Georg von Grote

Blog von Georg von Grote

29.01.2012 | 06:20

Filmkritiker – Arbeit am Abgrund des ganz normalen Wahnsinns. Teil 2

Teil 2: Lehrjahre

 

Wo waren wir stehengeblieben?


Ah Ja, „Hääääääääääänkiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“


Klang irgendwie freudig, also ging ich weiter, traute mich in die Höhle des Löwen. Und da stand er nun in voller Größe. Breit grinsend, ich durfte sogar Händchen drücken. Frauke hatte mich inzwischen als guten Freund vorgestellt. Dass sie und Stone schon lange gute Freunde waren, hätte sie mir auch vorher sagen können, da wäre ich entspannter gewesen. Zum Glück ging es um „JFK“, nicht um „The Doors“. Ich glaube dann hätte auch Frauke nichts mehr retten können. Denn ich war und bin Doors-Fan- Schließlich bin ich nicht umsonst mit 16 mit einem Kumpel abgehauen, nach Kopenhagen getrampt, nur um Jim Morrison live zu erleben. Okay, ging schief, weil Jim voll war wie ne Haubitze und zugekifft bis in die Haarspitzen. Wir haben damals den Ausflug erweitert und sind zum nächsten Konzert nach Stockholm getrampt. Da war Jim voll fit. Und dann kommt Oliver Stone und will mir nen Val Kilmer als Jim verkaufen? Der Film steht heute noch auf meinem persönlichen Index.

Aber zum Glück ging es ja um „JFK“. Und es wurde ein entspanntes Gespräch, obwohl es nur um Politik ging, um Verschwörungstheorien, um Einzeltäter, CIA, Mafia. Als wir fertig waren und langsam den Flur entlang schlenderten, sagte Frauke nur. „Gut gemacht. Feuerprobe bestanden“.
Frauke wurde kurzfristig meine Mentorin, später auch Freundin, bis sie leider von uns ging. Wir haben danach viele Interviews  miteinander gemacht. Manchmal ist es eben zu zweit besser, vor allem, wenn der oder die zu Interviewende als schwierig bekannt ist.  Auch als wir für konkurrierende Zeitungen arbeiteten, Sie AZ, ich tz. Irgendwie war da eine Symbiose. Was Film angeht, aber auch das menschliche. Die Redaktionen wussten das, hatten auch kein Problem, denn wir sprachen uns ab am Ende hatte jede ein anderes Interview auf dem Tisch.


Aber mal etwas zu Stone. Dank dieser Begebenheit hatte ich bei ihm Narrenfreiheit. Ich war ja der Freund von Hänki. Und man traf sich fast zu jedem Film. Ich kenne aber auch seine Schattenseiten.
„Natural Born Killers“. Mein Favorit. Geniale Medienschelte. Fand ein lieber Kollege, mit dem ich zu dem Film ein Interview mit Stone machte nicht und trat sofort ins Fettnäpfchen. „Was halten Sie davon, dass der Film überwiegend hier in kleinen Kinos gespielt wird.?“ Ich kam gar nicht erst dazu zu denken, ‚Bist Du wahnsinnig, so was zu fragen?‘, da ging Stone schon hoch wie eine Rakete. Brüllte, tobte, zitierte den Pressechef des Verleihs herbei, machte den, der ja gar nichts dafür konnte zur Schnecke, setzte sich wieder hin und meinte nur „ back to the business.“ Problem war nur, mein netter Kollege stellte eine Frage, Stone guckte demonstrativ aus dem Fenster. Ich stellte eine Frage, er schaut mich an und antwortet. Das Spiel lief eine Weile so. Bis es mir langte und ich stellte dann dieselbe Frage, wie mein Kollege. Siehe da, Stone dreht sich um schaut mich an, lächelt und antwortet. Am Ende hatten wir beide dann so ungefähr, was wir haben wollten.


Zurück zu meinem ersten Interview.
Das wollte die taz nicht. Stone stand offenbar da nicht auf der Liste. War quasi persona non grata. Konnte ich aber nicht wissen vorher. Hilfe kam aber von der Wochenpost. Kannte ich vorher nicht. War in München irgendwie nicht erhältlich. Die wollten aber. Und als ich dann das Exemplar in den Händen hielt, traf mich der Schlag. Ein riesen Format, absolut U-Bahn untauglich, aber Stone auf einer Doppelseite, im Feuilleton. Ich war stolz wie Bolle.
Ich im Feuilleton, quasi gleichberechtigt mit Althen, oder dem Theater-Kaiser-Guru von der SZ? Und das als Neuling.


Danach ging es richtig los. Plötzlich Anfragen zu Interviews, Zeitungen fragten nach. Können Sie nicht. Hätten wir gerne. Ich war kurz vor dem Abheben.
Plötzlich war das Leben schön. Die Agenturen und die Pressechefs der Verleiher streichelten Dich. Man flog durch die Gegend, ohne einen Pfennig zu zahlen. Quatschte mit Gesichtern, die man nur von der Leinwand kannte. Man fühlte sich wie Graf Koks in der Gasfabrik.


Dann kam Hof, kannte ich von früher aus Erzählungen und vom Vorbeifahren auf der Autobahn. Quasi das ElDorado deutscher Filmemacher. Okay dachte ich mir, da musste hin. Schließlich biste jetzt wer. Pustekuchen. In Hof gelten andere Gesetze. Die vom Badewitz., dem Festivalleiter.
Da wird Dir ein Quartier sozusagen von oben zugeteilt und in Hof muss man sich heranschlafen, bis man mal zentral logieren darf.  Bekam also eine Pension irgendwo in der Pampa zugeteilt. Dachte mir, mit mir nicht. Hängte mich ans Telefon, gab mich als irgendjemand aus der Wirtschaft aus und versuchte eine zentrale Unterkunft zu finden. Absage über Absage, Begründung, kein Zimmer mehr frei, weil Hofer Filmtage. Da kapierte ich, das Festival ist nicht nur in Hof, sondern Hof ist ein Festival.


Und Hof ist hardcore. Nicht nur, weil es Filme noch und nöcher gibt, das Publikum  ist fast noch härter. Eingeschworene Cinéasten-Gemeinde. Ausruhen konnte man nur an der Würstl-Bude vor dem Kino. Thüringer Rostbratwürste vom Feinsten. Partys fanden erst nach Ende des letzten Films statt, also ca 1:00 nachts.  Und da ging es ab. Da machten sich spätere Chefs eines US-Majors sogar zum DJ. Danach war aber nicht Schluss, denn jeder der dazugehören wollte, ging anschließend noch in die Galleria. Eigentlich nur ne Pizzeria, aber der Geheimtipp schlechthin. Und irgendwann musste man ja auch mal schlafen. Ging ja weiter am nächsten Tag, Treffpunkt morgens, Würstlbude vor dem Kino. Nach Hof war man urlaubsreif.


Urlaub gab es aber nicht. Die Verleiher bombardierten uns mit Filmen und Interviews und wenn du als Freier etwas bringen und verdienen willst, musst Du was schreiben.  Das Urlaubsproblem habe ich später dann dadurch gelöst, dass ich einfach an Auslandsjobs ein paar Tage drangehängt habe.


Nach Hof kam dann die nächste neue Herausforderung. Berlin. Berlinale. Wow! Nicht vergleichbar mit Hof. Viel schlimmer. Damals noch an der Budapester Strasse. Gut war, alle lieben Kollegen waren da.- Man war also nicht allein. Feste Abnehmer hatte ich auch. Zentrale Pension auch gefunden. Hotel wäre zu teuer gewesen, Spesen bekamen schon damals nur die angestellten Redakteure. Aber nicht wir, das Fußvolk, die die Arbeit machten.


Berlinale war toll, nur stressiger als Hof. Sozusagen Hof hoch 10. Jede Menge Filme, jede Menge Interviews und dann diese große Stadt in der man von einem Termin zum anderen hetzte.  Kalt war es auch noch Und, immer wichtig, Empfänge über Empfänge und dann Parties. Empfänge waren immer gut. Da konnte man nicht nur Kontakte knüpfen, sondern sich auch kostenlos den Bauch vollschlagen. Und beim „sich den Bauch vollschlagen“ kam man in Kontakt mit Redakteuren. Die saßen zwar den ganzen Tag stressfrei in ihren Redaktionen, aber bei „sich den Bauch vollschlagen“ waren sie dabei. Hat sich aber gelohnt die Kontaktpflege. Dem Bauch was gutes tun konnte man auf den Parties auch, aber da war dann eher Schlucken angesagt. Und  irgendwann musste man ja auch nach Hause.


Da hatte man vielleicht 1 – 2 Stunden Schlaf. Und dann fing man an in die Tasten zu hauen. Wer Glück hatte, dem hat der Pensionswirt schon mal eine Thermoskanne Kaffee hingestellt.
Schnell musste es gehen. Die nächsten Pressevorführungen begannen um  10:00 und in München und anderswo wartete man auf die Artikel. Damals berichtete man noch täglich über die Berlinale. Heute kann einer froh sein, wenn er mal außerhalb Berlin 2 absetzen kann.
Nur wie übermitteln? Internet gab es damals noch nicht, also auch keine e-mails. Fax gab es in meiner Pension auch nicht. Post? Dauert zu lange. Lösung des Problems die kleinen , aber gewieften Helferlein in der Telefonzentrale. Die rief man an. Bat um Rückruf. Sie wissen schon, freier Journalist, Kosten, Flatrates waren unbekannt. Man wollte sich ja nicht arm machen. Und dann diktierte man seine Ergüsse durchs Telefon und sie kamen perfekt auf der Gegenseite an. 1 Tag später konnte man dann im Kreise der Kollegen darüber lästern, was der eine oder andere geschrieben hatte.
Okay, nicht ausgeschlafen, Arbeit beendet, sich schnell noch ein Frühstück eingepfiffen, ein paar Wurstsemmeln auf Vorrat eingepackt und dann ging es ab. Auf die Berlinale.


Aber was passiert da eigentlich wirklich?

 

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Kommentare
Alien59 schrieb am 29.01.2012 um 06:35
Da kam ich gerade rechtzeitig zur Fortsetzung.
Es hört sich spannend an - auch ein bisschen "gute, alte Zeit". Und ein bisschen Traumjob. Was man nicht alles so werden kann, wenn man die Juristerei an den Nagel hängt ;-)

Ich lese auch gerne weiter.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 29.01.2012 um 08:25
"Man flog durch die Gegend, ohne einen Pfennig zu zahlen."

Musstest du deswegen zurücktreten?
Und hast du P. J. Hogan mal getroffen und dich für "Muriel's Hochzeit" bedankt? :o)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 29.01.2012 um 08:26
Ich hab mir für meinen Kommentar mal selbst 5 Sterne gegeben. Muriel's Hochzeit ist einfach zu toll.
Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 15:11
Hab ich sogar mal :-)
Und der Film ist wirklich klasse.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 29.01.2012 um 19:07
Grün. Supergrün! :o)
abghoul schrieb am 29.01.2012 um 09:14
Da kommt noch mehr Farbe rein, in die "subconcious visualisation", und natürlich nimmt der Soundtrack Formen an.
hahaha, draußen mag es grau sein, in meinem geist scheint die Sonne.
Alles deine Schuld, George, ab in die Ecke und schäm dich ;)

P.S.
chicago,... ich sach mal besser nicht unter welcher Art professioneller "Händler" das auch später noch lange ein Synonym für:"Alles Klar, und wenn einer Probleme macht kommen die Jungs und Regeln das" war.
Naja, "mach dir keine Sorgen, das wird schon", halt ;)
tlacuache schrieb am 29.01.2012 um 09:34
Freu mich wenn's im Freitag Online umsonst so weitergeht, spannend, aber egoistisch aus Grotesicht betrachtet:
Schreib ein Buch und die Leute sollen dafuer zahlen...
;-)
abghoul schrieb am 29.01.2012 um 10:34
hehe, bring den George nich auf "Ideen" sonst verpassen wir noch Part Three!
Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 13:41
Lach!
Ich schreibe gerade an einem anderen Buch. :-)
Und wer kauft sich schon ein Buch von einem durchgeknallten Filmkritiker, der über seinen Job ablästert? :-)
tlacuache schrieb am 29.01.2012 um 13:58
"Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 13:41
...Und wer kauft sich schon ein Buch von einem durchgeknallten Filmkritiker, der über seinen Job ablästert? :-)"

Die besten Story's sind die aus dem richtigen Leben, sach' ich mal so als...
;-)
Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 14:23
Nee, nee, nee

wenn ich jetzt anfangen würde, Geschichten über mein Leben zu erzählen, dann schickt mich irgendeiner noch in die Klappse, weil, das was wir uns manchmal trauten, ist heute eher unvorstellbar.
abghoul schrieb am 29.01.2012 um 14:45
Pass auf sonst fang ich an stories aus der Klapse zu schreiben, hehe, da gabs auch,.. naja die ein oder andere lustige Begebenheit.
Na gut, war schon Mangelware, so schmunzelbares.
Aber ist vorgekommen.
tlacuache schrieb am 29.01.2012 um 15:13
"abghoul schrieb am 29.01.2012 um 14:45
Pass auf sonst fang ich an stories aus der Klapse zu schreiben"...
Na dann mal RAUS damit !!!
;-)
abghoul schrieb am 29.01.2012 um 15:30
Halbseitig gelähmter "Kerl" typ, mit Schnauzbart und allen drum und dran, hatte gelernt ohne Rolli zu Stehen und das Bein einfach hinter sich her zu schlurfen, aber ganz offensichtlich halbseitig gelähmt.
Die Hand kleiner, das Bein immer voll schief usw.
Der wird von einer ReHa- Kursleiterin richtig laut zur Sau gemacht, mit Publikum, "warum er denn nicht zum Nordic Walking Kurs mitgehen wollte", und ist sich dabei fett am ablachen, wir, das Publikum, können auch schon längst nicht mehr anders, alle die neugierig dazukommen müssen auch gleich lachen.
Und weil wir ja alle so böse sind und "viel zu faul" und "den ganzen Tag ja nur in der Raucherecke draussen rumhängen wollen, wie der da", zeigt auf den Kerl,"müss da mal ein Wort mit der Verwaltung gesprochen werden".
Es hat, auch als der Kerl es ihr gesagt hatte, ewig gedauert bis sie verstanden hatte, warum sie sich so blamiert hatte.
Dann ist sie plötzlich, voll zornig und mit rotem Kopf davongerannt.
Nur mal so, zum Vorgeschmack.
tlacuache schrieb am 29.01.2012 um 16:41
"abghoul schrieb am 29.01.2012 um 15:30
Halbseitig gelähmter "Kerl" typ..."
DAS Buch kauf ich mir !!!
Ich hab' da auch so'n paar Dinger, weisst ja wo ich mich rumtreibe...
;-)
Streifzug schrieb am 29.01.2012 um 10:29
Wie war das mit E.T.?
abghoul schrieb am 29.01.2012 um 10:36
Der war auch Filmkritiker in einer "low tech Zeit" auf einem "low tech Planeten", deswegen musste der auch "Nach hause telefonieren" ;)
Maike Hank schrieb am 29.01.2012 um 10:47
Jetzt finde ich es fast ein wenig schade, dass ich Ihre kürzlich gestellt Frage, ob eine Verbindung zwischen mir und Hääääänkiiii bestehe, nicht mit 'Ja' beantworten konnte.

Ich werde dieses Jahr erstmals mit einer Presse-Akkreditierung die Berlinale besuchen : ) und wir wollen hier alle Beiträge zur Berlinale mit einem Portlet zusammenfassen. Ich lade Sie hiermit also schon einmal vorab dazu ein, mitzumachen. Ich würde mich sehr freuen.
Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 13:47
@Maike Hank,
deshalb ja meine vorsichtige Frage :-)

Und lieben Dank für die Einladung, aber im Moment habe ich den Kritiker-Job ein wenig in die Warteschleife verschoben, weil ich andere Prioritäten setzen wollte.
Werde aber noch laufend von den Agenturen und Verleihern informiert. Nur wirklich Aktuelles werde ich nicht beitragen können, höchstens etwas über Hintergründe.
Und viel Spaß auf der Berlinale, wobei ich irgendwie mit dem Potsdamer Platz nie wirklich warm geworden bin. Aber das klärt sich dann in der nächsten Folge auf :-)
Magda schrieb am 29.01.2012 um 12:22
Danke, auch dafür. Liest sich wie nix weg.
wahr schrieb am 29.01.2012 um 13:31
Auch von mir gerne gelesen. Danke.
Georg von Grote schrieb am 29.01.2012 um 20:19
Georg von Grote
Journalist und Cosmopolit. Ach ja, auch noch Jurist und Hobbykoch. Über die restlichen erlernten Fähigkeiten hänge ich vorerst lieber den Mantel des Schweigens. :-)
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