Georg von Grote

Blog von Georg von Grote

02.02.2012 | 00:17

Filmkritiker – Arbeit am Abgrund des ganz normalen Wahnsinns. Teil 7



Zickenalarm!



Früher, als Ava Gardner, Bette Davis, die Monroe, okay auch die Knef und andere noch lebten und arbeiteten sprach man von Starallüren. Man sah es ihnen verzeihend nach. Die durften das.


Heute nennt man es Zickenalarm. Zumindest intern, hinter vorgehaltener Hand, Man kannte ja seine Pappenheimer, also jetzt gar nicht wir, die Journaille. Wir hatten ja mit der täglichen Betreuung nichts zu tun. Wir bekamen nur manchmal etwas mit und sei es nur, dass wir es manchmal an den übermüdeten, manchmal auch verzweifelten Blicken der Betreuer erkannten.

Die hatten den Knochenjob, wenn Hollywood antanzte. Und Hollywood tanzte meist nicht allein an, da war ein Tross von manchmal bis zu 30 Leuten dabei, Oma und Opa inklusive.  Waren Kinder mit dabei wurden es noch mehr, denn jedes braucht mindesten 2 Nannys, damit die 24-Stunden Rundumbetreuung reibungslos lief. Und alles muss bis aufs letzte geplant, von den Bossen in den USA, selbst denen, die die hiesigen Verhältnisse gar nicht kannten „approved“ werden. Nach dem Motto, da wo ein Hollywoodstar aufschlägt, da muss es wie in Hollywood sein, auch mitten in der Wüste. Allein der Koffertransport war eine logistische Herausforderung.
Gut, es gibt da auch andere. Die kommen allein.

Jeff Bridges ist so einer, der nimmt höchstens seine Frau mit und hat oft nur einen Sonderwunsch. Museen und Galerien.

Andere wollen aber zwischendurch die neuesten deutschen Luxuskarossen ausprobieren. Also sitzen die Presse- und Marketingexperten des Verleihs tagelang am Telefon um bei Porsche, BMW, Audi  und Mercedes die neusten Highlights zu organisieren. Und möglichst auch die Schnellsten. Autobahn muss auch in der Nähe sein. Schließlich wollten die damit auch durch die Gegend brettern. Das unsere Autobahnen meistens verstopft sind und nichts mehr läuft mit Tiefflug auf der linken Spur? Nix da, wir wollen brettern. Also telefoniert man wieder tagelang mit Ämtern um ein Teilstück absperren zu lassen. Da durfte dann einer der Jungstars das Gaspedal eines Porsche bis zum Anschlag durchdrücken. Dem Werkstestfahrer auf dem Beifahrersitz soll dabei mulmig geworden sein, hörte man danach.


Harrison Ford bestand auf einer BO 105 (Hubschrauber), weil er gehört hatte, mit dem kann man auch einen Looping machen. Klar das er selbst fliegen wollte. Der Hubschrauber stand auch pünktlich zur Verfügung. Die, die mitfliegen durften oder eher mussten hatten noch tagelang keine Farbe im Gesicht. Da musste man gar nicht fragen, wie der Flug war. Aber Harrison Ford lebt ja noch.


Auf Jennifer Lopez musste man mal 4 Stunden warten. Nicht etwa weil der Flieger verspätet war. Nein, die zur Dekoration in der Interviewsuite drapierten Gladiolen, passten angeblich farblich nicht zu ihrem malvenfarbenen Kleid. Die Dekoration wurde drei Mal ausgetauscht. Und das waren mindestens 100 Gladiolen. Jetzt organisieren Sie bitte einmal selbst auch in Hamburg auf die Schnelle Hunderte von Gladiolen die zu Lopez malvenfarbenen Kleid  passen.
Man kann, zumindest die Angestellten des Verleihs schafften es. Der Witz war, die leichten Farbabweichungen hätte man nie bemerkt, denn bei dem minimalen Etwas von Kleid hätte man sowieso nichts bemerkt.


Beste Ausrede aber und immer wieder gerne benutzt, die Betreuer und das Hotelpersonal zu tyrannisieren; Die Temperatur des Mineralwassers auf dem Zimmer.


Ich schlenderte mal fröhlich und nichts ahnend den Hotelkorridor im Ritz Carlton in Cannes entlang um ganz am Ende meinen Gesprächspartner zu treffen, da flog kurz vor mir eine Zimmertür auf. Von innen lautes Gekeife, eine junge Hotelangestellte und eine Dame vom Verleih flüchteten raus und gingen in Deckung. Dann flogen zwei Perrierflaschen raus, gingen zum Glück nicht zu Bruch. Instinktiv duckte ich mich auch und wartete auf den Rest. Kam aber nichts mehr. Die beiden hoben die Flaschen auf kamen auf mich zu, die Dame vom Verleih grüßte mich mit einem gequälten Lächeln und machte nur einen Scheibenwischer.


Ich hab mich dann vorsichtig vorgetastet und um die Ecke gelinst um die Gefahrenlage abzuchecken. Tür stand ja noch offen. Und da stand sie mitten im Raum und keifte immer noch. „Ich will 8 Grad Wasser, nicht neun, nicht 7. 8 Grad.“ Dieses 8 Grad kam zigmal. Klar kannte ich sie, aber die Stimme hätte ich bei dieser Tonlage nie erkannt.
Gibt aber auch männliche Zicken.
Mel Gibson ist so eine.


„Braveheart“, München. Am Abend Filmpremiere mit dem Star persönlich. Autogrammjäger lieben so etwas. Da kann es regnen, schneien wie es will, da kann sibirische Kälte herrschen. Der Fan ist wetterfest, quasi unkaputtbar und steht sich am Toten Teppich stunden lang die Beine in den Bauch um 10 Sekunden von Gibson und Konsorten zu erhaschen.  Die meisten „Stars“ mögen das ja gar nicht so, erstens ist es kalt und die Kleider sind dünn und die Fragen derjenigen, die da das line-up machen (so nennt man die armen Journalisten, die da am Rande stehen müssen um Mikrofone in die Gegend zu halten, oft Praktikanten), nur um ein paar O-Töne zu erhaschen, sind oft so dünn wie die Kleidchen.


Tom Cruise liebt es, der kann sich stundenlang auf dem Roten Teppich sonnen. Er nennt es  Nähe zum Publikum. Mit uns Journalisten will er ja schon lange nicht mehr reden. Ist auch klar, da müsste er Farbe bekennen. Mittlerweile wollen die meisten von uns gar nicht mehr mit ihm reden.


Aber zurück zu Mel Gibson. Also erst Film dem geladenen Publikum zeigen. Meist ein paar Honorationen der Stadt, viele, viele deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler, die auch mal an Hollywood schnuppern wollen und vor allem jede Menge F-Prominenz. Da macht man auch vor Pornosternchen nicht Halt, Hauptsache die zeigen Haut. Pro7, RTL, SAT1 lieben das. Leider mittlerweile nicht nur die.
Film fängt an. Der Star futtert derweil beim Schuhbeck Fonsi und kommt nach dem Abspann auf die Bühne und sagt ein paar warme Worte.  Nach ein paar Minuten ist auch das vorbei.


Danach geht’s ab zur Party, denn ohne Party geht da gar nichts. Wenn man aber nach einem langen Tag nicht ein wenig dem Magen was gönnen möchte und ein wenig  smalltalk betreiben will, dann sind die meisten Partys mittlerweile dröge. Außerdem musste ich am nächsten Tag früh raus, war der zweite auf der Liste, weil das Interview musste am selben Tag noch in den Druck.


Üblicher Treffpunkt im Hotel. Kollegen waren da, meine Fotografin auch schon, Kamera immer schussbereit in der Hand. Also ois chicago. Vor mir war der Spiegel dran, da konnte nichts schiefgehen.
Denkste. Die beiden vom Verleih kamen angedackelt, völlig am Boden zerstört, drucksten herum. Die Interviews sind abgeblasen. Herr Gibson fühlt sich nicht wohl. Klar, heftiger Protest von allen, da schaute ich zufällig auf die Hintertreppe des Hotels, die zum Hinterausgang führte. Da kam doch tatsächlich ein Gibson herunter, fette Zigarre im Mund. Stups mein Fotografin an, die reagierte sofort und schoss ihn ab.
Da hatte der Kerl doch tatsächlich auch noch die Frechheit auf der Treppe stehen zu bleiben und frech herüberzugrinsen. Um dann langsam durch den Hinterausgang zu verschwinden. Die anderen hatten den gar nicht gesehen und die Kollegen vom Spiegel sagten mir später nur: „Reine Katastrophe der Kerl.“
Ob Katastrophe oder nicht. Unprofessionell. Aber das hat er dann später auch oft bewiesen.


Dann musste ich ja meinem Redakteur beichten, das es kein Interview gibt. Begeistert war der auch nicht. Ich ihm dann den Vorschlag gemacht, dass wir die Geschichte erzählen, Fotos hatten wir ja auch. Könnte aber Ärger geben. Wurde gedruckt mit fies grinsendem Gibson. Ich glaube ich hatte vorher noch nie so einen bösartigen Artikel geschrieben.


Aber Gibson steht da nicht allein auf weiter Flur. Nicht nur internationale Mitzicken, nein sehr viele Deutsche.
Deutsche Schauspieler und innen, oder solche die glauben es zu sein, sind ein Kapitel für sich.
Dazu mal einen Extra-Blog


Zur Ehrenrettung, die überwiegende Masse benimmt sich nicht wie die Axt im Walde. Mag sein, dass die privat Zicken sind. Aber im Job sind sie professionell. Aber wir wollen mit denen ja auch nicht das ganze Leben verbringen. Manchmal reichen die 30 Minuten völlig, die man bekommt.


Zum Schluss muss ich gestehen, ich hab auch mal gezickt und ein Interview abgebrochen. Gleich nach der ersten Antwort. War auch nicht professionell, aber mir war plötzlich danach.
Film: „Auf brenndendem Eis“. Talent: Steven Seagal. Der mit den fettigen Haaren und dem mini Schwänzchen am Hinterkopf.


Im Film ging es darum, dass er als Held am Ende eine komplette Ölplattform in der Arktis in die Luft jagt. Krach Bumm, Feuerpilze überall. Sah fast aus wie der Atompilz damals im Bikini-Atoll. Also eher typisches B-Movie. Danach ellenlanger Abspann mit einem Statement von Herrn Seagal zum Umweltschutz. Mir war sofort klar,was ich zuerst fragen würde. Die Folgen kannte man ja damals schon. Ich sage nur Shell. Seagal war nicht nur Hauptdarsteller auch Produzent und hatte auch angeblich am Drehbuch mitgewirkt.


War aber noch nicht dran, konnte aber erstmal mithören. Der erste Kollege wollte nur über Martial-Arts reden, den zweiten interessierten nur Einzelheiten vom Set. Dann kam ich.


Höflich, wie ich bin, beglückwünschte ich ihn erstmal zu seinem fulminanten Bekenntnis zum Umweltschutz. Er fühlte sich sichtlich gebauchpinselt. Dann begann ich mit meiner Frage.‘Ob denn so eine Zerstörung einer Plattform nicht unermesslichen Schaden an der Umwelt verursachen würde, bei der Menge Öl die dabei ungehindert ins Meer strömt?‘
Der schaut erst verwirrt, überlegt, die Augen funkeln böse und blafft mich an. ‚Ob ich denn den Film nicht verstanden hätte, vor allem das Ende. Das wäre keine Explosion, sondern eine Implosion gewesen. Also völlig harmlos für die Natur.‘
Ich dachte, ich hör nicht richtig, stand auf, bedankte mich mit einem ‚Das wars‘ und verließ den Raum.
Manche sieht man lieber nur einmal.


Der Einzige der mir damals leid getan hat, war der Pressechef der Warner. Der war gerade eine Woche im Amt auf diesem Schleudersitz. Und dann das. Ein Journalist, der von sich aus abbricht.
Aber er hat es mir verziehen und den Vorfall heil überstanden.

 

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Kommentare
abghoul schrieb am 02.02.2012 um 12:48
Hehe, das hat mir gefallen :)
Was eine verdrehte Welt, und die an der Schraube sind halt am verdehtesten ;)
Good Job, George
wahr schrieb am 02.02.2012 um 17:41
Ich muss bei der Filmkritiker-Serie immer ein wenig an Jörg Schröders "Siegfried" denken (März Verlag). Schröder haut zwar viel offensiver auf die Kacke, hatte damals aber auch eine andere Zielsetzung, nehme ich an, nämlich mit persönlichstem, sich auch selbst nicht schonendem Promi-Klatsch sowas wie literarisches Feuer zu legen unter das Gemauschel und die stillen Vereinbarungen, die dann im Literaturbetrieb nach außen hin als Wahrheit verkauft werden. Die Spex schrieb: "Klatsch als Waffe". Tolles Buch jedenfalls, das "Siegfried", und ich denke auch heute noch lesenswert. Und es wurde zwar viel weggeklagt und geschwärzt, aber soviel dann auch wieder nicht. Wer das auf dem Flohmarkt irgendwo rumliegen sieht ...

Und danke nochmal für die Filmkritiker-Serie, die zeigt, dass man auch längere Texte gut im Internet lesen kann, wenn es eben gut zu lesende Texte sind. Man merkt, dass Sie im Training sind, Herr Grote.
Georg von Grote schrieb am 03.02.2012 um 02:48
Ich danke für das nette Lob.
Zumal ich sogar nicht im Training bin, sondern damit gerade wieder beginne und merke, blogs können ein gutes Trainingsgelände sein.

Da Buch kenne ich übrigens. War aber in Vergessenheit geraten, obwohl ich mich damals köstlich amüsiert habe, auch wegen der Reaktionen.
Danke für den Kick an die Erinnerung. Werde es wieder rauskramen.
Georg von Grote
Journalist und Cosmopolit. Ach ja, auch noch Jurist und Hobbykoch. Über die restlichen erlernten Fähigkeiten hänge ich vorerst lieber den Mantel des Schweigens. :-)
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