlag (sh. rossaepfel-theorie.de). |
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schrieb am
11.01.2010 um 17:27
Vielen Dank - Frage beantwortet. Damit steht mein Berufswunsch für die nächsten Jahre fest: Chefredaktuer. (kleines Scherzchen)
Aber lustig ist es schon, wie vor diesem Hintergrund die Schlagzeilen die positiven Seiten der neuen Zeit verkaufen und wie gern das geglaubt wird. |
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Klasse Artikel, danke!
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Pflichte meinen Vorrednern bei. Klasse Übersicht über die Auswirkungen der deutschen Abgabensysteme. Ein klitzekleiner Kritikpunkt - die Beiträge zur Sozialversicherung sollte man nicht nur als "Belastung" bezeichnen (auch wenn es viele Geringverdiener ja gerade auch so empfinden).
Es ist schon bedauerlich, dass viele Bürger nicht einmal in der Lage sind, zwischen Steuern und Sozialabgaben zu unterscheiden. Steuern sind gemäß der AO Geldleistungen an den Staat ohne konkrete Ansprüche auf eine Gegenleistung - mit Beiträgen zur Sozialversicherung erwirbt man jedoch solche konkreten Ansprüche. Wenn auch bedauerlicherweise immer geringere. Immerhin werden durch diese Beiträge ja die Lebensrisiken noch am günstigsten abgedeckt - die meisten werden sich noch umsehen, wenn sie merken, was die neue Regierung mit der Kopfpauschale, der Teil-Privatisierung der Pflegeversicherung und der weiteren Privatisierung der Rente anrichten wird. Mehr Brutto vom Netto gilt eh nur für die oberen Zehntausend... Meines Erachtens sollte man auch eher einmal über Freibeträge bei den Beiträgen zu den Sozialversicherungen nachdenken, um so auch eine kostenlose Grundversorgung für alle zu gewährleisten - in Verbindung mit einer Bürgerversicherung und Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen. Gut, auf absehbare Zeit aus politischen Gründen nicht realisierbar. |
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Dennis82 schrieb:
Meines Erachtens sollte man auch eher einmal über Freibeträge bei den Beiträgen zu den Sozialversicherungen nachdenken, um so auch eine kostenlose Grundversorgung für alle zu gewährleisten - in Verbindung mit einer Bürgerversicherung und Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenzen. Gut, auf absehbare Zeit aus politischen Gründen nicht realisierbar. Damit bin ich 100 Prozent einverstanden. "Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat" (Art. 20 GG Abs. 1). Das verträgt sich m.E. nicht mit Beitragsbemessungsgrenzen in der Kranken- und Pflegeversicherung und schon gar nicht damit, dass die deutsche Einheit einschließlich der Zusatzkosten für die unterfinanzierte ostdeutsche Rentenversicherung allein von den Arbeitnehmern getragen werden (sh. rossaepfel-exkurse.de/Sammlung.htm#Rentenklau0). Für die Kranken- und Pflegeversicherung gilt ohnehin nicht die Proportionalität von Beitragsleistung und Gegenleistung. In der Renten- und Arbeitslosenversicherung ist dieses "Äquivalenzprinzip" auch nicht gerade sozialstaatsgemäß, wie man an diversen Staaten im Norden und Süden von Deutschland sehen kann. Die Kosten des Sozialstaats müssten also, wie in den erfolgreichen skandinavischen Ländern, viel mehr über Steuern und weniger über Sozialabgaben finanziert werden. In Dänemark wird fast alles über Steuern finanziert, und die Arbeitslosenquote ist dort nur halb so hoch wie hierzulande. Die Steuerfinanzierung entspricht auch deshalb dem Sozialstaatsprinzip, weil sie – im Gegensatz zur Beitragsfinanzierung – progressiv nach Leistungsfähigkeit erfolgt. So gesehen sind die Sozialabgaben für den Arbeitnehmer eine echte "Belastung", die man viel besser über Steuern verteilen könnte. |
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Im Grunde sind wir einer Meinung. Was die Steuerfinanzierung angeht, habe ich allerdings immer wieder Bauchschmerzen. Grade die Kopfpauschale, die Rösler vorschwebt, soll ja genau nach diesem Prinzip funktionieren, ein gewisser Ausgleich durch steuerliche Zuschüsse an Geringverdiener.
Weiteres Problem: Welche Steuern zieht man dann für die Finanzierung der dann gekürzen Sozialabgaben heran? Ich befürchte, dass über eine noch höhere indirekte Besteuerung mittels Verbrauchs- und Umsatzsteuern gerade der ärmere Teil seine Zuschüsse selbst finanzieren soll. Während man die Einkommen-, Unternehmens-, Erbschafts- und Vermögenssteuern noch weiter absenkt bzw. nicht einführt. So sehr ich das skandinavische Modell im Grunde auch schätze - was mir dort wenig nicht gefällt, sind die sehr hohen Verbrauchs- und Umsatzsteuern. Steuerzuschüsse machen schon Sinn - eben für die Bereiche, die beitragsfremde Leistungen beinhalten. Ich würde eher eine Änderung im System der Sozialabgaben wie bereits angeregt über Freibeträge und eine Bürgerversicherung vornehmen, Wegfall der BBG und dazu eine Leistungsdeckelung. Praktischerweise könnte man also bei der Ermittlung aller Einkunftsarten im Rahmen der Einkommensteuer Sozialbeiträge erheben. Könnte... Die Beitragsbemessungsgrenzen verhöhnen ja Art. 14 Abs. 2 GG regelrecht - denn sie wirken degressiv. Je höher das Einkommen, desto geringer die Belastung. Und es gibt sogar sehr viele Gutverdiener, die sich und ihre Familien deshalb in der GKV absichern - natürlich mit ergänzenden Privatversicherungen. |
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Dennis82 hat geschrieben:
Einverstanden! Die Steuerfinanzierung nach FDP-Trickserei mit ihrem Mit der Steuerquote von Dänemark von etwa 47 Prozent (Deutschland 21 Prozent - Selbst ohne Erhöhung der Mehrwertsteuer wäre das möglich. Natürlich wird
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Ausgabe 06/12
09.02.2012
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